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Protest: Blanker Hohn

An deutschen Universitäten läuft eine neue Protestwelle gegen die Sparprogramme der Politik. Zu Recht? Der stern begleitete zwei Studenten in Berlin und München, deren Fächer vor dem Aus stehen. Einblicke in den alltäglichen Bildungswahnsinn.

Als sich Florian Rustler für das erste Seminar seines Lebens anmeldete, guckte er in das Vorlesungsverzeichnis. Neun Uhr Einschreibebeginn, hieß es da, und Florian stand pünktlich um neun vor dem Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaften der Uni München. Er war einer der Letzten. In langen Schlangen warteten Hunderte vor ihm. Der Neuling hatte seine erste Lektion begriffen: "Man ist der Depp, wenn man pünktlich kommt." Zwar ergatterte Florian am Ende einen Seminarplatz - aber für das Seminar freitags von 18 bis 20 Uhr.

Schlechte Bedingungen

Nun hockt der 23-Jährige regelmäßig mit mehr als 50 Leuten in den Seminaren, was kein Wunder ist, denn die 2800 Studenten am Geschwister-Scholl-Institut werden von gerade mal acht Professoren unterrichtet. Lernen ist unter solchen Bedingungen ein kleines Wunder. Problem Nummer eins: Die Räume sind meistens zu klein. Problem Nummer zwei: Der Professor kommt mit dem Korrigieren der jeweils dreiseitigen Aufsätze der Studenten, die sie jede Woche abliefern, nicht nach. "Jetzt habe ich schon sechs Paper geschrieben", sagt Rustler, "aber noch keines zurückbekommen." Das sei kein Vorwurf an seinen Professor Uwe Wagschal, denn der, sagt Florian, "reißt sich den Arsch für uns auf".

Auch sonst erfüllt er nicht das Klischee eines Professors: Macht sich mit dieser Form des Seminars mehr Arbeit als einer, der Studenten 90 Minuten lang Referate halten und am Semesterende eine Hausarbeit schreiben lässt. Hat auch außerhalb der Sprechstunde Zeit für die Studenten. Schreibt Petitionen an den Landtag und befreit die Studenten von der Anwesenheitspflicht, wenn sie stattdessen demonstrieren gehen.

Und sie demonstrieren viel seit ein paar Wochen, seit bekannt wurde, dass der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser fünf Prozent des Hochschuletats streichen will, um sein ehrgeiziges Ziel zu erreichen: Bayern soll vom Haushaltsjahr 2006 an ohne Neuverschuldung auskommen. Da muss auch die Bildung dran glauben. Bisher galten die bayerischen Universitäten trotz Überbelegung als bundesweit bestens. Doch der Münchner Stoffwechselbiologe und Hirnforscher Christian Haass fürchtet angesichts der neuen Sparwut um den guten Ruf. "Welcher Spitzenwissenschaftler kommt noch in ein Land, wo unsicher ist, ob morgen seine Mittel zusammengestrichen werden?"

Anschwellender Protest

Dem Geschwister-Scholl-Institut (GSI) droht sogar die Schließung. Hektisch gründen die Studenten deshalb Arbeitskreise, um den anschwellenden Protest zu organisieren - AK Presse, AK Aktionsideen, AK think tank. Und den Arbeitskreis Mobilisierung, Ansprechpartner: Florian Rustler. Steht eine Aktion an, dann hockt Florian mit Freunden im Fachschaftszimmer im Untergeschoss des Instituts vor den Türmen leerer Limo- und Colakästen und sprayt Slogans wie "2800 Studenten suchen Asyl" auf die Transparente. Oder: "Ganz rapid von München nach Augsburg."

Dort haben sie vergangene Woche die Uni gestürmt, weil sie sich über eine Bemerkung von Friedrich Pott, dem Personalleiter der Uni München, wahnsinnig geärgert hatten. Der schnodderte über die drohende Schließung des GSI: "Der Zug fährt auch nach Augsburg." 150 reisten deshalb mit dem Regionalexpress an, besuchten eine der nur zwei angebotenen Augsburger Politikvorlesungen, setzten sich auf den Boden und lehnten sich an die Wände - so voll war der Raum. Man bekam eine Ahnung, was passierte, kämen zu den 900 Augsburger Politikstudenten die 2800 aus München dazu.

