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Interview

Sexismus in der Gastronomie: Weiß, männlich, Vetternwirtschaft: "Die Gastrobranche hat ein krasses Problem"

Frauen in der Spitzengastronomie sind unterrepräsentiert. Das liegt an patriarchalischen Strukturen. Mary Scherpe, Restaurantkritikerin und Mitgründerin des Frauen-Netzwerkes "Feminist Food Club", kennt die Hintergründe.

Gastronomie

Die Spitzengastronomie hat Diversitätsprobleme

#metoo wurde in den vergangenen Monaten intensiv diskutiert. Frauen jeglicher Branchen – auch aus der Gastronomie – haben offen ausgesprochen, dass sie sexuelle Belästigungen erfahren mussten. Sie haben als Restaurantkritikerin für "Stil in Berlin" und Mit-Gründerin eines Netzwerkes für Frauen in der Gastronomie einen Blick in die Szene. Was hat der Aufschrei bewirkt, was muss sich jetzt ändern?

Mary Scherpe: Wir dürfen nicht mehr akzeptieren, dass Belästigungen in der Küche gang und gäbe sind. Es gibt genügend Männer und auch Frauen, die der Meinung sind, dass sei eben die Kultur in der Küche. Grundsätzlich müssen wir alle an unserer Empathie arbeiten und uns jeden Tag aufs Neue sagen, es gibt keinen Grund, dass es so ist. Menschen, die in Küchen oder im Service arbeiten, sollten sich nicht eine dicke Haut zulegen müssen, nur um verbale und physische Belästigungen auszuhalten.

Welche konkreten Möglichkeiten gäbe es, um Frauen in Küchen und auch im Service vor Belästigungen jeglicher Art zu schützen?

Zunächst brauchen wir mehr Frauen in Führungspositionen. Dann braucht es in Küchen einen sensiblen Umgang mit Beschwerden. Diese müssen ernst genommen werden, ob sie nun gegenüber dem Personal oder gegenüber dem Gast erfolgen. Denn gerade auch im Service ist es wichtig, dass Chefs die Verantwortung für Mitarbeiter gegenüber den Gästen wahrnehmen. 

Weil der Gast den Service belästigt?

Ja, wir kennen auch Situationen, in denen die Belästigungen vom Gast ausgehen. Es gibt zuweilen eine gewisse Anspruchshaltung, die ein männlicher Gast gegenüber einer weiblichen Servicekraft hat. In der Küche sind Frauen dann weiterer Geringschätzung ausgesetzt. Viele gehen davon aus, dass Frauen bestimmte Dinge in der Küche nicht leisten können, weil sie zum Beispiel körperlich dazu nicht in der Lage sind. Aber nicht nur Frauen gegenüber gibt es Vorurteile, auch andere Gruppen werden diskriminiert.

Wollen Sie damit sagen, dass es in Küchen nicht nur sexistisch, sondern auch rassistisch zugeht?

Sehen wir uns die Liste der sogenannten Spitzenköche doch einmal an. Die sind nicht nur zum Großteil männlich, sondern auch weiß. Die Gastrobranche im Spitzenbereich hat ein krasses Diversitätsproblem. Auch wenn die Teams in den Küchen oft gemischt sind, je weiter man in der Hierarchie nach unten geht, desto diverser wird es. Aber gesprochen, geschrieben und verehrt werden die Chefköche, obwohl wir alle wissen, dass ein Zehn-Gänge-Menü keiner allein kocht.

Müssen sich Frauen anders verhalten, wenn es um sexuelle Belästigung geht? Und wie müssen sich Männer nach der #metoo-Debatte verhalten?

Ich halte es für unerlässlich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Personen, die Belästigungen und Diskriminierung ausgesetzt sind, offen darüber sprechen können – ohne dass man sie beschuldigt, zu lügen, die Situation nicht richtig interpretiert zu haben, oder am Ende selbst Schuld gewesen zu sein. Es muss eine Bereitschaft geben, diesen Personen zuzuhören und ihre Erfahrungen anzuerkennen.

