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Gutes aus dem Küchengarten: Die Selbstversorger-Gärten der wilden Jobnomaden

Noch scheint die Sonne, aber wie lange noch? Angelika Wohofsky rät, die Ernte auch im September fortzusetzen - auch wenn es regnet und unbequem ist. Selbstversorgern gehöre die Zukunft.

Es ist September. Ich rate euch, setzt das Ernten fort. Und wagt euch hinaus in eure Küchengärten, auch wenn es wie aus Kübeln schüttet. Und ihr beim Ernten der Stangenbohnen eine zusätzliche Ladung Wasser abbekommt. Während es da draußen wie aus allen Wolken gießt, muss ich daran denken, wieviele Selbstversorgergärten in den vergangenen vier Jahren entstanden sind. Das ist kein Trend mehr, das wird Notwendigkeit. Das Garteln an allen möglichen und scheinbar unmöglichen Orten. Hoppla, ist das jetzt ein Anflug von frühwinterlicher Depression, weil die Sonne heuer einfach nicht wirklich scheinen will?

Vor ein paar Jahren las ich ein Buch über uns Post-Babyboomer. Wir, die Jobhopper, die Arbeitsnomaden, diejenigen, die mit der Generation Y gemeinsam keine Kontinuität in Arbeitsbiografien bringen. Weil wir Sinn suchen in dem, was wir tun. Weil wir uns anscheinend nicht mehr zu "benehmen" wissen. Oder sollte ich sagen, wir funktionieren einfach nicht mehr, wie dies früher üblich war? Und weil wir von einem Auftrag, Werkvertrag, Projekt, Praktikum und Volontariat ins nächste plumpsen und keine Fixanstellungen mehr verfolgen. Sie auch nicht bekommen, weil zu unsteht, zu unangepasst, zu kreativ und wild.

Erste Gurken-Ernte. Satte 420 Gramm wiegen diese beiden Exemplare. Foto: Wohofsky-Images

Ja, wir haben Zeit. Wir dürfen uns daran gewöhnen, ans Hoppeln durch die Arbeitswelt. Wir, das sind die, die ab den späten 1960er Jahren geboren wurden und jene, die um die Jahrtausendwende Teenager waren. Wir, wir sind nicht schlecht. Wir machen's einfach anders. Ganz ehrlich, ich steh am Morgen lieber unter meinen Bohnenstangen und freu mich, wie die Gurken wachsen, anstatt einem stupiden Bürojob nachzugehen und bloß zu funktionieren. Nein, da hoppel ich gerne zwischen Homeoffice-Schreibtisch und Küchengarten hin und her.

Also lasst uns garteln. Aber nicht, weil das so romantisch ist, sondern weil es Bestandteil unseres Lebensstiles wurde oder wird. Weil sich die Arbeitswelt und ihre Möglichkeiten verändert haben. Und weil wir gut daran tun, uns selbst mit gesunden Lebensmitteln, frisch aus dem Garten zu versorgen. Romantisch wird es dann, wenn es uns gelingt, unsere Küchengärten in kleine Fülle-Tempel zu verwandeln. In eine wuchernde Wildnis, wo Gurken aus dem Flieder hängen.

So frischen Salat bekommt man nicht zu kaufen. Das gibt es nur direkt aus dem Küchengarten. Foto: Wohofsky-Images

Mag diese Gartenarbeit manch älterem Semester als offenes Bekenntnis zur Armut erscheinen. Mir ist das Wurst. Die, welche mich heute ob meiner Küchengarten-Wildnis belächeln. Die den Kopf darüber schütteln, wenn ich Wildobst, Pilze und Wildkräuter sammle. Mir Suppe aus Blättern koche, die andere lieber mit Gift von ihren gepflasterten Vorgärten wegspritzen.

Es ist September. Ich rate euch, setzt das Ernten fort. Und wagt euch hinaus in eure Küchengärten, auch wenn das bedeutet, dass man seinen Lebensstil von Grund auf verändert. Den Selbstversorgergärten und uns Küchengärtnern gehört die Zukunft, da bin ich mir sicher.