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Südkorea Nach 44 Jahren: Verloren geglaubte Tochter sieht zum ersten Mal ihre Familie wieder

Der Namdaemun Markt in Seoul, Südkorea.
Der Namdaemun Markt in Seoul, Südkorea. Hier ging 1976 Yoon Sang-ae verloren. 
© Yonhap/ / Picture Alliance
Vor 44 Jahren ging die damals dreijährige Yoon Sang-ae auf einem Markt in Südkoreas Hauptstadt Seoul verloren. Mithilfe einer DNA-Probe konnte die Tochter in den USA wiedergefunden werden – und sich die Familie endlich über Webcam wiedersehen.

Es ist ein Horrorszenario für alle Eltern: Das Kind geht verloren und taucht nicht wieder auf. Dies ist der Südkoreanerin Lee Eung-soon passiert. Im Juni 1976 ging ihre damals dreijährige Tochter Yoon Sang-ae auf einem belebten Markt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul verloren. Jahrzehntelang war die Tochter verschwunden. Jetzt aber, nach 44 Jahren, sahen sich die verloren geglaubte Tochter, Mutter und Geschwister wieder – wenn auch nur über Webcam, wie die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap berichtete. Das tränenreiche Wiedersehen fand demnach bereits vergangene Woche statt.

Yoon Sang-ae, die heute 47 Jahre alt ist und in den USA lebt, besuchte mit ihrer Großmutter vor 44 Jahren den Namdaemun-Markt. Dort ging das Mädchen im Getümmel verloren. "Meine Mutter, die vom Land zu Besuch war, verlor für einige Sekunden ihren Orientierungssinn in der geschäftigen Stadt", sagte die heute 78-jährige Lee der südkoreanischen Zeitung "The Korea Times"

Wiedersehen dank DNA-Proben

Nach ihrem Verschwinden habe sie sich kurz in einem Krankenhaus in der südkoreanischen Stadt Suwon aufgehalten. Wie sie dorthin gelangt ist, sei unklar. Man habe ihr gesagt, sie sei verlassen worden, so Yoon. "Ich wusste nie, dass ich eine Familie habe." Wenige Monate später flog Yoon in die USA, wo sie von einem Paar adoptiert wurde. Heute trägt sie den Namen Denise McCarty und ist US-Bürgerin.

Dass die Familie wiedervereint wurde, – zumindest über das Internet – kam durch DNA-Proben von Mutter und Tochter zustande, wie Yonhap weiter berichtet. Yoon habe ihre DNA-Probe 2016 bei einem Besuch in Südkorea abgegeben, als sie dort auf der Suche nach ihrer Familie war. Ein Jahr später habe ihre Mutter eine Probe abgegeben, in der Hoffnung, ihre Tochter zu finden.

Nachdem der südkoreanische Nationale Forensische Dienst (NFS) festgestellt hatte, dass die beiden in biologischer Beziehung zueinanderstehen, habe Yoon einen weiteren DNA-Test durchlaufen müssen, um die Ergebnisse zu bestätigen. Die DNA-Probe sei dann nach Südkorea geschickt worden, wo der NFS dann Ende September die Verwandtschaft bestätigt habe. Sie sei sehr geschockt gewesen, sagte Yoon. 

Familie in Südkorea suchte jahrelang

Wegen der Corona-Pandemie fand das Wiedersehen, das von der Polizei organisiert wurde, per Online-Video-Übertragung statt. Neben Mutter Lee waren Yoons älterer Bruder und ihre Zwillingsschwester anwesend. "Meine geliebte Tochter! Ich hoffe, dich bald (von Angesicht zu Angesicht) zu treffen! Ich freue mich so, dich wiederzusehen! Mein Traum ist endlich wahr geworden", sagte Lee Eung-sun mit Tränen in den Augen. "Ich liebe dich so sehr! Wir haben jeden Tag nach dir gesucht", sagte Yoons Zwillingsschwester bei ihrem Wiedersehen.

Lee und ihre Familie hatten unter großem Aufwand nach der vermissten Yoon Sang-ae gesucht, wie sie der Zeitung erzählt. "Wir haben eine polizeiliche Suche angefordert. Wir haben Flyer mit ihrem Foto angefertigt und sie auf dem Markt verteilt. Wir sind in einer Fernsehsendung aufgetreten, die Menschen dabei half, verlorene Familienmitglieder zu finden. Wir haben auch viele Waisenhäuser in Seoul besucht, um nach ihr zu suchen." Sie habe sogar ein Bekleidungsgeschäft auf dem Markt eröffnet, in der Hoffnung, dass ihre Tochter dorthin zurückkehre. 

"Ich möchte die ganze Zeit tanzen"

"Wir haben dich nie verlassen", sagte die Mutter unter Tränen während des Gesprächs mit ihrer Tochter. Yoon Sang-ae wünsche sich, ihre Familie bald persönlich wiederzusehen, sie zu umarmen und mit ihr gemeinsam zu essen. Ein Treffen im nächsten Frühjahr sei geplant.

Nach dem Wiedersehen sagte Lee der Zeitung: "Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich bin. Ich möchte die ganze Zeit tanzen. Schlaflose Nächte voller Trauer sind jetzt vorbei. Ich bin so glücklich und kann es kaum erwarten, sie persönlich zu sehen." Viele Menschen würden ihr zu der guten Nachricht gratulieren.

Lee dankte gleichzeitig auch den Adoptiveltern von Yoon, die laut "Korea Times" auch zu dem Wiedersehen erwartet werden. "Ich kann ihren Eltern in den USA, die sie gut erzogen haben, nicht dankbarer sein. Ich kann es kaum erwarten, sie persönlich zu treffen und ihnen zu danken."

Laut Yonhap ist der Fall von Yoon Sang-ae der erste in Südkorea, bei dem ein in Südkorea geborenes und in Übersee adoptiertes Kind durch ein neues Programm gefunden wurde. Das Programm existiere seit Januar dieses Jahres und ermögliche es, dass adoptierte Menschen außerhalb Südkoreas DNA-Proben abgeben können, ohne selbst in das Land reisen zu müssen.

rw

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