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Verbraucher: Im Würgegriff der Inflation

Schlechte Nachrichten für Verbraucher: Trotz des Öl-Krisengipfels befürchten Experten, dass die Benzinpreise weiter steigen. Mehr Geld steht den Deutschen für Sprit aber nicht zur Verfügung. Neue Zahlen belegen, dass die hohe Inflation die Lohnerhöhungen erneut aufgefressen hat.

Trotz der in Aussicht gestellten Produktionserhöhungen rechnen Experten nicht mit sinkenden Preisen an deutschen Tankstellen. "Der Gipfel in Saudi-Arabien hat nicht gereicht, um eine Trendwende einzuleiten", sagte Rainer Wiek vom Hamburger Energie-Informationsdienst. Seiner Ansicht nach werden die Preise an den Zapfsäulen "entweder gleichbleiben oder steigen".

Auch Andreas Hölzel, Verkehrsexperte des ADAC, warnt vor weiteren Preisrunden beim Benzin. Obwohl Preis-Prognosen "extrem schwierig" seien, dürfte der Beginn der Ferien in Hessen und Rheinland-Pfalz an diesem Montag für steigende Preise sorgen. "Es ist zu befürchten, dass noch ein bisschen was draufgelegt wird", erklärt er stern.de.

Ein erstes Anzeichen für die These der Experten kommt aus den USA: Dort ist der Ölpreis unmittelbar nach Ende des Krisengipfels in Saudi-Arabien erneut deutlich gestiegen. Im frühen Handel kostete ein Barrel US-Leichtöl der Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) 136,48 US-Dollar. Das waren 1,12 Dollar mehr als zum Handelsschluss am Freitag.

Vor allem die hohen Energiepreise sind es, die den Wirtschaftsaufschwung weiter nicht in den Taschen der Arbeitnehmer ankommen lassen. Zwar stieg der Durchschnittsverdienst eines vollzeitbeschäftigten Deutschen im ersten Quartal des Jahres auf 3064 Euro brutto, die Verbraucherpreise erhöhten sich indes noch stärker.

Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, lag der für das erste Quartal 2008 ermittelte Wert damit um 2,8 Prozent höher als vor einem Jahr. Er bezieht sich auf die Einkommen im produzierenden und im Dienstleistungsgewerbe. Der Verbraucherpreisindex stieg in diesem Zeitraum um 2,9 Prozent, also um 0,1 Punkte stärker als die Verdienste.

Öl-Förderstaaten warnen vor zu hohen Erwartungen

Wegen des hohen Ölpreises, der neben der Nahrungsmittelkrise einer der Haupttreiber der hohen Inflation in Deutschland ist, hatten mehrere arabische Golfstaaten bei einem Öl-Krisengipfel in Saudi-Arabien über Gegenmaßnahmen debattiert. Dabei signalisierten sie am Wochenende ihre Bereitschaft, noch mehr Öl zu fördern als bisher. Gleichwohl wiesen die Förderstaaten die Schuld an den derzeit hohen Ölpreisen zurück und warnten vor überzogenen Erwartungen. Verantwortlich für die Preisexplosion beim Rohöl seien Spekulationen, die steigende Nachfrage und hohe Steuern in den Industrieländern, hieß es.

"Dadurch, dass man sich auf die Steigerung der Produktion konzentriert, wird man nicht kurzfristig die Ölpreise senken können", sagte Saudi-Arabiens Öl-Minister Ali al Nuaimi vor Vertretern von 36 Staaten und 22 Ölfirmen in der Hafenstadt Dschidda.

Auch Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erwartet nach dem Krisengipfel keine direkte Entspannung beim Ölpreis mehr. Glos sagte im ARD-Morgenmagazin, er glaube nicht, dass sehr rasch größere Mengen an Erdöl zur Verfügung stünden. Dazu sei in den vergangenen Jahren zu wenig in die Erschließung von Ölfeldern und in Raffinerien investiert worden. Öl und Gas blieben "auf Dauer ein knappes Gut". Mit dem Ölhahn sei es nicht so wie mit dem Wasserhahn, den man auf- und zudrehe, und die Wirkung sei sofort da. Wichtig sei, dass auf dem Gipfel in Saudi-Arabien am Sonntag der Dialog zwischen Förderländern und Verbraucherländern aufgenommen worden sei.

Unmittelbar nach dem Treffen hatte Glos indes noch das Gegenteil behauptet. "Ich gehe davon aus, dass von dieser Konferenz ein deutliches Signal an die internationalen Ölmärkte ausgeht, das zu einer Beruhigung der Preisentwicklung beitragen kann", sagte Glos direkt nach Ende des Gipfels.

Streit im OPEC-Lager

König Abdullah von Saudi-Arabien hatte zuvor offiziell die bereits erwartete Steigerung der Öl-Produktion seines Landes auf 9,7 Millionen Barrel pro Tag angekündigt. Saudi-Arabien sei überdies zu einer weiteren Erhöhung der Förderung bereit, falls die Nachfrage steigen sollte, sagte er. Auch Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate bekundeten ihre Bereitschaft, mehr Öl zu fördern. Dies lehnen andere Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ab, darunter Algerien und Venezuela. Sie wollen über höhere Förderquoten nicht vor dem nächsten regulären Opec-Ministertreffen im September sprechen.

Die USA hatten zu Beginn des Öl-Krisengipfels eine Steigerung der Produktion als Mittel gegen den hohen Ölpreis angemahnt. US-Energieminister Samuel Bodman sagte: "Die Marktdaten zeigen uns, dass die Produktion nicht mit der wachsenden Nachfrage Schritt gehalten hat, was zu höheren und immer instabileren Preisen geführt hat."

Brown will Atomkraft fördern

Der britische Premierminister Gordon Brown sagte in Dschidda, angesichts der hohen Energiepreise und wegen der steigenden Nachfrage seien mehr Investitionen in Atomkraft und erneuerbare Energien notwendig. Bis zum Jahr 2050 müssten weltweit 1000 neue Atomkraftwerke und 700.000 weitere große Windturbinen gebaut werden, sagte er. Außerdem müsse sechsmal mehr Energie aus Sonnen- und Wasserkraft sowie Biomasse gewonnen werden als bisher. Er forderte die ölproduzierenden Länder auf, einen Teil ihrer durch die steigenden Preise erzielten Milliardenprofite dafür zu investieren.

chs/AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters

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