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Bankett für US-Präsidenten: Das Rätsel des Kennedy-Weins

Welcher Wein passt zum Dinner für Barack Obama in Berlin? Der, den schon Kennedy vor 50 Jahren getrunken hat? Eher nicht. stern.de hat deshalb trinkbare und standesgemäße Alternativen gesucht.

Von Peter Meroth

Es begann mit einem Geheimauftrag: Finde die Weine, die John F. Kennedy 1963 bei seinem Besuch in Berlin kredenzt wurden. Kredenzen, das klingt vielleicht etwas altmodisch, aber bei Wein sagt man das so, zumal wenn Könige oder Präsidenten an der Tafel sitzen. Das Wort, abgeleitet vom lateinischen credere, glauben, geht auf die vertrauensbildende Sitte zurück, einen Vorkoster alle Speisen und Getränke auf Giftstoffe filtern zu lassen.

Der Geheimauftrag ereilte den Berliner Sommelier Gunnar Tietz schon vor einigen Wochen. Er musste ja Zeit haben, die über 50 Jahre alten Flaschen aufzutreiben. Für einen Sommelier sicherlich eine ähnlich aufregende Situation wie für einen Taxifahrer, dem plötzlich jemand zuraunt: "Folgen Sie diesem Wagen."

Das Dessert hieß wie die First Lady "Jaqueline"

Für alle, denen der Begriff Sommelier etwas zu französisch vorkommt, hätten wir zum flüssigen Weiterlesen eine Alternative. Da in Berlin aus einem Gunnar schnell ein Guru wird, nennen wir den Herrn Tietz einfach Weinguru. Das geht bei ihm in Ordnung, seine #link;www.wein-guru.com;Website heißt auch so: wein-guru.com#.

Die Menükarte vom 26. Juni 1963 entdeckte Weinguru Tietz in der "Berliner Morgenpost". Deren Chefredakteur hatte sich persönlich geopfert, über das Kennedy-Bankett in der Brandenburghalle des Rathauses Schöneberg zu berichten. Zum Cocktail von frischem Steinbutt nach Ratsherren Art mit Toast und Butter gab es 1961er Piesporter Grafenberg, einen Riesling aus dem Hause Reichsgraf von Kesselstatt, Trier. Der zweite Gang, Rinderfilet Renaissance mit Spargelspitzen und Schlosskartoffeln, wurde begleitet von einem 1959er Ruppertsberger Nussbien, Riesling Spätlese, von J.L. Wolf Erben, Wachenheim. Die rote Alternative dazu war ein 1959er Moulin à Vent von Patriarche Père & Fils, Beaune. Das Dessert, eine Eis-Charlotte, hieß wie die First Lady "Jaqueline", dazu wurde Johannisberger Sekt Fürst von Metternich serviert.

Eine Weinanspielung auf das amerikanisch-deutsche Verhältnis

Was sagt uns das, und vor allem: Was hätte es Barack Obama sagen sollen? Vielleicht planten die ungenannten Auftraggeber der Recherche, dem 44. Präsidenten der USA eine kleine Lektion in Aufstieg und Fall großer Reiche zu erteilen. Siehe, die Römer siedelten in Piesport an der Mosel, weil dort die mitgebrachten Reben ein so lecker Tröpfchen ergaben, aber dann erging es ihnen mit den Germanen wie der Nato mit den Taliban. Oder der Wein sollte auf das amerikanisch-deutsche Verhältnis anspielen, das zu Kennedys Zeiten noch frisch war, fast etwas ungestüm, aber doch schon Tiefe hatte - wie der 59er Nussbien, der heute wohl noch genießbar wäre, aber nicht unbedingt ein Genuss.

Doch die edlen Tropfen waren nicht mehr aufzutreiben, auch nicht in den hintersten Winkeln der Kellereien, weshalb Weinguru Tietz alle Geheimhaltung aufgab und die Bevölkerung um Mithilfe bat.

Ein wahrhaft konstruktiver Vorschlag kam von den "Democrats Abroad", Obamas Parteifreunden im Ausland. Der Präsident solle sich doch "ein deutsches Bier genehmigen". Für breite Wählerschichten in den USA sind Weintrinker reiche Schnösel oder welsche Kommunisten, bei nüchterner Betrachtung eigentlich beides: radikalreiche Kommunistenschnösel. Keine echten Kerle. Ganz anders Ronald Reagan, der beste aller Präsidenten. Der wusste, was in der Heimat ankommt und besuchte auf seiner Deutschlandreise 1985 einen Soldatenfriedhof, natürlich in Bitburg. Der Ort war insgesamt so gut gewählt, dass die SS-Gräber dort nicht weiter störten.

