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Unesco-Weltkulturerbe: Köln zittert, Süddeutschland hofft

Mit gemischten Gefühlen beobachtet man in Deutschland die Tagung der Unesco-Kommission im südafrikanischen Durban. Während der Limes Chancen hat, in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen zu werden, droht der Stadt Köln Ungemach.

Er ist 550 Kilometer lang, durchzieht vier Bundesländer und gilt als das größte Bodendenkmal Europas. Vor knapp 1.900 Jahren begannen die Römer in Deutschland mit dem Bau einer gewaltigen Grenzanlage, des obergermanisch-raetischen Limes. In dieser Woche entscheidet die Unesco in der südafrikanischen Hafenstadt Durban, ob der Limes zum Weltkulturerbe erhoben wird.

Rund 160 Jahre lang trennte der Limes die römischen Provinzen Obergermanien und Raetien von den germanischen Stammesgebieten. Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus wurde mit dem Bau begonnen. Nach verschiedenen Streckenänderungen erhielt der Grenzwall um etwa 160 nach Christus sein endgültiges Gesicht. Die im wesentlichen aus einem Wall mit davor liegendem Graben beziehungsweise - im raetischen Abschnitt - aus einer Steinmauer bestehende Grenzanlage wurde durch knapp 900 Wachtürme und rund 120 Kastelle geschützt.

Neues Interesse ab dem 16. Jahrhundert

Als die Römer um 260 nach Christus die Grenzlinie zum Rhein und zur Donau zurückverlegten, begann der Limes zu verfallen. Jahrhunderte lang wurden die von den römischen Truppen errichteten Bauten, nicht nur Kastelle, sondern auch Thermen und Tempelanlagen, von der Bevölkerung als Steinbruch benutzt. Erst ab dem 16. Jahrhundert entdeckte eine zunehmend gebildetere Öffentlichkeit den Limes wieder für sich.

Die Spuren des obergermanisch-raetischen Limes sind in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz allgegenwärtig: Wachtürme, Reste von Mauern, wiederaufgebaute römische Villen und Bäder sind erhalten geblieben. Rund 80 Städte, Gemeinden und Landkreise gehören dem Verein Deutsche Limes-Straße an, wie der Vereinsvorsitzende und Aalener Oberbürgermeister Ulrich Pfeifle berichtet. "Durch die mögliche Aufnahme des Limes in die Weltkulturerbe-Liste erhoffen wir uns einen touristischen Aufschwung."

Hoffnung auf mehr Tourismus

Seit zehn Jahren gibt es den Verein, der sich um die Vermarktung des einstigen Grenzwalls kümmert. Die Deutsche Limes-Straße umfasst jeweils 700 Kilometer Autostraße und auch einen entsprechend langen Radweg. "Weltkulturerbe bedeutet auch Verpflichtung. Wir wollen den Limes erhalten und für den sanften Tourismus werben", erläutert Pfeifle. Sollte die Unesco der Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste zustimmen, soll die komplette Strecke neu beschildert werden. Der bayerischen Wissenschaftsminister Thomas Goppel verweist auf die Erfahrungen anderer Welterbestätten: Durch den "Adelsschlag" der Unesco wachse zweifellos auch international das Interesse, was sich natürlich auch in touristischer Hinsicht auswirke. Was die Attraktivität von einzelnen Streckenabschnitten oder Kastellplätzen am Limes für Touristen angehe, werde es aber auch entscheidend darauf ankommen, dass die Qualität der Präsentation stimme.

Bislang sind in Deutschland 30 Orte, Baudenkmäler und Landschaften unter dem Schutz der Unesco gestellt worden. Alle erfüllen sie die Kriterien der Organisation der Vereinten Nationen wie: Einzigartigkeit, Authentizität oder Integrität bei Naturstätten wie die Grube Messel. Außerdem muss für jede Stätte ein so genannter Erhaltungsplan vorliegen.

Schicksalstunden für Kölns Dom

Auch die Zukunft des Kölner Doms steht in Durban auf dem Prüfstand. Unesco-Experten beraten darüber, ob die gotische Kathedrale auch künftig die Liste des Weltkulturerbes zieren darf. "Es wäre ein weltweit einmaliger Vorgang, wenn ein Gebäude vom Range des Kölner Doms aus der Liste gestrichen würde", sagte Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner.

Die Unesco stößt sich an Kölns Baupolitik, die die optische Erscheinung des Doms durch geplante Hochhäuser gefährde. Dass es nicht allzu gut um den Status des historischen Monuments steht, ahnt bereits der Sprecher der deutschen Unesco-Kommission Dieter Offenhäußer: "Dass der Kölner Dom von der Roten Liste gestrichen wird und wieder seinen Ehrenplatz in der Welterbe-Liste einnimmt, halte ich für unwahrscheinlich."

Kompromiss in Sicht

Als nicht ausgeschlossen gilt vielen Beobachtern in der Tat ein Kompromiss, wonach das Bauwerk erst einmal ein weiteres Jahr auf der Roten Liste gefährdeter Welterbe-Stätten bleibt. Die Stadt Köln hätte somit Zeit, ihren Absichtserklärungen Taten folgen zu lassen. Und die Unesco hätte gezeigt, dass sie in der Lage ist, mit der angedrohten Herabstufung zum Erhalt der Stätten beizutragen. Eine Signalwirkung, die auch auf andere sicherlich Eindruck machen würde. Denn der Kölner Dom befindet sich auf der Roten Liste in illustrer Gesellschaft. Sie umfasst insgesamt drei Dutzend gefährdete Stätten und spiegelt die diversen Probleme dieser Welt wider.

Während der Dom ebenso wie der Everglades-Nationalpark in den USA aus Sorge um eine überbordende Entwicklung auf der Liste landete, ist es beim Mount Everest oder Australiens Great Barrier Reef der Klimawandel mit seinen negativen Begleiterscheinungen. Pakistan wird ein nachlässiger Umgang beim Erhalt von Lahores Fort und Shalamar-Gärten vorgehalten, während die fünf Nationalparks im kriegsgeplagten Kongo Afrikas Dilemma bei der Pflege seines Welterbes offenbaren: Chronischer Geldmangel, Kriege und Konflikte.

"Der Wert der Liste besteht darin, dass sie die Regierungen benennt und bloßstellt und örtliches und internationales Handeln hervorruft", meint der Leiter des Unesco-Welterbe-Komitees, Themba Wakashe. Der Südafrikaner weist auf das Beispiel des Kakadu-Nationalparks hin, der durch Bergwerksaktivitäten in Gefahr geriet. Seine Aufnahme in die Rote Liste führte bei der australischen Regierung zu einem Umdenken. Denn das Aberkennen des Welterbe-Status kommt international einer schallenden Ohrfeige gleich. Das Argument, die Unesco blockiere mit ihren strengen Auflage eine Entwicklung, lässt die Organisation nicht gelten. Immerhin, so meinen ihre Mitarbeiter, haben sich die Stätten ja im Wissen um diese strengen Auflagen selbst für die Aufnahme beworben.

Carsten Heidböhmer