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So schmeckt Berlin: Donnerstags gibt es Streetfood aus aller Welt

Mitten in Kreuzberg, zwischen türkischen Obstläden an der Ecke und der hiesigen Nachbarschaft, liegt die Markthalle 9. Und genau dort trifft sich die kulinarische Welt zum Streetfood Thursday.

Von Denise Wachter

Anna Lai ist ein Food-Junkie. Die gebürtige Italienerin lebte in New York und in Berlin. In der Markthalle 9 betreibt sie den "Big Stuff Smoked BBQ"-Stand.

Anna Lai ist ein Food-Junkie. Die gebürtige Italienerin lebte in New York und in Berlin. In der Markthalle 9 betreibt sie den "Big Stuff Smoked BBQ"-Stand.

Es ist 15 Uhr, ich treffe Anna Lai vor dem "Café 9" in der Eisenbahnstraße in Kreuzberg. Sie grüßt den Barista, bestellt einen kaltgerührten Espresso mit Eiswürfeln, spricht abwechselnd Englisch, Italienisch und Deutsch mit mir und beginnt über ihre Leidenschaft zu reden: gutes Essen. Anna stammt von der italienischen Insel Sardinien, das Bewusstsein für gute Produkte und Zutaten wurden ihr praktisch in die Wiege gelegt. Sie kam nach Berlin, studierte Journalismus in New York, zog wieder nach Berlin und arbeitete als freie Journalistin. Aber im Hinterkopf, ziemlich weit weg und doch immer präsent, hatte sie diese eine Idee: Sie möchte etwas mit Essen machen.

"Die Produkte in amerikanischen Supermärkten sind echt widerlich. Gutes Essen bedeutet in Amerika Luxus. Außer amerikanisches BBQ. Das ist günstig. It is the opposite of Italy, not expensive and really good food", sagt Anna und lehnt sich über einen roten Plastikstuhl. Zurück in Berlin war das Leben als Freelancerin hart, und wenn sie wirklich als Journalistin arbeiten wollte, hätte sie umziehen müssen. Deshalb wagte sie den Schritt und startete gemeinsam mit ihrem Partner Tobias Bürger den Stand "Big Stuff Smoked BBQ" in der Markthalle 9 in Kreuzberg. Sie wälzten tausende von Büchern über Barbecue, kochten, brutzelten, wagten sich ans Smoken, bis sie nicht mehr konnten. Klar war: Sie wollten kein Restaurant sein. Und wenn sie es auf einfachen Wegen schaffen würden, großartiges Fleisch herzustellen, könnten sie Erfolg haben, so die Hoffnung.

Der Erfolg liegt im Essen

Kavita Meelu, britisch-indisch, ist eine weitere Schlüsselfigur in der Markthalle 9 und in Berlins Foodszene. Sie ist ein absoluter Food-Nerd ("I am crazy about food") und sie hat einen Riecher für kulinarisches Talent. Im April 2013 fand der erste "Streetfood Thursday" statt, die Idee war nur einen Monat vorher geboren worden - gemeinsam mit "Big Stuff" und dem Team der Markthalle 9. Es sollte einmal die Woche eine Plattform geben, wo sich die kulinarische Vielfalt, die große Food-Szene Berlins treffen kann, um gemeinsam zu essen.

Anna Lai und Tobias Bürger von "Big Stuff" smokten bereits ihr Fleisch, der Rest musste einfach nur mitziehen. "Wir wussten nicht, was uns erwarten würde, wie planten um die 3.000 Essen ein, damit wären wir überglücklich. Aber auch, wenn 1.500 Menschen kommen würden, hätten wir unser Ziel erreicht." Der erste Streetfood Thursday zählte 12.000 Menschen. Und das nicht, weil die Initiatoren Werbung geschaltet haben, sondern weil die Berliner diesen Markt wollten. "I think, we hit something, people really wanted this", sagt Anna von Big Stuff. Die Berliner wollten diesen Markt.

