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"Markthalle Neun": Absurder Streit in Berlin: Warum die Kreuzberger Aldi plötzlich richtig gut finden

In der "Markthalle Neun" in Kreuzberg werden erstklassige, handwerklich hergestellte Lebensmittel von Landwirten aus dem Berliner Umland verkauft. Bislang gibt es hier auch eine Aldi-Filiale. Die soll jetzt raus. Manchem Kreuzberger gefällt das gar nicht.

Die Aldi-Filiale in der "Markthalle Neun" in Berlin-Kreuzberg passt nicht ganz ins Gesamtbild

Die Aldi-Filiale in der "Markthalle Neun" in Berlin-Kreuzberg passt nicht ganz ins Gesamtbild

Wer in die Aldi-Filiale in der Eisenbahnstraße in Kreuzberg geht, dem fällt schnell auf: So ganz passt der Discounter hier nicht rein. Denn wer hier einkaufen will, der muss an den Marktständen des Metzgers "Kumpel & Keule" vorbei, der die Kunden dabei zugucken lässt, wie beispielsweise ein Schwein zerlegt und Wurst gemacht wird. Auch der Brotstand der italienischen Bäckerei "Sironi", sowie die Weinhandlung "Suff" und der Käsehändler "Alte Milch" liegen auf dem Weg zu Aldi. 

Erst dann betritt man die kahle Aldi-Filiale, die ihre Angebote in gleißendes Neonlicht taucht. Die sind allesamt günstiger als die Lebensmittel von den Händlern in der "Markthalle Neun". Brot von "Sironi" beispielsweise kostet fast das Sechsfache. Leberwurst von "Kumpel & Keule" das Dreifache und Käse von "Alte Milch" locker das Doppelte. Es passt also nicht wirklich zusammen. Deshalb haben die Betreiber der "Markthalle Neun" beschlossen, dass Aldi gehen muss. Stattdessen zieht eine Filiale der Drogeriekette Dm ein, die Nachbarschaft hätte sich ein gutes Basis-Drogerieangebot gewünscht, so liest es sich in einem Statement der "Markthalle Neun".

Solidarität - für wen nochmal?

Und Schwupps entbrennt ein Politikum darüber, ob mit der Schließung einer Aldi-Filiale nicht sozial Schwache aus dem Kiez getrieben werden, wenn günstige lokale Einkaufsmöglichkeiten wegfallen und ob eben diesen nicht unsere Solidarität gelten sollte.

Um das Prinzip der Markthalle zu verstehen, muss man einen Blick auf die Stadtgeschichte Berlins werfen: Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es 14 Markthallen in der Stadt, um die Einwohner mit günstigen Lebensmitteln zu versorgen. In der "Markthalle Neun" beispielsweise gab es zu der Zeit rund 210 Stände mit Fisch, Wurst, Fleisch, Gemüse, Brot, Eiern, Zucker, Tabak und Gewürzen. Bald aber eroberten die Supermärkte die Städte. Aldi eröffnete 1977 dort. Schließlich wurde die Markthalle an denjenigen verkauft, der das beste Konzept vorlegt, das war der Grundstein für die "Markthalle Neun" wie sie heute ist. Jetzt gibt es hier Wurst, Brot und Wein aus nachhaltiger und meist ökologischer Landwirtschaft. 

Die "Markthalle Neun" ist nicht nur ein Foodmarkt, sie ist ein Symbol dafür, dass sich die Kulinarik zum Besseren verändert. Die von einem jungen Team wiederbelebt wurde und Lebensmittel anbietet, die Spaß machen und schmecken. Ein Unternehmen, das auf Effizienz und maximal günstige Produkte baut, fällt da etwas aus dem Rahmen.

Der Aldi in der Markthalle hat viele Fans

Das sehen aber nicht alle so. Auf einem schwarzen Brett in der Markthalle haben Nachbarn erzürnte Nachrichten geschrieben wie "Markthalle kündigt Aldi. Scheiße" oder aber "Der Kiez braucht bezahlbare Lebensmittel, Seife kann man nicht essen!!!". Natürlich haben die Betreiber nicht versäumt, darauf hinzuweisen, dass es in einem Umkreis von zwei Kilometern ganze vier Aldi-Filialen, mehrere Pennys und nur 200 Meter entfernt einen Lidl gibt. Aber der Aldi in der Markthalle wird nun mal geliebt.

In einem offenen Brief versuchen die Betreiber zu schlichten. Auch sie teilen die Angst der Verdrängung und einer "grassierenden Gentrifizierung". Sie seien jedoch davon überzeugt, dass Discounter und ihre Geschäftspraktiken keine Antwort auf diese Probleme bieten. "Die wahren Kosten für die scheinbar so günstigen Preise im Discounter Regal zahlen andere, auf den Plantagen und Feldern, in Schlachthöfen und Fabriken - sie verschwinden nicht. Sie werden ausgelagert und exportiert - und müssen am Ende von uns allen getragen werden", heißt es im Brief.

Das Geld soll im Kiez bleiben

Die "Markthalle Neun" setzt vor allem auf die lokale Wertschöpfungskette. Wer als Kreuzberger vor der Haustür beim Bäcker oder eben beim Metzger in der Markthalle anstatt beim Discounter einkauft, der stärkt den Kiez. Das Geld bleibt im Viertel und landet nicht beim Lebensmittelriesen. Natürlich kann man auch darüber streiten, inwiefern eine Drogeriemarktkette wie dm den Kiez unterstützt. Die Betreiber der Markthalle sehen die Drogerie als ergänzendes Angebot zum Frischangebot der Marktstände, also keines, dass die kleinen Händler bedroht.

Trotzdem wird den Marktleitern aus der Nachbarschaft vorgeworfen, dass sie elitär und überheblich seien, sie würden dazu beitragen, dass die Kreuzberger keine günstigen Lebensmittel mehr bekommen.

"Die Diskussion geht am Thema vorbei", sagt der Geschäftsführer der Markthalle Florian Niedermeier dem stern. "Auch auf dem Markt kaufen Menschen mit wenig Geld und Omas mit Hackenporsche ein - es ist eine Frage der Einstellung, nicht des Geldbeutels. Unsere Solidarität gilt auch den aussterbenden Metzgereibetrieben und Bauernfamilien, denn was wäre das für eine Stadt, in der handwerkliche Bäcker nur noch in Reichenghettos existieren, während die sozial schwachen Viertel den Discountern überlassen werden?"

Am Ende muss man sich auch die Frage stellen, mit wem man solidarisieren will. Mit einem Discounterriesen wie Aldi, der einen rigorosen Preiskampf fährt, oder aber mit Handwerksbetrieben, die aus dem Kiez kommen.