stern TV-Test Großpackung gekauft - und draufgezahlt


Große Packung = teure Packung: Über den Verbrauchernepp berichtete stern TV erstmals vor acht Monaten. Ein erneuter Test hat ergeben: Es gibt noch viel mehr Fälle von überteuerten Großpackungen.
Von Stephanie McClain und Sönke Wiese

Nicht ohne Grund ist bei großen Verpackungen auch von "Vorteilspackungen" die Rede. Wenn Kunden eine Großpackung kaufen, gehen sie davon aus, dass Mengenrabatt gewährt wird. Höchstens sollte das Produkt so viel kosten wie die gleiche Menge in kleinen Verpackungen. Wer mehr auf einen Schlag kauft, will dabei sparen. Doch oft ist das Gegenteil der Fall. Manche Supermärkte und Hersteller geben dem Begriff "Vorteilspackung" eine neue Wendung: Der Kunde zahlt häufig drauf.

Auszeichnung von Stiftung Warentest

Über diesen Verbrauchernepp berichtete stern TV erstmals im Oktober vergangenen Jahres. Unter anderem für diesen Beitrag zeichnete Stiftung Warentest die Redaktion mit dem zweiten Preis für Verbraucherjournalismus aus. Die Recherchen hatten ergeben: Es gibt eine Vielzahl von überteuerten Großpackungen - und die Preisfallen lauern überall. "Dahinter steckt eine gezielte Strategie", sagte Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Im Supermarkt geschieht nichts zufällig."

Viele der Händler und Hersteller hatten fadenscheinige Begründungen parat, die Verantwortlichen sprachen von Sonderaktionen oder Einzelfällen. In Zukunft, so der allgemeine Tenor damals, solle sich für die Kunden der Kauf von Großpackungen wieder lohnen.

55 überteuerte Großpackungen

Das wollte stern TV überprüfen und startete acht Monate später einen erneuten Test-Einkauf zusammen mit der Verbraucherzentrale Hamburg. Das Ergebnis: Nichts hat sich an der heimlichen Preistreiberei geändert. Ob in Supermärkten, Drogerien oder Baumärkten: In allen zehn besuchten Geschäften in Hamburg und Köln gab es verhältnismäßig teurere Großpackungen. Insgesamt 55 Fälle wurden diesmal entdeckt - von Sonnenmilch über Süßigkeiten bis hin zu Reinigungsspray. Nur wenige der Preise aus der ersten stern TV-Berichterstattung sind korrigiert worden.

Inzwischen wurde auch eine wissenschaftliche Studie über die versteckten Preisfallen bei Großpackungen erstellt. Dr. Eckhard Benner von der Universität Hohenheim hat 122 Fälle gefunden. Die Uni-Untersuchung ist die erste ihrer Art in Deutschland, während es in Kanada, Griechenland, England und weiteren Ländern schon vor Jahren ähnliche Studien durchgeführt wurden. Auch im Ausland lässt sich der Verbrauchernepp überall finden - nur sind die Preisspannen offenbar nirgends so hoch wie in Deutschland.

Die Tricks des Einzelhandels

"Wir finden das Verhalten des Einzelhandels in dieser Sache nicht redlich", sagt Schwartau. Zwar müssen Geschäfte den Grundpreis der Ware beispielsweise in Gramm oder Liter angeben, damit dem Käufer der Preisvergleich erleichtert wird. Doch allzu häufig seien diese Angaben klein geschrieben und unleserlich angebracht. Auch seien die verschiedenen Packungen desselben Produkts oft weit voneinander entfernt platziert, so dass der Preisvergleich erschwert würde. Wer also nicht Zeit und Muße hat, die Regale aufmerksam zu studieren, zahlt schnell drauf.

Schwartau vermutet, dass Hersteller und Einzelhandel Hand in Hand arbeiten - nach dem Motto: Der Verbraucher wird schon drauf reinfallen. "Uns ist aufgefallen, dass die Fälle immer wieder bei Produkten von ganz bestimmten Herstellern und vor allem in Großmärkten auftreten." Juristisch gibt es keine Möglichkeit, gegen diesen Verbraucher-Nepp vorzugehen. Deswegen hat Schwartau nur einen Rat: Bevor Kunden blind zu der einen oder anderen Packung greifen, sollten sie stets die Grundpreise miteinander vergleichen.


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