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Interview

"Oatly"-Chef Toni Petersson: Der Post-Milch-Mann: "Die Zeiten, in denen wir viel Kuhmilch getrunken haben, sind vorbei"

Lange Zeit galt Kuhmilch als Muntermacher der Nation. Das ist vorbei: Alternativen auf Pflanzenbasis sind auf dem Vormarsch. Und eine Marke mausert sich zum Superstar: "Oatly". Wir haben den Geschäftsführer gefragt, ob es sich bei seinem Produkt nur um gutes Marketing handelt.

Oatly

Toni Petersson, Geschäftsführer des schwedischen Unternehmens "Oatly", trinkt keine Kuhmilch mehr und weiß, warum Alternativen auf dem Vormarsch sind.

Über Generationen hinweg galt Kuhmilch als gesundes Nahrungsmittel, als Muntermacher der Nation. Heute ist das anders: Kuhmilch wird kritisch betrachtet, ihre Effekte auf Umwelt und Gesundheit sind umstritten. Und so tut sich ein ganz neuer Markt auf: für Milch-Alternativen. Aus Soja, Reis, Kokos, Mandeln, Cashewnüssen …

Vor allem aber ein Produkt mausert sich zum Superstar unter den Milch-Alternativen: "Oatly", eine Hafermilch, die in ihrem Heimatmarkt Schweden bereits über 60 Prozent der Verbraucher regelmäßig konsumieren. Das Unternehmen ist über 25 Jahre alt und startete in den Neunzigern als Forschungsprojekt an der schwedischen Universität Lund. Die Idee dahinter war simpel: Es sollte eine pflanzliche Milch entwickelt werden, die genauso bekömmlich wie Kuhmilch ist.

Aber erst in den letzten Jahren eroberte "Oatly" den deutschen und auch den US-amerikanischen Markt. Sie änderten das Produktdesign, fuhren smarte Marketingstrategien auf, vermarkteten die Milch vor allem in Cafés. "Oatly" ist der Hipster unter den Milch-Alternativen. Baristas schäumen den Cappuccino mit "Oatly" genauso gut wie mit der Kuhmilch vom Ökobauern am Stadtrand.

Toni Petersson mit japanisch-schwedischen Wurzeln stieg 2012 in das Unternehmen als Geschäftsführer ein. Nach nur wenigen Jahren konnte er den Umsatz steigern. Von 630 Millionen Schwedische Kronen (entspricht etwa 60 Millionen Euro) in 2017 auf 1028 Millionen (etwa 98 Millionen Euro) in 2018. Die Prognosen für die nächsten zwei Jahre sehen einen weiteren starken Umsatzanstieg vor. Der stern hat mit Petersson über den Erfolg von "Oatly" gesprochen, warum wir die Post-Milch-Generation sind und warum wir aufhören sollten, Kuhmilch zu trinken.

Herr Petersson, trinken Sie noch Kuhmilch?

(lacht) Nein, schon lange nicht mehr. Als Kind hin und wieder, aber ich habe japanische Wurzeln, wir haben nicht sehr häufig Milchprodukte konsumiert. Und in unserer heutigen modernen Gesellschaft brauchen wir auch keine Kuhmilch für eine gesunde Ernährung, auch wenn von der Milchindustrie etwas anderes behauptet wird.

Das wäre?

Dass Kuhmilch gesund für uns sei.

Ja, Kuhmilch gilt als guter Vitaminlieferant für Kalzium und Vitamin D und wichtiger Baustein für das Knochenwachstum von Kindern.

Haferdrinks sind für Menschen bestimmt, Kuhmilch für Kälber. Kuhmilch zu trinken ist nicht natürlich. Es ist ein Mythos, dass Kuhmilch beziehungsweise das darin enthaltene Kalzium gut für die Knochen sei. Die Milchindustrie hat sich das ausgedacht. Unzählige Studien bestätigen nämlich das Gegenteil: Wie erklären Sie sich, dass die Skandinavier mehrheitlich an Osteoporose erkranken, obwohl sie die größte Kuhmilchnation unter den Europäern sind? Und woher kommt das Vitamin D in der Kuhmilch? Durch das Futter, das die Kühe essen. Es gibt andere Quellen, natürlichere Quellen, um diese Nährstoffe aufzunehmen

Das erste Mal wurde mir "Oatly" im Café 2018 angeboten, "probier' doch mal diese Hafermilch", sagte der Barista, "die schmeckt großartig". Auch in den USA ist "Oatly" heutzutage aus den Cafés kaum mehr wegzudenken. Wann wurde Ihre Hafermilch so populär?

Vor etwa fünf Jahren haben wir unseren Produkten ein neues Branding verpasst und sie auf den Markt gebracht. Es ist ziemlich besonders, aber, egal wo wir "Oatly" launchen, sie kommt überall gut an.

Das merken wir auch hier in Deutschland. Die Plakate mit "It's like milk but made for humans" hängen in jeder Großstadt. Immer mehr Menschen sprechen über Milchalternativen.

Die Verbraucher leben heute bewusster. Es geht ihnen um ihre Gesundheit, aber auch um die Umwelt. Und uns geht es nicht nur darum, ein hippes Produkt auf dem Markt zu haben.

