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Militärküche: Kompanie: Rühren! Kochen! Essen!

Eine Armee marschiert auf ihren Mägen. Und wenn das Essen nicht gut ist - marschiert sie nirgendwohin. Damit dieser Ernstfall nicht eintritt, trafen sich britische Militärköche zum Manöver - und kochten bis aufs Messer.

Von Alf Burchardt

Helm ab zum Küchendienst! Justin fummelt am Riemen seines Helms. Sein Gesicht glänzt wie frisch lackiert in Grün, Braun und Schwarz; der Schweiß lässt die Tarnfarben leuchten. Gerade hat er mit Thomas eine versiegelte Kiste Lebensmittel herangeschleppt, die steht jetzt auf einem Tisch und der in einem Zelt, aufgeschlagen unter Bäumen im tiefsten Ostwestfalen. Neben dem Zelt ein Lkw, verhüllt mit einem Tarnnetz, dahinter noch ein Zelt und noch ein Lkw. Die anderen Lager sieht man vor lauter Bäumen nicht.

Wer hier mal Gelächter hört, mal ein falsch, aber laut gesungenes Lied, könnte meinen, große Jungs hätten sich zu einem Zeltlager verabredet. Doch was die Unterarmtätowierten da treiben, darf zwar Spaß machen, soll aber vor allem Vorbereitung für den Ernstfall sein. Hier, auf dem Truppenübungsplatz Sennelager, veranstaltet die britische Armee für ihre Köche das Manöver "Rhino Caterer".

Spitzenköche, die nach Ehre streben

Dass Spitzenköche nach Ehren streben, ist bekannt. Michelin-Sterne, Gault-Millau-Punkte und gute Restaurantkritiken sind Bestätigung ihrer Kunst. Aber auch Armeeköche haben ihre Berufsehre und brauchen Lob. Sie kochen bis aufs Messer und haben doch keine Chance, Anerkennung zu finden in der zivilen Welt. Darum klären sie wenigstens unter sich, wer unter Einsatzbedingungen in einem Erdloch am besten ein anständiges Omelett hinbekommt.

Der Wettbewerb in Ostwestfalen gehört zum Training. Nächste Woche können die Militärköche vielleicht schon in Basra sein, wo es erst recht nicht egal ist, was den Soldatenmagen füllt. Damit sich die Truppe bei ihrem Einsatz wenigstens auf ein gutes Essen freuen kann, fördert die Armee ihre Küchenchefs. Das tun alle Armeen der Welt, das tut auch die Bundeswehr. Sie hat ihre Militärköche in einer Nationalmannschaft versammelt, die beim Wettkochen in Erfurt 2004 sogar die Goldmedaille errang.

Pie mit Huhn, Schinken und Erbsen

Wir aber sind hier in Sennelager bei den Briten. Als Chef der Jury stiefelt Major Harry Lomas durchs Unterholz, man sieht ihm schon von weitem an, dass ihm nichts über eine gepflegte Mahlzeit geht. "Eine gute Armee marschiert auf ihren Mägen", sagt er, "ist das Essen schlecht, marschiert sie nirgendwohin."

24 in Deutschland stationierte Einheiten haben jeweils ein Team geschickt, das aus drei Köchen und einem Fahrer besteht; das Manöver ist ihnen willkommene Abwechslung vom Alltag in der Kaserne und allemal besser als ein Einsatz im Nahen Osten oder in Afghanistan.

Justin ist 28 und als Obergefreiter der Chef seines kleinen Teams. Vergangenes Jahr konnte er nicht mitmachen beim "Rhino Caterer", da war er mit seiner Einheit, dem 1st Battalion The Scots Guards, gerade im Irak. Diesmal tritt er mit seinen Kollegen Lee und Craig sowie Fahrer Thomas an. Gestern stand "Feldküche" auf dem Programm: Aus vier vorgegebenen Menüfolgen hatten sie zwei gewählt, in der Kaserne in Münster dreimal geprobt, hier im Wald ein viertes Mal gekocht und aufgetischt: einen Pie mit Huhn, Schinken und Erbsen sowie orientalische Hackbällchen mit scharfen Nudeln. Dazu Kartoffeln, Nasi Goreng mit Würstchen, lachsgefüllte Zucchini und sautierten Rotkohl.

Heute ist improvisierte Küche dran: die Köche haben zweieinhalb Stunden, ein Essen für 20 Mann zu bereiten aus unbekannten Zutaten, die sie in einer Kiste finden. Justin hat sich mit Bleistift und Block bewaffnet, Lee und Craig packen aus: ein Stück Lachs, ein Stück Schwein, drei gefrorene Hühner, Kartoffeln, Karotten, Broccoli, Rotkohl, Johannisbeeren, Kokosmilch, Safran und ...

"Oh, Blätterteig - sehr gut!", sagt Justin. Und nun? Mit leiser Stimme diskutieren die Köche, was ihnen zu ihrem Warenkorb einfällt. "Lachs mit Basilikum? Oder in Blätterteig?" - "Das Huhn marinieren? Und füllen?" - "Das Schwein vielleicht in Kokosmilch? Mit Zwiebeln und Champignons?" Drei, vier Minuten geht das so, dann ist die Marschroute klar.

