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"Frontal 21" Finger weg vom Hähnchen - Keime im Fleisch könnten im schlimmsten Fall tödlich sein

Hühnchenbrust, Wachtel, Gänse-Keule oder Ente vor der Zubereitung abspülen? Keine gute Idee! Aus Sicht von Gesundheitsbehörden ist das Waschen von rohem Fleisch sogar gefährlich. Durch spritzendes Wasser können sich Keime in der Küche verteilen. Mitunter fliegt das Keim-Wasser-Gemisch mehr als 50 Zentimeter weit. Davor warnt etwa der Nationale Gesundheitsdienst in Großbritannien, der National Health Service. 
Die Briten nennen gleich mehrere gute Gründe, das Abspülen künftig wegzulassen. Geflügelfleisch enthält häufig sogenannte Campylobacter. Dabei handelt es sich um stäbchenförmige Bakterien, die schon in geringer Anzahl zu einer Lebensmittelinfektion führen können. Die Campylobacter können sich beim Abspülen auf angrenzenden Küchengeräten wie Spülschwämmen, Arbeitsflächen oder Schneidbrettern verteilen.
Von dort können die Keime auf andere Lebensmittel wandern wie Salate und Gemüse. Es drohen Fieber, Übelkeit und Durchfall. Und durch sorgfältiges Garen werden sowieso alle Krankheitserreger im Fleisch abgetötet. Das Abspülen ist also überflüssig.
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Über die Hälfte der Hähnchen, die in deutschen Discountern verkauft werden, sind mit antibiotikaresistenten Keimen belastet. Das ergab eine aktuelle Analyse im Auftrag der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisaton Germanwatch. Die Auswirkungen sind verheerend.

Wer Hähnchenfleisch im Supermarkt kauft und Zuhause kross brät für einen Salat oder ein Ragout, der denkt vorrangig an den Genuss. Dass der Verzehr des Fleischs aber im schlimmsten Fall tödlich enden kann, damit würde wohl niemand rechnen. Wie kann das sein?

Eine aktuelle Analyse im Auftrag der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation Germanwatch ergab, dass über die Hälfte der Hähnchen, die in deutschen Discountern verkauft werden, mit antibiotikaresistenten Keimen belastet sind. Die ZDF-Sendung "Frontal21" hat sich das genauer angesehen. Das untersuchte Geflügel aus industrieller Fleischerzeugung stammt von den Billigketten der fünf Supermarktkonzerne Edeka, Rewe, Lidl, Aldi und Metro, die zusammen 90 Prozent des Lebensmittelmarktes in Deutschland bestimmen.

Das Problem: Germanwatch hat Keime auf dem Fleisch nachgewiesen, die auf Reserveantibiotika nicht mehr anspringen. Diese werden bei Menschen als letzte Mittel gegen Infektionskrankheiten eingesetzt, wenn andere Antibiotika nicht mehr wirken. Wenn sich der Mensch jetzt durch den Verzehr des Hühnchenfleischs mit einem multiresistenten Keim ansteckt, hat die Medizin keine Antibiotika mehr übrig, den Keim zu behandeln. Im schlimmsten Fall bedeutet das für den Patienten, dass er an einer bakteriellen Infektion stirbt.

Wenn es so weitergeht, werden wir keine wirksamen Antibiotika mehr haben

Gerd-Ludwig Meyer ist Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie im niedersächsischen Nienburg und war früher mal Landwirt. "Es hat seit 2005 eine Explosion sozusagen an multiresistenten Keimen gegeben und an Patienten, die mit diesen multiresistenten Keimen auf Intensivstationen zu kämpfen haben", sagte er "Frontal 21". Meyer sieht eindeutig einen Zusammenhang mit dem Einsatz von Antibiotika an Tieren in der Massentierhaltung: "In einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren gehe ich davon aus - alles unter der Maßgabe, dass es so weitergeht - dass wir keine wirksamen Antibiotika mehr haben."

Das Fatale: Laut Germanwatch bot keiner der "Top 5"-Supermarktkonzerne durchweg nicht-kontaminiertes Hähnchenfleisch. Die Fleischproben von Penny waren zu mehr als 80 Prozent, von Aldi zu 75 Prozent, von Netto zu 58 Prozent und von Lidl und Real zu etwa 30 Prozent kontaminiert.

Quellen: "ZDF", "Germanwatch"

dsw

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