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Kein Fleisch, keine Milch, kein Fisch: Darf man seine Kinder vegan ernähren?

ZDF-Moderatorin und Kochbuch-Autorin Jasmin Hekmati lebt vegan. Sie verzichtet, gemeinsam mit ihrem Mann, auf alle tierischen Produkte: Fleisch, Käse und Milch sind genauso tabu wie Eier und Fisch. Auch ihre Kinder, drei und fünf Jahre alt, werden vegan ernährt. Ist das richtig?

Ein Interview von Denise Wachter

Veganer: Jasmin Hekmati mit Tochter vor dem Herd

Mit Leib und Seele Veganer: Jasmin Hekmati und ihre zweijährige Tochter

Sich vegan zu ernähren, ist heutzutage etwas ganz Normales. Früher wurden Veganer als Ökos und Alternative belächelt, jetzt hat sich eine ganze Industrie der veganen Ernährung verschrieben. Vom Hype über einen Trend zum Lifestyle - so sehen Veganer ihren Lebensstil eigentlich am liebsten. Und die Beweggründe sind sehr vielfältig: Viele verzichten aus moralischen und ethischen Gründen auf den Fleisch- und Tierproduktgenuss, andere aus gesundheitlichen.

Auch Jasmin Hekmati, Fernsehmoderatorin im ZDF, entschied sich von heute auf morgen dazu, vegan zu leben. Gemeinsam mit ihrem Mann. Und gemeinsam mit ihren Kindern, die drei und fünf Jahre alt sind. Vergangenes Jahr hat sie ein Kochbuch herausgebracht -"Das vegane Familienkochbuch"

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) warnt jedoch davor, schon Kinder vegan zu ernähren: "Eine vegane Ernährung hält die DGE im gesamten Kindesalter für ungeeignet." Sie fürchten die Gefahr eines Nährstoffmangels, vor allem für Säuglinge und Kinder könne es zu einer unzureichenden Zufuhr mit Energie, Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Vitamin B2, Vitamin B12 und Vitamin D kommen. Die Liste ist lang und auch die der irreversiblen Störungen, die Mangelernährung hervorrufen könnte: Störungen der Blutbildung, Wachstumsverzögerung und neurologische Störungen. Trotzdem: Hekmati ernährt ihre Kinder vegan. Wir haben nachgefragt, ob man es eigentlich verantworten kann, seine Kinder vegan zu ernähren.

Frau Hekmati, warum haben Sie sich dazu entschlossen, vegan zu leben?

Im Prinzip hat mich mein Sohn darauf gebracht, der mich ganz naiv gefragt hat, warum er unsere Katze Otto nicht am Schwanz ziehen darf. Ich habe ihm erklärt, dass man anderen Lebewesen nicht weh tut, dass sie auch Schmerzen fühlen. Währenddessen stand ich gerade am Herd und habe ein Steak gebraten. Erst da fiel mir auf, wie inkonsequent ich doch war. Wie kann ich meinem Sohn erzählen, dass wir Tieren keine Schmerzen zufügen dürfen, und beim Essen endet dann diese Moral?

Zum Leid der Tiere kamen dann noch die anderen schlimmen Nebenwirkungen der Nutztierhaltung dazu: Ressourcenverschwendung, Umweltzerstörung, Treibhausgase, gefährliche multiresistente Keime etc. Für mich gibt es eigentlich keine vernünftigen Argumente, Tierisches zu essen. Vor allem Fleisch. Außer dem Genuss. Aber Genießen geht wirklich auch anders.

War dies eine Ad-Hoc-Entscheidung?

Ja, tatsächlich. Und bis jetzt klappt es wunderbar. Seit gut eineinhalb Jahren ernähren mein Mann und ich uns vegan.

Und wie ernähren Sie Ihre Kinder?

Genauso. Bei uns zu Hause essen sie vegan. In unserer Küche wird nichts vom Tier verwertet. Wir sind aber nicht dogmatisch: Wenn wir unterwegs sind, dürfen unsere Kinder auch mal Kuchen oder Milchschokolade essen. Wir möchten nicht, dass unsere Kinder ausgeschlossen fühlen oder diskriminiert werden. Sie sollen sich aus Überzeugung vegan ernähren und Spaß daran haben - und es eben nicht als Einschränkung empfinden. Bis jetzt klappt das ganz gut.

Die DGE warnt vor Nährstoffmangel bei veganer Ernährung im Kindesalter. Wie sehen Sie das?