Deutschlands Rohstoff Nummer eins ist die Bildung? In einer Wissensgesellschaft wird es immer wichtiger, wie gut die jungen Menschen ausgebildet sind? Von wegen. Was Politikern von Gerhard Schröder bis Edmund Stoiber beinahe wöchentlich so locker über die Lippen kommt, erscheint in der Praxis wie Hohn. Nicht nur in Bayern. Auch Niedersachsen und Berlin zwingen ihren chronisch unterfinanzierten Unis neue, gewaltige Sparpakete auf; die Länderchefs Christian Wulff und Klaus Wowereit dürften damit Geschichte schreiben: Zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland müssen als Folge ihrer Sparpolitik nicht nur Studiengänge, sondern komplette Fakultäten und sogar Hochschulstandorte dichtgemacht werden.

Es regiert der pure Zufall

Das Schlimmste daran: Es regiert der pure Zufall. Demnächst frei werdende Stellen können nicht wiederbesetzt werden, egal, ob das Fach gut oder schlecht ist. Vom Aussterben bedroht sind Architektur, Maschinenbau und Elektrotechnik sowie die meisten Geisteswissenschaften an der Technischen Uni Berlin, Soziologie und Romanistik in Hannover, Politik in München, Bibliothekswissenschaften an der Humboldt Uni Berlin, Architektur- und Bauingenieurwesen in Buxtehude und Nienburg, Jura in Dresden, um nur wenige Beispiele zu nennen.

Bildungsabbau auf breiter Front. Dabei sind sich alle Experten einig: Wir haben in Deutschland nicht zu viele Studienplätze, sondern zu wenig. Die Zahl der Studenten hat sich seit 1980 fast verdoppelt und wird trotz des Geburtenrückgangs weiter steigen, weil mehr Leute eines Jahrgangs an die Unis strömen - die Zahl der Professoren dagegen stagniert seit Jahren. Die Wut darüber treibt die Studenten auf die Straße. Vor allem in Berlin.

Zwei Stationen, neun Unterschriften - "läuft doch", sagt Ina Lucas, klemmt sich die eng beschriebene Liste unter den Arm und macht sich daran, auch den hinteren Teil des S-Bahn-Waggons abzuklappern. Jeden Fahrgast spricht sie einzeln an: "Guten Tag, könnten Sie so freundlich sein und unseren Kampf um den Erhalt unseres Instituts unterstützen?" Dazu noch ein großes Lächeln, und schon hat Ina die Unterschrift. "Medizinerin, was?", sagt der alte Mann, nickt und deutet auf Inas weißen Kittel. Die schüttelt den Kopf und klopft auf das große, rote Apotheker-A, das sie sich auf den Kittel gesprüht hat. "Pharmazie, drittes Semester."

Aufklärungsarbeit

Nicht Streik nennt die 20-Jährige aus Berlin-Pankow ihre Aktion in der S-Bahn. Sondern Aufklärungsarbeit. Zu der hat sie sich vor ein paar Tagen entschlossen. Als ihr klar wurde, dass am Pharmazeutischen Institut der Freien Universität Berlin vier Professorenstellen gestrichen werden. Vier von elf. Darunter die Professur für Klinische Pharmazie, Pflichtfach im Zweiten Staatsexamen. "Jetzt sollen wir in einem Fach geprüft werden, das an unserer Uni gar nicht gelehrt wird", sagt Ina Lucas, "wer kommt auf solche Ideen?"

Das hätte sie an diesem Vormittag in der vergangenen Woche gern den Präsidenten der FU gefragt. Und ihm die 1835 Unterschriften auf den Tisch geknallt, die sie mit ihren Kommilitonen gesammelt hat. Doch zu dieser Begegnung kam es nicht. Zwar war ein stattlicher Trupp Zweit- und Drittsemester vor das Präsidialamt gezogen, zwar hatten fast alle trotz des Nieselregens ausgeharrt, eine Stunde lang ihre Transparente und den Holzgalgen in den Winterhimmel gehalten und damit für zwei Delegierte Einlass erwirkt. Doch nur zum Vize. Der Präsident war nicht da und ließ bestellen, dass er keine Zeit habe, mit ihnen zu sprechen. "Warum nicht?", hatte Ina Lucas da gemurmelt. Die FU sei immerhin die einzige Uni in Berlin und Brandenburg, die Pharmazie anbiete. "Unsere Sorgen, dass die Fakultät kaputtgespart wird, sind doch berechtigt."

Es geht nicht nur um Professorenstellen. Mit ihnen verschwinden Spezialthemen, Forschungsgebiete und -gelder sowie Assistentenstellen. Das trifft die jetzigen Drittsemester besonders hart. Denn die Assis betreuen die Praktika der Studenten, und wenn die Kürzungen wahr werden, verlieren die Studenten an die 30 Betreuer. "Eine Katastrophe", sagt Ina. Sie ist wütend und enttäuscht und erinnert sich, wie es war nach dem Abi, als sie an die Uni kam: endlich studieren, endlich Pharmazie. "Ich hatte gedacht, das wird jetzt das ganz große Ding." Stattdessen dieses Institut, dessen rechte Hälfte sie noch nie betreten hat, weil da "diese ewige Baustelle" ist, die kleinen Labors, kaputte Geräte, die provisorischen Ausweichhörsäle, die manchmal mehrere Busstationen auseinander liegen.