Wenn die Mayonnaise nicht bizzelt...

Aber angenommen, Barack Obama bekäme am Mittwoch im Schloss Charlottenburg ähnliche Speisen geboten wie Kennedy 1963 im Rathaus, welche Weine würden passen? Hans-Henning Brügesch, mein Hamburger Weinhändler, verzog bei der Frage leicht den Mund: "Na ja, nehmen wir mal an die Mayonnaise zum Ratsherren-Cocktail wäre hausgemacht, und sie bizzelt nicht..." Damit schied er in der ersten Runde natürlich wegen Befangenheit aus.

Annegret Reh-Gartner vom Weingut Kesselstatt zögerte nicht lange. Sie empfahl das Piesporter Goldtröpfchen, eine Riesling Spätlese von 2011, als modernes Äquivalent des Kennedy-Weins. Desiree Schröder von J.L. Wolf Erben bestand darauf, die Renommierlage Forster Pechstein gleich mit drei Jahrgängen ins Spiel zu bringen, von 2009 bis 2011. "Sie zeigen, wie sich der Stil der Rieslinge unter Leitung von Dr. Loosen entwickelt hat." Frauen sind eben konstruktiv.

Für das Staatsbankett nichts parteiisches

Mein Weinhändler nahm einen neuen Anlauf: "Man könnte den Steinbutt mit geschmolzenen Tomaten und Basilikum zubereiten..." Was denn, rot-grün? "Na, dann eben in den Farben der Koalition, mit gelber Paprika und schwarzem Tintenfischsugo." Sehr kreativ, für ein Staatsbankett leider etwas zu parteiisch.

Konzentrieren wir uns auf den Wein, welcher Rote käme denn in Frage? Claus Lutterbeck, Paris-Korrespondent des stern, winkte gleich ab: "Moulin à Vent kannste vergessen, der steht hier in den Supermärkten immer ganz oben im Regal bei den Billigweinen." Weinguru Tietz widersprach: "Der Moulin à Vent war für die damaligen Verhältnisse ein hochwertiger Wein, die Flasche kostete 7,50 D-Mark."

Hans-Henning Brügesch, holte etwas weiter aus, und jetzt wurde es ernst: "Moulin à Vent ist eine der zehn Grand-Cru-Lagen des Beaujolais. Der Kennedy-Wein kam aber nicht direkt vom Weingut, sondern von einem Händler aus Beaune in Burgund, über 100 Kilometer entfernt." Sprich: Der musste zugreifen, wo Wein übrig oder - wenn er selber keltern wollte –, wo ein Rebhang zu verkaufen war. Andererseits brachte das Jahr 1959 Jahrhundert-Weine hervor, und Spitzengewächse aus dem Beaujolais reichten durchaus an gute Burgunder und Bordeaux' heran - bis der Ruf des Beaujolais durch den Primeur-Kult ruiniert war. Turbo-Vergärung, Turbo-Verkauf, Turbo-Verfall.

Und, was wird der Präsident zum Wein sagen?

"Heute würde man ohnehin einen deutschen Rotwein nehmen", waren sich der Berliner Weinguru und mein Hamburger Weinhändler einig und empfahlen - völlig unabhängig voneinander - einen Spätburgunder des Weinguts Bernhard Huber in Baden. Brügesch den Hecklinger Schlossberg Großes Gewächs für 55 Euro die Flasche, Tietz den gut doppelt so teuren Wildenstein.

Und was würde das Obama sagen? Vermutlich das gleiche, was die Weine von 1963 John F. Kennedy sagten: nichts. Der stellte das Glas beiseite und stürzte sich in die Menge, notierten Reporter. Die Küchenchefs des Weißen Hauses bezeichneten ihn als "small eater" - keinen großen Esser. Politik war ihm stets wichtiger als das Dinner. Seine Leibspeisen: Suppen, Sandwiches und Obst. Ganz ähnlich Obamas Lieblingsgerichte: Pizza, Nüsse und Gemüse.

Der 1959er Moulin à Vent ist übrigens doch noch aufgetaucht. Ein älteres Ehepaar in Buckow am äußersten südlichen Stadtrand Berlins meldete sich. Die beiden hatten noch eine Flasche in der Küche stehen, nicht gerade ideale Lagerbedingungen für den Tropfen. Der Wein soll dem 44. Präsidenten der USA nun am Mittwoch überreicht werden. Mal sehen, was er sagt.