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Besonderer Geburtsort: Geboren im Bunker während des 2. Weltkriegs: Das Wiedersehen der "Reichstagsbabys"

In den letzten Kriegsjahren des 2. Weltkriegs wurden im Keller des Berliner Reichstages Kinder auf die Welt gebracht. Nach 75 Jahren gab es im Parlament ein Wiedersehen der "Reichstagsbabys". 

Geburtsurkunde einer im Reichstag geborenen Frau

Die Geburtsurkunde eines Babys, welches am 15. September 1944 im Reichstagsgebäude zur Welt kam

DPA

Im Berliner Reichstag wurde schon öfter Geschichte geschrieben. Ein Kapitel ist allerdings kaum bekannt und erforscht. Es hat mit Babys zu tun. 

Mareile Van der Wyst ist stolz auf ihren Geburtsort. So stolz, dass sogar ein Foto des Gebäudes ihre Visitenkarte ziert. Darauf ist der Reichstag zu sehen, vor dem Brand im Februar 1933 – ein Sinnbild für das vorläufige Ende der deutschen Demokratie nach der Machtübernahme der Nazis. Denn was viele nicht wissen: Zur bewegten Geschichte des 1894 fertiggestellten Prachtbaus in der Mitte Berlins gehört ein Kapitel, das so gar nichts mit Parlamentarismus zu tun hat. In den letzten Kriegsjahren war im Keller eine Geburtsstation untergebracht – um Frauen in den Bombennächten eine halbwegs sichere Entbindung zu ermöglichen.

Und so steht auf Van der Wysts Geburtsurkunde, ausgestellt vom Standesamt Berlin-Tiergarten: "Am 15. September 1944 in Berlin im Reichstagsgebäude geboren". Die 74-Jährige, deren Nachname damals Dieckhoff war, bewahrt sie zu Hause in Großbeeren bei Berlin wie einen Schatz im Safe auf.

"Ich bin ein Reichstagsbaby. Das ist einfach eine irre Geschichte", erzählt die lebenslustige Rentnerin. "Mir war lange nicht klar, dass das so ist." Erst als in das umgebaute Reichstagsgebäude der Bundestag einzog und sie zu einer Feierstunde eingeladen wurde, sei ihr das Besondere ihres Geburtsortes klarer geworden. "Das muss 1999 gewesen sein", sagt sie und blättert in einem dicken Ordner, in dem sie seit 20 Jahren alles rund um das Thema sammelt.

Viel ist heute über die provisorische Geburtsstation der damaligen 2. Universitätsfrauenklinik der Charité nicht bekannt. "Den überlieferten Quellen ist nicht zu entnehmen, von wann bis wann die Charité den Reichstagskeller als nächtlichen Schutzraum für hochschwangere Frauen, Wöchnerinnen und ihre Neugeborenen nutzte", heißt es dazu aus dem Bundestag.

"Viele Unterlagen verbrannt"

Unklar sei auch, wie viele Babys dort zur Welt kamen. Nicht einmal die genaue Lage der Station im Keller, dessen Räumlichkeiten durch Umbauten inzwischen verändert wurden, sei bekannt. Das Institut für Geschichte der Medizin der Charité kann ebenfalls nicht weiterhelfen. "Wahrscheinlich sind viele Unterlagen in den Kriegswirren verbrannt", sagt der Rostocker CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Stein, der sich mit der Thematik schon seit längerem beschäftigt.

Fachleute gehen davon aus, dass im Untergrund des Reichstages von 1943 bis 1945 entbunden wurde. Als Beleg wird auf die Geburtsbücher des Standesamtes Tiergarten verwiesen. Eine ähnliche Geburtsstation gab es zeitweise auch im Bunker der damaligen Reichskanzlei, sagt die Charité-Gastwissenschaftlerin Susanne Doetz, deren Forschungsschwerpunkt die Medizin im Nationalsozialismus ist.

"Meine Eltern wohnten damals in Berlin-Lichtenberg", schildert Van der Wyst die Situation ihrer Familie 1944. "Tagelang pendelte meine hochschwangere Mutter jeden Abend in den Reichstagsbunker und morgens wieder zurück in die Wohnung." Das sind zehn Kilometer hin und zehn Kilometer wieder zurück. "Ich habe keine Ahnung, wie sie das in der stark zerstörten Stadt, in der es immer wieder Fliegeralarm und Bombenangriffe gab, geschafft hat." Schließlich entband die Mutter ein gesundes Töchterchen und nannte es Mareile.

Treffen der "Reichstagsbabys" 

Rund 75 Jahre nach ihrer Geburt haben sich ehemalige "Reichstagsbabys" im heutigen Bundestagsgebäude getroffen. "Wir wissen nicht, wie viele hier zur Welt gekommen sind. Die Unterlagen sind alle vernichtet", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble bei dem Empfang am Sonntag. 

"Jedes Mal wenn ich meine Geburtsurkunde vorlege, sind die Menschen verblüfft", sagte der Berliner Michael Turnes. "Geboren im Reichstag" sei handschriftlich auf dem Dokument vermerkt. Der 75-Jährige lebte lange Zeit im Ausland und kehrte in den 90er Jahren in seine Geburtsstadt zurück. "Ich habe den gleichen Vermerk auf meiner Geburtsurkunde, allerdings mit Schreibmaschine", sagte Monika Eiser, die aus Kassel angereist war. "Berlin und der Reichstag sind immer etwas Besonderes für mich – man spürt die Geschichte". 

Dass in Kriegszeiten in diesem Gebäude Leben entstand, sei fantastisch, sagte der Bundestagspräsident. Die "Reichstagsbabys" schlugen vor, eine Gedenktafel an die damalige Geburtsstation anzubringen und sammelten hierzu Unterschriften. "Wir werden irgendwas in dieser Richtung machen", versprach Schäuble.

ky / DPA
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