Sonntagsreden der Politiker

"Wenn man die Sonntagsreden von Politikern hört, wie wichtig Bildung sei, kann einem schon die Galle hochkommen", sagt Professor Rainer Künzel, Präsident der Universität Osnabrück. Auch von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn können sich Professoren wie Künzel und Studenten nur verraten fühlen: Offiziell bekundet die SPD-Politikerin Solidarität mit den Demonstranten und meiert die Bundesländer wegen ihrer Kürzungen ab - "Ich halte das für falsche Weichenstellungen". Selbst aber strich sie den Bundesetat für Hochschulbau um 200 Millionen Euro zusammen.

Der Volkswirt Rainer Künzel saß 1992 in einer Kommission der Hochschulrektorenkonferenz. Die errechnete schon damals, dass den Hochschulen bis 2010 pro Jahr 4,5 Milliarden Euro fehlten, plus 50 Milliarden, um die vielen maroden Uni-Gebäude zu retten, in denen es durchregnet und der Putz von den Wänden bröckelt. Das Geld ist nie geflossen. Viele der deutschen Hochschulen seien heute nicht mehr konkurrenzfähig, sagt Künzel.

Welche Auswege gibt es aus der Dauermisere? Erstens: Die Unis steigern ihre Effizienz - denn natürlich, so Godehard Ruppert, Rektor der Uni Bamberg, gebe es Sparpotenzial. Voraussetzung: "Wir bekommen klare Rahmenbedingungen für die nächsten acht bis zehn Jahre. Dann machen wir einen Sparplan." Zweitens: Das Tabuthema Studiengebühren wird endlich geknackt. Der Osnabrücker Präsident Künzel ist sicher: "Wir brauchen Studiengebühren, um unabhängiger zu werden vom Staat." Solange Studenten mit Rentnern und Arbeitslosen um knapper werdende Steuergelder konkurrierten, würden sie immer den Kürzeren ziehen.

“Total dagegen“

"Unter den derzeitigen Bedingungen bin ich total dagegen", wehrt sich der Münchner Politikstudent Florian Rustler. "Es kann nicht sein, dass man kürzt und uns gleichzeitig Studiengebühren aufzwingt. Da würde ich für eine schlechtere Leistung mehr Geld bezahlen, und das ist eine Schweinerei." Bei den Studenten von der Technischen Universität München heißt es dagegen: Wir machen bei den Demos nur mit, wenn es nicht gegen Studiengebühren geht. Und eine Umfrage unter Göttinger Geisteswissenschaftlern kommt zu dem Schluss: "Ein Konzept wie beim Bafög, das Gebühren nach Abschluss des Studiums einkommensabhängig erhebt, ist diskutabel und sozial verträglich." Vorausgesetzt, das Geld fließt direkt an die Unis.

Und gerechter wäre es auch: Momentan finanziert der Fliesenleger durch seine Steuern dem Arztsohn das kostenlose Studium. Das Zentrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh hat Gebühren-modelle fix und fertig in der Schublade liegen. Voraussetzung: Das Geld kommt nur der Verbesserung der Lehre zugute, die Länder kürzen nicht weiter ihre Bildungsausgaben. Jede Uni, so das Konzept, soll bis zu einer Obergrenze selbst entscheiden, ob und wie viel Gebühren sie erhebt; die Studenten erhalten Stipendien oder Darlehen von Banken, Kommunen, dem Studentenwerk oder der Uni selbst. Je nach Einkommenshöhe wird der Kredit nach Studienende zurückgezahlt. Damit solle sichergestellt werden, dass niemand unter der Schuldenlast erstickt.

Berlin, Bahnhof Friedrichstraße. Ina Lucas und ihre Kommilitonen steigen aus der S-Bahn aus, an der Siegessäule wollen die Studenten sich wiedertreffen, mit Kerzen und Transparenten zur Lichterkette. Einer berichtet von Tumulten, 200 Studenten hätten versucht, das Hotel "Maritim" in der Friedrichstraße zu stürmen, die Polizei habe eine Blockade geräumt, mit Helmen und Plastikschilden, da werde es einem schon mulmig: "Ob die Polizei immer weiß, wer die Guten und wer die Bösen sind?" Ina Lucas lacht und sagt: "Wir sind doch ganz lieb."

Mitarbeit: Patrick Hemminger

Angelika Dietrich/Annette Goebel/ Doris Schneyink / print

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