Männer hingegen müssen sich ganz stark selber hinterfragen, ob und wie sie zu einem Klima beitragen, in denen Belästigungen möglich sind. Und zwar nicht nur die Täter, sondern auch solche, die daneben stehen und nichts sagen. Das Stillschweigen legitimiert die Übergriffe. Wer nichts sagt, macht sich mitschuldig.

Dürfen Männer jetzt keine Komplimente mehr machen?

In feministischen Debatten ist das ein altbekannter Mechanismus: Anstatt zuzuhören und über Belästigungen zu sprechen, kommt schnell die Frage auf, was denn nun eigentlich mit den Männern sei. Ich persönlich kenne keinen Mann, der nicht zwischen Belästigung und ernst gemeintem Kompliment unterscheiden kann. Ich unterstelle jedem, der Frauen belästigt, dass er im Grunde ganz genau drum weiß, dass sein Handeln nicht korrekt ist. Dabei geht es um das zur Schau stellen und Ausnutzen von Macht. Flirten dagegen findet auf Augenhöhe statt.

 

In modernen Restaurants gibt es immer mehr offene Küchen. Der Gast kann den Köchen zugucken. Hilft das den Konflikt zwischen Frauen und Männern in der Küche zu lösen?

Es wäre sehr schade, wenn der einzige Lösungsansatz wäre, dass der Gast das Team überwacht. Allerdings bestätigen viele Köche, dass offene Küchen dazu beigetragen haben, das Arbeitsklima zu verbessern. Der Gast hat durchaus eine Verantwortung, aber die sehe ich eher darin, dass man sich fragen sollte, ob man das Restaurant eines bekannten Chauvinisten, der seine Mitarbeiter schlecht behandelt, besuchen sollte.

Die #metoo-Debatte ging durch die Presse und durch alle Branchen hinweg. Ist es jetzt mal wieder gut oder muss man jetzt erst Recht darüber sprechen?

Es ist ganz essentiell, dass wir uns weiter darüber austauschen. Und zwar auf Augenhöhe und gleichberechtigt. #metoo ist ein ganz wichtiger Meilenstein, aber ein Meilenstein einer langen Entwicklung, die uns hoffentlich noch lange beschäftigen wird. Es ist der einzige Weg, wie wir zu einer Gesellschaft kommen können, die gleichberechtigt ist. 

Warum gibt es Ihrer Meinung nach immer noch so wenig Frauen in der Spitzengastronomie?

Die Gründe dafür sind sehr komplex. Es ist nicht so, dass es keine Frauen gibt, aber über die wenigen wird seltener gesprochen. Medial sind sie unterrepräsentiert, dazu erhalten sie seltener Preise, weil oft auch Jurys nicht gleichberechtigt besetzt sind. Wir hören von Frauen, die Probleme haben Investoren für ein neues Restaurant zu finden, weil diese wissen, dass über Männer mehr geschrieben und ihnen generell mehr zugetraut wird. Es ist eine Maschine, in der sehr viele Zahnräder ineinander greifen. Es geht damit weiter, dass Männer eher Männer fördern. Wir wissen, dass es beispielsweise in Frankreich starke Männer-Netzwerke gibt, die sich gegenseitig die Preise, Investoren und auch Kunden zuschieben. Frauen befinden sich in der Spitzengastronomie im systemisch-strukturellen Nachteil.

Wie sieht für sie eine gleichberechtigte Gastrobranche aus?

Für den Weg dahin könnten wir mit den Auszeichnungen beginnen, und dafür eine selbst auferlegte Quote einführen. Die sollte nicht nur für Frauen gelten, sondern auch für Männer, die nicht weiß und christlich sozialisiert sind. Um die Welt, in der wir leben, besser abzubilden. Das Publikum sollte die Augen offen halten, was hinter den Kulissen passiert. Es geht nicht nur um einen schönen Teller. Und auch Medien können zu einer gleichberechtigten Gastrobranche beitragen, sie sollten diverser berichten, nicht nur über die Sternegastronomie, nicht nur die ewig gleichen Geschichten schreiben, sondern sich mehr trauen. 

Lachs