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USA: "Manikürte Zwerge"

Andere Länder, gleiche Probleme? Michael Streck über den Kinderalltag in den USA.

Unsere Töchter waren gerade im Camp. Jedes amerikanische Kind kennt Camps. Denn die Sommerferien sind mindestens zwei Monate lang, und amerikanische Eltern haben maximal zwei Wochen Urlaub im Jahr. Deshalb gibt es Camps, betreutes Spielen. Die kleinere Tochter kam erstaunt zurück am ersten Tag des Camps. Sie waren schwimmen, schöne Sache an sich. Aber alle zehn Minuten mussten sie raus aus dem Pool, weil ein Betreuer rief: "Buddy-Check!". Was so viel heißt wie "Kumpels zählen". Auf diese Weise prüfen die Betreuer, ob in den letzten zehn Minuten ein Kind abgesoffen ist. Die kleinere Tochter fand das reichlich "stupid". Sie wollte schwimmen und keine Kumpels zählen, die eh nicht absoffen. Aber wir erklärten ihr, dass das so ist in Amerika. Denn, nicht wahr, nichts geht hier über die Sicherheit der lieben Kleinen. Deshalb dürfen Kinder unter zwölf Jahren nicht alleine Fahrrad fahren, nicht alleine schwimmen, nicht mal alleine aufs öffentliche Klo. Andererseits dürfen amerikanische Kinder schon mit zwei Jahren in TV-Shows auftreten, mit fünf Schönheitswettbewerbe gewinnen und mit 16 Auto fahren und kurz darauf prima Pistolen kaufen. Denn Amerikaner, das steht mal fest, sind furchtbar kinderlieb. Und reiche Amerikaner tun wirklich alles für den Nachwuchs.

Neuester Schrei sind Spas für Fünf- bis Zwölfjährige, in denen die für sündhaft viel Geld Gesichtsmasken verpasst kriegen und die Nägel lackiert und den Rücken massiert. Danach sehen die zwar nicht mehr wie Kinder aus, sondern wie manikürte Zwerge, aber den Eltern gefällt es, Hauptsache. Amerikanische Kids haben es richtig gut. Morgens holt sie der gelbe Schulbus ab, und die Autos stoppen auf beiden Straßenseiten. Kurz darauf schlappen sie durch eine Metallschleuse wie auf dem Flughafen in die Bildungsanstalt. Sie könnten ja ihre prima Pistolen dabei haben und andere versehentlich erschießen. Amerikaner denken wirklich an alles.

Unsere Töchter haben sich langsam gewöhnt an Amerika. An viel Vorsicht und Verbote, Land der beschränkten Möglichkeiten. Sie sind unselbstständiger als früher und stellen Fragen, die sie in Deutschland nie gestellt haben. Neulich krähte die Kleinere quer über den Strand: "I have to pee! Darf ich aufs Klo-hoo?" Wir nickten stumm und peinlich berührt. Und dann, good old Europe!, hüpfte sie ins Meer.

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