Sondern um eine Ideologie?

Genau, eine Haltung, die vor allem auch von jungen Leuten vorangebracht wird. Die legen heute mehr Wert darauf, was sie konsumieren. Sie wollen individuelle Entscheidungen treffen, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Das wollen wir auch. 

Gut zu wissen: Diese Pflanzendrinks gibt es als Alternative zur Kuhmilch – nicht immer sind sie die bessere Wahl
Sojamilch  Vor allem Amerikaner und auch Europäer trinken Sojamilch am liebsten. Marktführer Alpro verwendet Soja aus Kanada und Europa und versucht nach eigenen Angaben darauf zu achten, dass der Anbau so nachhaltig wie möglich ist und so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich verwendet wird. Deren Bio-Ableger Provamel bezieht Soja vollständig aus Europa. Die Sojamilch des französischen Bio-Unternehmens Sojade (So Soya!) verwendet Soja, das ausschließlich aus Frankreich stammt.

Sojamilch

Vor allem Amerikaner und auch Europäer trinken Sojamilch am liebsten. Marktführer Alpro verwendet Soja aus Kanada und Europa und versucht nach eigenen Angaben darauf zu achten, dass der Anbau so nachhaltig wie möglich ist und so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich verwendet wird. Deren Bio-Ableger Provamel bezieht Soja vollständig aus Europa. Die Sojamilch des französischen Bio-Unternehmens Sojade (So Soya!) verwendet Soja, das ausschließlich aus Frankreich stammt.

Getty Images

Sie trinken keine Kuhmilch, aber essen Fleisch, obwohl Fleischkonsum einer der größten Klimasünder ist ...

Ja, aber ziemlich wenig. Und wenn, dann hauptsächlich Hühnchenfleisch und Fisch.

Müssten Sie - aus ideologischen Gründen - nicht komplett auf tierische Produkte verzichten und vegan leben?

Aus ideologischer Sicht, klar, eigentlich müsste ich vegan leben. Aber es ist nicht unser primäres Ziel, dass alle Menschen vegan werden. Sie sollen kleine Veränderungen machen. Denn schon die kleinsten Veränderungen könnten in Summe Großes leisten.

Sie sagen, Kuhmilch ist eigentlich obsolet. Es ist kein Getränk für Menschen, sondern das der Kälber. Machen Sie denn einen Unterschied zwischen industrieller Milch und der Milch von Milchbauern, die ökologisch und nachhaltig wirtschaften?

Absolut, das größte Problem für die Umwelt heutzutage ist die intensive Milchwirtschaft, also das Halten der Kühe in Massen, die getrimmt auf hohen Ertrag sind. Das zerstört unsere Umwelt.

Wie weit geht ihre Ideologie? Sie verkaufen Hafermilch in Europa, beispielsweise in Deutschland, aber auch in den USA. Woher stammt der Hafer für die Pflanzenmilch?

Das gute am Hafer ist, er kann überall wachsen. Der Hafer in den USA wird lokal angebaut. Der Hafer für "Oatly" in Deutschland kommt aus Schweden. Aber unsere Vision ist es natürlich, mit lokalen Bauern zusammenzuarbeiten, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Das motiviert uns.

Vor allem ist es für Sie gutes Marketing.

Wir sind ein naturwissenschaftlich basiertes Unternehmen. Nur so ist es uns möglich, so transparent zu kommunizieren, wie wir es tun. Wir sind nicht perfekt, das sagen wir auch offen. Aber wir überlegen, wie wir unsere Arbeit so ausrichten können, dass sie einen Mehrwert für die Gesellschaft und am Ende für die Welt hat. Wir stellen uns den schwierigen Fragen wie Klimawandel und auch nachhaltige Landwirtschaft.

In den Supermarktregalen gibt es Pflanzendrinks aus Soja, Mandeln und eben auch Hafer. Was macht "Oatly" so besonders?

Der Absatz von Sojamilch ist langsam rückläufig, unter Mandelmilch verstehe ich mehr einen pflanzenbasierten Saft aus Mandeln. Der enthält etwa zwei Prozent Mandeln und jede Menge Wasser. Wir produzieren gewissermaßen flüssigen Hafer. Wir verwandeln Haferkörner zur Flüssigkeit, also ein flüssiges Nahrungsmittel mit allen Nährstoffen, die im Haferkorn enthalten sind: Ballaststoffe, Proteine und Kohlenhydrate. 

Sollten wir aufhören Kuhmilch zu trinken?

Das ist eine persönliche Entscheidung. Wir haben einen Einfluss auf die Welt, mit den Entscheidungen, die wir treffen. Wer also bewusst konsumiert, könnte damit dem Planeten helfen. 

Ist die Zeit der Milch, wie wir sie aus den Supermärkten kennen, vorbei?

Die Änderung unserer Konsumgewohnheiten steht erst am Anfang. Die Zeiten, in denen wir viel Kuhmilch getrunken haben, sind vorbei. Zukünftig wird es in den Supermärkten weniger Kuhmilch-Produkte geben, dafür mehr Alternativen. Wir sind die Post-Milch-Generation. 

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