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Essstörung?: Wie sich eine Veganerin die Gesundheit ruinierte

Im Netz wird vegane Ernährung genauso oft verteufelt, wie sie als Trend angepriesen wird. Die Wahrheit ist: Vegan ist nicht gesünder, als fleischarme Mischkost. Leider gibt es immer mehr Menschen, die sich aus Unwissenheit ihre Gesundheit ruinieren.

Von Derik Meinköhn

Veganerin: Ein Teller mit einer Erbse

Ist vegane Ernährung ungesund? 

Vor einigen Tagen erschien ein Interview auf RP Online mit einer Ex-Veganerin. Barbara Frielinghaus ernährte sich sieben Jahre vegan, das heißt, sie verzichtete auf alle tierischen Produkte. Heute isst sie wieder Fleisch, denn sie "hatte das Gefühl überhaupt kein Essen mehr zu vertragen". Im Interview spricht sie über ihre Gründe. stern-Autor und Veganer Derik Meinköhn hat sich ihre Antworten näher angeschaut und musste mit Erschrecken feststellen, dass Frielinghaus wohlmöglich aus Naivität und Unwissenheit ihre Gesundheit ruiniert hat.

Das Interview mit Barbara Frielinghaus ist kein gutes Beispiel dafür, weshalb eine Veganerin wieder dazu überging, Fleisch zu essen. Eher ist es eins dafür, wie man sich mit einer Mischung aus Naivität, Leichtgläubigkeit und Unwissenheit seine Gesundheit vollends ruiniert. Dass solch ein Einzelfall unter dem Motto "Guck mal, so ungesund ist vegan" in den sozialen Netzwerken tausendfach geteilt wird, ist eher Volksverdummung als Information.

Die vegane Ernährung ist grundsätzlich nicht gesünder als eine fleischarme Mischkost mit viel frischem Gemüse und Obst und möglichst unverarbeiteten Produkten. Tierische Produkte sind per se nicht ungesund. Es kommt auf die Menge an und auch auf einen gesunden Lebensstil, die Form der Arbeit und die Einbindung in das soziale Umfeld.

Frielinghaus war schon als Nicht-Veganerin nicht gesund

Barbara Frielinghaus war nicht gesund, bevor sie Veganerin wurde, denn Verdauungsprobleme hatte sie schon seit der Geburt. Wenn man jetzt argumentiert, dass sie aus gesundheitlichen Gründen wieder Fleisch isst, ist das keine saubere Argumentation, die sich auf die Allgemeinheit übertragen lässt. Frielinghaus versucht, ihre Gesundheit über Ernährung in den Griff zu kriegen. Das mag in dem einen oder anderen Fall funktionieren, doch sollte man solche Experimente grundsätzlich unter ärztlicher Betreuung durchführen. Auf der Suche nach der perfekten Ernähung landet Frielinghaus bei Makrobiotik.

Die moderne Makrobiotik geht auf den Japaner Nyoichi Sakurazawa zurück. Sie ist eine überwiegend vegetarische Ernährungsform mit wenig Fisch oder Fleisch. Grundlage ist Getreide, meist Reis und die Auswahl der anderen Lebensmittel erfolgt nach strengen Regeln. Dadurch ist das Nahrungsspektrum sehr eingeschränkt und das führt dazu, dass bei strenger makrobiotischer Diät die Gefahr besteht, zu wenig Nährstoffe zu bekommen. Vor allem bei Eiweiß, Fett, Calcium, Eisen, Vitamin D, A, C und B12 besteht die Gefahr einer Unterversorgung. Auf dem Blog macrobioticnow wird behauptet, dass eine makrobiotische Lebensweise sogar Krebs heilen kann, spätestens bei solchem Unsinn sollten bei einem die Alarmglocken schellen.

Später hat Frielinghaus dann noch tierische Produkte weggelassen. Das bedeutet, sie hat von einer Ernährungsform, die schon mit tierischen Produkten zu schweren Mangelerscheinungen führen kann, auch noch die Sachen weggelassen, die eine hohe Nährstoffdichte haben. Das kann nicht gut gehen. Man kann grundsätzlich nicht zu einer veganen Ernährung übergehen, indem man Tierprodukte einfach weglässt. Sondern man muss die Nährstoffe der tierischen Produkte ausgleichen. Es gibt zahlreiche Internetseiten und Bücher, die erklären, wie das geht. Und was man in all diesen Artikeln auch liest, ist, dass man als Veganer dringend Vitamin B12 supplementieren sollte.