Justin schreibt den Plan, Lee beginnt, Rotkohl zu schneiden, Craig legt die Hühner zum Auftauen. Draußen vor dem Zelt stochert Thomas in einem Erdloch, in dem Scheite zu Holzkohle herunterbrennen. Denn improvisiert ist nicht nur die Speisekarte, sondern auch die Küche: Als Backofen fungiert ein halbes Ölfass über einem weiteren Erdloch, ein Blech davor dient zum Abdecken, und obendrauf liegen zur Wärmedämmung ein paar Grassoden, über einer dritten Kuhle liegt ein Rost - das ist der Herd.

Kampf mit dem Wasserkocher

Lee schnibbelt noch immer, nach dem Rotkohl jetzt die Karotten. "I'm easy", singt er mit Lionel Richie, "easy like a Sunday morning." Seine Laune ist gut, denn der Inhalt der Überraschungskiste war besser als befürchtet. "Ein bisschen Fleisch und Kartoffeln - viel mehr habe ich nicht erwartet."

Während Thomas Holzkohle in den Ofen und unter den Rost schaufelt, Justin mit einem Wasserkocher kämpft, taucht unangemeldeter Besuch auf. Unteroffizier Keith Gatward ist zuständig für die Hygiene beim "Rhino Caterer" und verhört Craig, mit 24 Jahren der Jüngste im Team, zum Umgang mit empfindlichen Lebensmitteln. Dann inspiziert er den Abfalleimer und die Kompostecke, ein wenige Meter neben dem Zelt abgestecktes Areal. "Nicht weit genug entfernt", tadelt Gatward. "Abfälle und abgegossener Sud können Tiere anlocken."

Noch eine Stunde, die Arbeitsschritte der drei Köche sind schneller geworden. Justin schneidet Kartoffeln in einen Topf, wedelt Mücken und Bremsen weg und wischt sich mit dem Handrücken Schweiß und den vorletzten Rest Tarnfarbe von der Stirn. Gestern, beim Kochen nach Plan, hatte er einen Trinkrucksack umgeschnürt, der ist heute nicht erlaubt. "Wenn es weiter gut läuft, sollten wir pünktlich fertig werden." Dann rennt er raus, setzt die Kartoffeln auf, sucht den Deckel - Mist, vergessen! Okay, Alufolie tut es jetzt auch.

Huhn im Knuspermantel

Und dann sind die zweieinhalb Stunden vorbei. Justin, Lee und Craig fahren auf einem gedeckten Tisch vor dem Zelt auf: als Vorspeisen Lachs in Blätterteig und spanisches Omelett, als Hauptgänge Huhn im Knuspermantel und Schweinegeschnetzeltes in einer Kokosnusscremesauce mit Broccoli. Dazu Basilikum- und scharfe Backkartoffeln, gebutterte Karotten und sautierter Rotkohl.

Die Mitte des Tisches ziert ein Koch aus Porzellan, Justin stellt einen Strauß Blumen dazu. "Jede kleine Zutat hilft", hofft er noch, da bricht schon Major Lomas mit seiner Horde Prüfer aus dem Buschwerk. "Es scheint, als kommt jetzt noch der letzte Mist zum Einsatz", brummt er. Als Chef der Jury spielt er den strengen Prüfer, aber er kann auch den freundlichen Vorgesetzten geben. "Das sieht ja alles klasse aus", sagt er, bevor er und sein Trupp sich über die Speisen hermachen. "Wer hat das Gewürz ins Omelett getan?", fragt Lomas. Craig meldet sich. "Und wer hat es wieder rausgenommen?"

Lomas mampft sich von Teller zu Teller, anschließend lässt er sich die Lebensmittel zeigen, die keine Verwendung fanden. Je weniger davon, desto besser, denn die Mahlzeiten sollen möglichst gehaltvoll sein. Beim Abschied zeigt Lomas sich versöhnlich. "Well done, boys", lobt er noch mal und zieht dann ab zum nächsten Zelt. Kalvin MacDonald, einer der Prüfer, löffelt noch ein bisschen Lachs. Er war selbst sechs Jahre bei der Armee, heute betreibt er zwei Restaurants in London. "Okay, vielleicht hätte alles ein bisschen heißer sein können", sagt er, "aber die Jungs haben Großartiges geleistet." Das finden offenbar auch die Kollegen in der Jury. Sie sind zurückgekehrt und machen sich erneut über die Speisen her.

Die Preisverleihung am Nachmittag bestätigt: Platz 2 in der Gesamtwertung für das 1st Battalion The Scots Guards, eine Stereoanlage für jeden und die Reise zum nächsten Wettbewerb im Herbst. Brigadegeneral Jeff Little bedankt sich bei allen Teilnehmern und lobt den hohen Standard der Kochkunst in der Militärküche. Ein Witzchen, fragt er? Okay, ein Witzchen. Little erzählt von Motorradkurieren im Ersten Weltkrieg, die, wenn sie dem Feind in die Hände fielen, wichtige Dokumente herunterschlucken mussten. "Aber in den Jahren zuvor hatten sie oft genug schon wesentlich Schlimmeres von ihren Köchen serviert bekommen."

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