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Mineralwasser "Willkürlich" und "rufschädigend": Wie Öko-Test die Mineralwasser-Industrie gegen sich aufbringt

Mann hält Wasserflaschen im Arm
Beim Wasserkauf hat der Verbraucher die Qual der Wahl, aber welches ist nur wirklich gut?
© GlobalStock / Getty Images
Die Mineralwasser-Branche ist empört. Die letzten Prüfungen von Öko-Test entbehren, so die Kritik, wissenschaftlicher Belege, die Abwertungen seien willkürlich. Ein Fresenius-Experte pflichtet der Branche bei. Was steckt hinter den Vorwürfen an Öko-Test?

Viele Verbraucher verlassen sich auf die Produkt-Bewertungen von Öko-Test und orientieren sich in ihrem Einkaufsverhalten an diesen. Das Verbrauchermagazin nimmt bei seinen Prüfungen kein Blatt vor den Mund und wertet Produkte, die den eigenen Test-Kriterien nicht Genüge tun, teilweise rigoros ab. Dass die Bewertungen nicht allen Herstellern schmecken, kann nicht verwundern. So sorgten zuletzt die Mineralwasser-Bewertungen wieder einmal für Furore.

Angeprangert wird aber nicht etwa das schlechte Abschneiden einzelner Hersteller. Der Vorwurf vom Dialog Natürliches Mineralwasser, der Online-Plattform für Natürliches Mineralwasser, ist umfassender. Von Willkür und Rufschädigung ist die Rede. Öko-Test lege selbstständig Bewertungskriterien fest, die kein wissenschaftliches Fundament hätten. Dabei werde nach Belieben zwischen den Verordnungen für Mineral- und Tafelwasser sowie für Trinkwasser gewechselt. Immer so, wie es für die Prüfung gerade günstig sei. Das sei willkürlich und diene dazu, Abwertungen vornehmen zu können. 

Abwertung nach eigenen Kriterien

Im Testverfahren, schreibt Öko-Test, habe man unter anderem "gesundheitlich bedenkliche Inhaltsstoffe" und "Beeinträchtigungen der ursprünglichen Reinheit" geprüft und die Produkte entsprechend abgewertet. Minuspunkte hatte das Verbrauchermagazin daher sowohl für Abbauprodukte von Pestiziden im Wasser, als auch für Uran, Bor, Nitrat und die Verpackung vergeben. Dafür hatte sich Öko-Test von den gesetzlich vorgegeben Grenzwerten gelöst und auch die teilweise strenger ausgelegte Trinkwasserverordnung als Richtschnur genutzt. Eine Vermischung, die Ullrich Schweitzer, Leiter von Dialog Natürliches Mineralwasser, bitter aufstößt.

"Selbst die von Öko-Test am schlechtesten bewerteten Mineralwässer sind voll verkehrsfähig und nicht gesundheitsgefährdend. Bei dem Test haben alle Mineralwässer die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten, das ist ein Fakt. Sie entsprechen alle der Mineral- und Tafelwasserverordnung. Trotzdem suggeriert der Test etwas anderes", sagt er. "Mineralwasser wird durch solcher Bewertungen an den Pranger gestellt. Das ist rufschädigend." 

Öko-Test weist Irreführung von sich

Öko-Test verteidigt die eigene Vorgehensweise. "Viele Menschen verwenden Mineralwasser wie Leitungswasser. Daher gibt es aus unserer Sicht keinen Grund, sich damit zufrieden zu geben, dass für bestimmte Parameter die Anforderungen für Mineralwasser weniger streng sind als die für Trinkwasser", erklärt Jürgen Steinert, stellvertretender Chefredakteur bei Öko-Test. Eine Irreführung der Verbraucher, wie kritisiert, könne man bei Öko-Test nicht erkennen. Und weiter: "Wir haben im Test begründet, warum wir welche Stoffe abgewertet haben - und an keiner Stelle geschrieben, bestimmte Wässer seien gesundheitsgefährdend."

Dass Öko-Test manche Mineralwasser sehr schlecht bewertete, obwohl diese alle gesetzlichen Grenzwerte einhielten, erklärt Steinert, bringe das Bewertungssystem mit sich, indem sich viele kleinere Mängel zu einer schlechten Gesamtbewertung addierten. Vergleichende Warentests zeigten nun einmal Unterschiede zwischen Produkten auf. Aber reichen diese "kleineren Mängel", um im Test, wie bei Apollinaris Medium geschehen, mit einer "6" der schlechtesten aller Schulnoten auf der Skala, abgestraft zu werden?

Im stern-Interview haben wir Sebastian Rau, Mineralwasser-Experte vom neutralen Prüfinstitut SGS Fresenius gefragt, ob an der Kritik der Mineralbrunnen etwas dran ist oder am Ende nur getroffene Hunde bellen. Aber auch Rau bewertet den Test kritisch und sagt: "So wie manche Dinge dargestellt sind, treibt es den Fachleuten den Schweiß auf die Stirn." Als Verbraucher müsse man den Testbericht schon sehr genau lesen und die Aussagen und Bewertungen, die seiner Vermutung nach der Skandalisierung dienten, herauszufiltern. Auch er bemängelt fehlende wissenschaftliche Belege für die Beurteilungen. Und: "Öko-Test legt seine Messergebnisse dem Leser der Testberichte noch nicht einmal offen. Diese Art der Information empfinde ich als irreführend."

Was Öko-Test bericht, sei viel heiße Luft. "Warum etwa rät Öko-Test davon ab Volvic zu kaufen? Weil darin Nitrat-Werte von 7 mg/Liter sind. Der Wert sei erhöht, sagt Öko-Test, begründet diese Aussage aber wissenschaftlich nicht." Das Magazin hält an den Kriterien und Ergebnissen von Öko-Test fest. "Dass Grenzwerte eingehalten werden, setzen wir voraus. Qualitätsunterschiede zeigen sich jedoch schon bei darunter liegenden Werten", sagt der stellvertretender Chefredakteur Steinert. 

Aber ist das wirklich so? Rau entkräftet. Nitrat komme in diesen Mengen aus Steinen und dem Boden ins Wasser und sei kein gesundheitsgefährdender Stoff. "Und zum Vergleich: Bei Trinkwasser liegt der Grenzwert bei 50 mg/Liter und die Wasserversorger müssen oft viel dafür tun, diesen einzuhalten."

"Es geht um Fairness"

Dass Mineral- und Trinkwasser mit zweierlei Maß gemessen und an Hand zweier Verordnungen beurteilt werde, liege an den Produkten selbst. "Mineralwasser ist das einzige Lebensmittel, dessen natürlicher Schutz und ursprüngliche Reinheit vor Inverkehrbringung amtlich anerkannt werden", so Rau. Das Risiko für Verunreinigungen sei bei Trinkwasser höher. Es stamme aus verschiedenen Quellen und werde in der Regel technisch aufgearbeitet.

Dazu komme, dass Trinkwasser eben nicht nur getrunken werde und daher andere Faktoren einbezogen werden müssten. "Grenzwerte müssen nicht gleich sein, weil sie je nach Produkt einen individuellen Hintergrund haben", sagt der Fresenius-Experte. "Es wäre wünschenswert, dass ein transparenter Prozess hinter der Festlegung von Prüfkriterien steht. Es geht um Fairness und um wirklich nützliche Verbraucherinformation. Wenn diese fehlen, wird es schwierig."

Lesen Sie hier das volle Interview mit dem unabhängigen Mineralwasser-Experten Sebastian Rau: "Schade, dass Ökotest mit solchen Methoden arbeitet"


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