B-12-Mangel kann irreversible Schäden anrichten

Viele verlassen sich, wie Barbara Frielinghaus, darauf, dass der Körper genug B12-Reserven hat. Dieser kann über die Leber vielleicht jahrelang B12 liefern. Aber eben nur vielleicht. Es kann auch sein, dass der Speicher schon nach mehreren Monaten aufgebraucht ist und dann wird es gefährlich. Ein B12-Mangel ruft schwere Nerven- und Hirnschäden hervor, die irreversibel sind. Übrigens kommt B12-Mangel auch bei Fleischessern vor. Die Zurückhaltung vor B12 begründen viele mit der Unnatürlichkeit der künstlichen Zufuhr. Wenn man aber einmal versteht, wie man auf natürliche Weise zu B12 kommt, findet man es vielleicht gar nicht so schlecht, ab und zu eine saubere Pille einzuwerfen. B12 wird im Darm gebildet. Beim Menschen zum Beispiel im Dickdarm. Aufnehmen kann es aber nur der davor liegende Dünndarm, so dass einem das eigene B12 nichts nützt.

Der ausgeschiedene Dung und die Fäkalien von Kühen, Hühnern, Schafen und Menschen enthalten reichlich B12 und wenn man mit den Tieren zusammenleben würde und auf natürliche Weise gedüngtes Gemüse ungewaschen essen würde, dann müsste man auch nicht supplementieren. Dass das in der Natur funktioniert, zeigen uns die Gorillas - sie werfen keine Pillen ein.

Der B12-Mangel deutete sich mit Kribbeln in den Armen an, ein typisches Symptom schwerer Mangelerscheinung. Gibt man andere Symptome wie Zahnausfall, Haarausfall, Ausbleiben der Regel bei Google ein, dann bekommt man den Buchtipp: "Essstörung: gesunde Ernährung wiederentdecken" von Günter Reich und Silke Krüger. Das habe ich schon bei Frielinghaus' Beschreibung von Fischgräten und Hackfleisch gedacht, aber Ferndiagnosen sollte man lieber lassen.

Fragwürdige Ernährungstipps

Ihr Suche führt Frielinghaus als nächstes zur Weston Price Foundation. Price war in den 30er-Jahren ein Zahnarzt, der entdeckte, dass traditionell lebende Gesellschaften sehr gute Zähne hatten. Er führte das auf deren Ernährung zurück und entwickelte daraus eigene Empfehlungen. Leider ging ihm durch die Lappen, dass diese Kulturen zwar super Zähne hatten, dagegen aber eine hohe Kindersterblichkeit und viel geringere Lebenserwartung als seine westlichen Patienten. Und nachdem Barbara Frielinghaus auf Weston Price gestoßen ist, fand sie plötzlich die Lösung all ihrer Probleme: Sie aß Leber, spürte die Energie und war geheilt.

Seltsame Geschichte.

Und auch seltsam ist, dass Frielinghaus auf Facebook mit Udo Pollmer und Ulrike Gonder vernetzt ist. Beide schreiben für EU.L.E.N-Spiegel Artikel über Ernährung. Dabei kommen oft Meinungen heraus, die absolut konträr zu wissenschaftlichen sind. Pollmer hat das Buch "Don't go veggie" geschrieben, in dem er mit der veganen Ernährung auf sehr polemische Weise abrechnet. Der Veganismus scheint Pollmer mächtig Angst zu machen, ein Zitat aus seinem Buch: "Denkt man den Veganismus konsequent zu Ende, bedeutete seine Universalisierung das Ende unserer bisherigen Zivilisation." Ziemlich dick aufgetragen. Vielleicht sollte man ihn an sein Interview in der FAZ erinnern: "Herr Pollmer, wird das Thema Ernährung eigentlich überschätzt?" "Ja."


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