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"Eat'n Style": Fachsimpeleien zwischen Pasta und Prosecco

Köche und Moderatoren ergingen sich in endlosen Gesprächen über Menüs, das Publikum interessierte sich indes besonders für die Stände, an denen man umsonst kosten konnte. Die "Eat'n Style" war eine Mischung aus Kochshow und Wochenmarkt - bei der die Besucher Nebensache zu sein schienen.

Von Julia Mäurer

"Mich kannte bis vor kurzem noch kein Schwein." Sagt's und trollt sich mit einem Lächeln auf den hintersten Tribünenrang. Rainer Sass ist also auch mit von der Partie, bei der "Eat'n Style" - einer Messe für Kulinarisches und Dekoratives, die am Wochenende erstmals in Hamburg stattfand.

Messe bedeutet immer auch Masse

Dabei geht es hier gerade nicht um Rainer Sass, den kochenden Autodidakten aus Hamburg, der es zu einer eigenen Kochsendung im NDR gebracht hat. Wobei das heute, wo jede Hausfrau ihre leckersten Bärlauch-Rezepte veröffentlicht und Kochsendungen die besten Sendeplätze im Fernsehen einnehmen, eigentlich keine Kunst mehr ist. Eine, die es kann, steht vorn auf der Bühne: Sarah Wiener. Während Rainer Sass die Geschehnisse von der Tribüne aus kommentiert macht Tim Mälzer der Wiener noch mal klar, dass sie ja auch noch nicht allzu lange mitspielen darf, auf der großen Kochshowbühne. Doch Frau Wiener bewahrt die Ruhe und verrät den Besuchern, welches Drei-Gänge-Menü sie im Laufe der kommenden Stunde frisch zubereiten wird. Zum zweiten Mal heute, denn Messe bedeutet immer auch Masse.

Die Kochshows mit Profiköchen wie Tim Mälzer, Cornelia Poletto oder eben Sarah Wiener sind das Highlight der "Eat'n Style". Nicht nur, weil sie abgeschottet in einem Raum und somit fernab des Messetrubels stattfinden, sondern auch, weil hier nur eine Person auf der Bühne agiert - und kocht. Mit der "Kerner-Kocht-Show" im ZDF, wo fünf Köche gleichzeitig brutzeln und bläken und Moderator Johannes B. Kerner wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen den Töpfen und Pfannen hin- und hereilt, hat dieses Kochspektakel nichts zu tun. Zügig arbeitet Sarah Wiener dennoch, um innerhalb der nächsten 60 Minuten ihr, wie sie in herrlichem Österreichisch sagt, "watschen einfaches Menü" zu zaubern.

Eine Messe wie ein Wochenmarkt

Zwischendurch wird sie von der Köchin zur Pädagogin. Sie wolle ihr Publikum nicht belehren und auch keine Empfehlungen aussprechen. Sie tut es trotzdem. Und so erhält man zwischen gefüllten Tomaten und Grillhendl, eine Abhandlung über den Unterschied zwischen grünen und schwarzen Oliven, die Wahl des richtigen Honigs und den Trick, woran man Bioeier erkennt. Dabei verliert die Wiener ihre Arbeitsstätte, den Herd, nicht aus den Augen. Sie fegt über die Bühne, auf der Suche nach den passenden Kräutern, Gewürzen und Geräten. "Jetzt wissen Sie, warum ich so schlank bin", sagt die beschürzte Köchin mit einem Augenzwinkern. "Frau am Herd", steht auf dem roten Stück Stoff, das sich die 45-Jährige locker um die Hüften gebunden hat. All zu viel kann sie von ihrer Nachspeise, Erdbeersalat mit Schlagobers und Mandelmilch, allerdings nicht verzehren, wenn das so bleiben soll. "Das fällt nicht gerade unter die Brigitte-Diät", scherzt die Österreicherin, während sie die süßen Leckereien zum Probieren ans Publikum verteilt.

Was Sarah Wiener so leicht von der Hand geht, wirkt im "Kochtheater der Redaktionen" noch etwas holprig. Redakteure der Zeitschriften "Essen & Trinken", "Essen & Trinken für jeden Tag", "Viva!" und "Living at Home" stehen am Herd und kochen ihre eigens entwickelten Rezepte, die jeden Monat in den Heften publiziert werden. Bisweilen verkommt die Erklärung der einzelnen Schritte jedoch zum Dialog zwischen dem Redakteur am Herd und der Moderatorin, die in bester Kerner Manier immer wieder dazwischen kreischt und schon vorab die Antworten auf ihre Fragen zu kennen scheint. Das Publikum sitzt passiv und geduldig auf den weiß bepolsterten Bierbänken und wartet, dass die gekochten Köstlichkeiten endlich in kleinen Schälchen verteilt und somit zum Kosten freigegeben werden.

Offensichtlich ist der Geschmack bei vielen Besuchern der "Eat’n Style", die die Veranstalter als "Messe-Event für alle 5 Sinne" angekündigt haben, am stärksten ausgeprägt. Denn die Stände, an denen man Wein verkosten, Schokolade naschen oder Käse probieren kann, werden mit Abstand am häufigsten besucht. Mit Lakritz am Meter, aufgebahrten Schweinhälften oder gefährlich hoch gestapelten Teekisten, fühlt man sich schnell wie auf einem überdachten Wochenmarkt oder einem orientalischen Basar. Der enorme Geräuschpegel, der die große Halle erfüllt, tut sein übriges.

Keiner fragt nach, keiner probiert aus

Irgendwann, nach Nougatmilcheis Ziege, frischer Pasta und feiner Schokolade, die hier solch illustre Namen trägt wie Herbertstraße oder Strandperle, gelangt man zu den Ausstellern, die für den "Style" verantwortlich sind. Dort kann man in Ruhe gucken - und kaufen. Was allerdings nur wenige Besucher tun. Vielleicht sind sie einfach zu voll gefuttert oder haben ihr gesamtes Budget schon am Bio-Käsestand verbraucht, so dass nichts mehr übrig ist für die, zugegeben sehr geschmackvollen, Stoffe, Accessoires und Geschirrservices. Gerade findet am Stand der Zeitschrift "Living at Home" der Workshop "Tischdekoration" statt. Doch auch hier erklärt die Stylistin mehr der Moderatorin, als den Besuchern, die vereinzelt an den Tischen vorbei streifen, woher die Ideen für ihren unter dem Motto "Manga" gedeckten Tisch stammen.

Keiner fragt nach, keiner probiert aus. Die Tische sind allesamt hübsch anzuschauen - gehen aber im Gewusel der kulinarischen Stände ziemlich unter. Gegen den schrillen Schall des Lautsprechers, aus dem jetzt eine Stimme verkündet, dass Tim Mälzer in zehn Minuten die Kochbühne betritt, kommen selbst die stärksten Mikrofone nicht an. Und so schlendern die Besucher fort, hinüber zur Literaturlounge, wo Sarah Wiener fleißig Autogramme schreibt - und weiter zum Stand eines Pfannenherstellers, wo Rainer Sass endlich kochen darf. Ihn kennt man ja jetzt.