Die DGE macht das vorsichtshalber so. Die Nordamerikaner zum Beispiel sehen das ganz anders: Die American Academy of Nutrition and Dietetics und die American Academy of Pediatrics, also die Fachgesellschaften der US-amerikanischen Ernährungsberater und Kinderärzte finden, dass eine gut geplante vegane Ernährung in allen Lebensphasen vom Baby bis zum Greis und auch in der Schwangerschaft und für Sportler geeignet ist und sogar zur Prävention von Krankheiten beitragen kann. Dieselbe Position vertreten die kanadischen Fachleute für Ernährung und Kindermedizin.

Geben Sie Ihren Kindern Nahrungsergänzungsmittel?

Ja, bei veganer Ernährung ist vor allem das Vitamin B12 der Knackpunkt. Wir lösen das so, dass unsere Kinder regelmäßig angereicherte Pflanzenmilchprodukte bekommen. Also ganz normale Sojamilch beispielsweise aus dem Supermarkt, die hat genauso viel Vitamin B12 wie Kuhmilch. Zusätzlich gibt es zwei- bis dreimal pro Woche Kirschtabletten, also Vitamin-B12-Tabletten mit Kirschgeschmack. Meine Kinder lieben sie. Im Winter - von Oktober bis April - geben wir unseren Kindern auch Vitamin D. Das wird in der dunklen Jahreszeit immer knapp, egal wie man sich ernährt. Außer man isst massenweise Fisch, was ja auch nicht gesund ist.

Was sagen Ihre Ärzte? Sehen sie die vegane Ernährung bei Ihren Kindern kritisch?

Unsere Kinderärztin ist zum Glück sehr verständnisvoll. Ich habe ihr auch erklärt, dass ich mich sehr gründlich informiert habe. Als wir unsere Ernährung umstellten, habe ich eine großangelegte Recherche betrieben. Ich habe mit Ernährungswissenschaftlern, Ernährungsmedizinern und Kinderärzten, die sich mit Ernährung und Stoffwechsel beschäftigen, ausgiebig gesprochen, und sie haben mir Mut gemacht, dass eine gut ausgewählte vegane Ernährung sogar viele Vorteile gegenüber einer klassischen Mischkost hat, was zum Beispiel die Prävention bestimmter Krankheiten angeht. 

Kein Experte hatte irgendwelche Einwände, weil ich mich intensiv mit veganer Ernährung, auch bei Kindern, auseinandergesetzt habe. Ich weiß, auf was ich bei meinen Kindern achten muss. Aus diesem Grund habe ich auch mein Buch geschrieben. Ich möchte anderen Eltern Tipps geben und sie aufklären, worauf sie achten müssen, wenn sie ihre Kinder vegan ernähren.

Wie hat Ihr soziales Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert?

Meine Freunde und Familie haben eigentlich recht positiv reagiert. Natürlich gab es auch mal einen schrägen Spruch von der Seite, aber im Prinzip haben uns alle ihre Unterstützung versichert. Meine Eltern und Schwiegereltern kochen für uns nur noch vegan. Weil sie wissen, dass wir uns damit intensiv auseinandergesetzt haben. Von Fremden, die wir nicht kennen, kriegen wir jedoch oft brüske, sogar unverschämte Kommentare zu hören. Urplötzlich fühlen sich viele dazu berufen zu erklären, wie man Kinder richtig ernährt. Gegenüber veganer Ernährung gibt es leider immer noch sehr viele Vorurteile.

Sie haben sich persönlich dazu entschieden, Veganerin zu werden. Wie können Sie es rechtfertigen, dass Ihre Kinder nicht selbst entscheiden dürfen, was sie essen möchten?

Ich kenne kein Kind, das selbst entscheiden darf, was es isst. Ernährung ist immer, was die Eltern einem mitgeben, und es gibt einfach so viele verschiedene Ernährungstypen. Wenn sich meine Kinder später entscheiden, nicht mehr vegan zu leben, dann ist es ihre Entscheidung, die ich respektieren muss. Ich glaube nicht, dass wir unseren Kindern weniger Freiheiten geben als andere Eltern.

Ich glaube sogar im Gegenteil: wenn unsere Kinder einmal aus Überzeugung zu dem Schluss kommen, dass sie Fleisch,  Milch und Käse essen wollen, dann wird es ihnen nicht schwer fallen, ihre Entscheidung in die Tat umzusetzen.Wer aber als Fleischesser groß wird und eines Tages aus Überzeugung damit aufhören will, hat es da viel schwerer. Die Erfahrung haben sicher schon viele selbst gemacht.  

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