Kavite Meelu (rechts) und Genussredakteurin Denise Wachter in ihrem Element: beim Essen.

Kavite Meelu (rechts) und Genussredakteurin Denise Wachter in ihrem Element: beim Essen.

Let the food revolution start

Streetfood Thursday ist nicht das einzige Projekt von Kavita Meelu. Sie begann mit "mother's mother"(Großmütter aus aller Welt bekochen Gäste), leitete "Kitchensurfing" (Koch kann für einen privaten Rahmen gebucht werden) in Berlin, organisierte "Burgers & Hip Hop" (beste Food-Party Berlins) und rief den "Barmarket" ("Streetfood Thursday" mit Drinknerds) ins Leben. Und damit nicht genug: Sie möchte eine Food-Revolution in Deutschland starten. Denn das Bewusstsein der Menschen gegenüber Essen hat sich verändert. "Es geht nicht um den Konsum, sondern um die Geschichte hinter dem Essen. Unsere Generation bevorzugt es, zum Markt zu gehen und die Produzenten kennen zu lernen. Durchschnitt ist nicht mehr gut genug. Sie wollen mehr", sagt Kavita. Und genau das bietet sie dieser neuen Generation von Food-Nerds.

17 Uhr, der "Streetfood Thursday" startet

Für die nächsten fünf Stunden wird sich die Markthalle 9 mit hungrigen Menschen füllen, die sich durch die kulinarische Vielfalt schlängeln und essen werden. Die Stimmung ist locker, DJs lassen ihre LPs (oder Playlists) schwingen. Obwohl wir in Berlin und mir die Menschen fremd sind, habe ich das Gefühl, in Italien zu sein. Jeder kennt jeden, die Atmosphäre ist familiär, der Fokus liegt auf dem gemeinsamen Abendessen. Das bedeutet für mich kulinarische Identität. Und wenn das die Food-Zukunft sein soll, möchte ich bitte in der ersten Reihe stehen. Ich schlendere durch die Gänge, rieche exotische Kräuter und Gewürze, fasziniert bleibe ich bei "Beijing Snacks" stehen. Aus Reismehl und Wasser zaubert ein chinesischer Foodie lange, feine Reisnudeln - vor meinen Augen! Eis, Burger, mexikanisch, koreanisch, Kässpatzen, peruanisch, Pizza, Crossover-Küche, Wein, Käse - und das ist nur eine Auswahl dessen, was es auf diesem Markt zu essen gibt.

Bei "Beijing Snack" werden die Nudeln nicht nur handgemacht, sondern in einer faszinierenden Vorstellung präsentiert.

Bei "Beijing Snack" werden die Nudeln nicht nur handgemacht, sondern in einer faszinierenden Vorstellung präsentiert.

Ich gehe zurück zu Anna Lai und ihrem BBQ-Stand, denn ich habe Hunger. Und voilà: "Pork belly" (Schweinebauch), langsam gegartes "Pulled Pork" und "Beef Brisket" (gesmokte Rinderbrust bei Niedrigtemperatur), drei köstliche Soßen und leckere Salate - ich bin im Glück! Und ich weiß sogar, woher das Fleisch kommt. In Turin wachsen die Schweine von Anna Lais köstlichem "Pulled Pork" auf. Die Rinder grasen im Salzburger Land in Österreich. Anna hat ihr Ziel erreicht, hervorragendes Fleisch auf einfachen Wegen herzustellen. Mittlerweile kann sie gut davon leben und zwei festangestellte BBQ-Verrückte beschäftigen.

Was Essen für Anna Lai bedeutet? Sie sagt, es sei eine Obsession, es bedeutet Geborgenheit und Familie. Und es gäbe nichts einfacheres, als Menschen mit gutem Essen glücklich zu machen. Sie hat Recht.

Was? Streetfood ThursdayWo? In der Markthalle 9, Eisenbahnstraße 42, Berlin-KreuzbergWann? Donnerstags, 17 Uhr bis 22 Uhr

Sie können Denise Wachter hier auf Twitter folgen: @wachter_denise.