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Die Serie zum Wettbewerb "Das große Artensterben" – die unsichtbare Katastrophe vor unserer Haustür

Ein Braunkehlchen über einer wogenden Blumenwiese. Die Art steht auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands und gilt als stark gefährdet.
Ein Braunkehlchen über einer wogenden Blumenwiese. Die Art steht auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands und gilt als stark gefährdet.
Braunkehlchen, Seggenrohrsänger, Kiebitz: Art um Art verschwinden die Vögel aus unserer heimischen Landschaft. In einer bewegenden Dokumentation macht die Filmemacherin Lourdes Picareta den schleichenden Verlust und seine Folgen sichtbar.

Frau Picareta, die Pandemie hat uns alle so sehr im Griff, dass selbst die eskalierende Klimakrise kaum noch Aufmerksamkeit findet. Trotzdem haben sie im November 2020 in der ARD die Dokumentation „Das große Artensterben“ veröffentlicht. Warum dieser Film gerade jetzt?

Lourdes Picareta: Aus meiner Sicht gibt es gerade kein wichtigeres Thema. Allein in Deutschland sind binnen weniger als 20 Jahren acht Prozent aller Vögel verschwunden. Das sind sieben Millionen Brutpaare. 20 von 250 heimischen Brutvogelarten gibt es bei uns gar nicht mehr. Die Vögel sind nur ein Beispiel für das große Artensterben, das weltweit immer dramatischere Ausmaße annimmt. Doch anders als die Klimakrise ist den meisten von uns diese Katastrophe kaum bewusst. Die Vögel verschwinden aus der Landschaft vor unserer Haustür – und wir bemerken es nicht einmal.

Auch, weil wir vor lauter Lockdown-Müdigkeit und Infektionsangst kaum noch einen Sinn für die Natur und ihre bedrohten Arten haben?

Im Gegenteil. Corona ist eine Zäsur. Auf einmal haben viele Menschen Zeit innezuhalten und nachzudenken. Es gibt eine Bewegung weg vom Stadtleben, hin zur Natur. Dieses Momentum kommt meinem Film und seinem Thema im Grunde zugute. Viele Menschen spüren: So wie bisher kann es nicht mehr weitergehen. Genau dieses Gefühl spricht der Film an.

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Der Film nimmt in der Kategorie "Investigation" am Wettbewerb um den Nannen Preis teil. Das ist überraschend für einen Naturfilm, denn dort vermutet man vor allem hart recherchierte Enthüllungs-Storys. Wieso ist "Das große Artensterben" dort richtig?

Auch für das ARD-Format "Die Story im Ersten", in der der Film ausgestrahlt wurde, war er ungewöhnlich. Aber, wie ich finde, sehr passend. Das Thema Artensterben ist global und hat gleichzeitig so viele Bezüge zu unserem Alltag. Es spiegelt, was unsere Art zu leben anrichtet.

Als Dokumentarfilmerin sind Sie es gewohnt, dramatische, bildstarke Themen anzupacken. Sie haben über Kinderprostitution in Kambodscha berichtet, über Gewalt gegen Frauen in Indien, oder über Flüchtlingshelfer in den Alpen. Dieses Mal standen sie vor einer ganz anderen Herausforderung: Arten sichtbar zu machen, die im Verschwinden begriffen oder schon ganz verschwunden sind. Wie erzählt man die Geschichte eines solchen Verlusts – zu der es naturgemäß eigentlich kaum Bilder geben kann?

Mit sehr einfachen Mitteln. Mit einer großen Ruhe, ohne schnelle Schnitte, wie sie für Investigativ-Formate sonst üblich sind. Ich wollte, dass die Zuschauer*innen diesen Verlust wirklich spüren. Dass jemand, dem vor lauter Alltagshetze wahrscheinlich gar nicht auffällt, ob die Vögel draußen zwitschern oder nicht – dass sich so jemand wirklich fragt: Ja, wo sind die denn alle hin?

Die portugiesische Dokumentarfilmerin Lourdes Picareta lebt seit den 1970er Jahren in Deutschland.
Die portugiesische Dokumentarfilmerin Lourdes Picareta lebt seit den 1970er Jahren in Deutschland.

Mit welchen Bildern hoffen Sie, diese Wirkung zu erreichen?

Zum Beispiel mit der Szene über den Bauern an der deutsch-polnischen Grenze, der mit der Hand über das Getreide streicht. Im Film sagt er über die bedrohten Braunkehlchen, die auf seinem Land noch brüten: „Was ist das schon: Vier Vögelchen auf dieser großen Welt?“ So ein Satz muss einen Nachhall haben, den kann man nicht direkt mit der nächsten Information zumauern. Wir haben versucht, in diesem Film Räume zu schaffen, damit solche Worte wirken können. Das geht natürlich nur mit einem exzellenten Team aus Cuttern, Kameraleuten und anderen Kolleg*innen.

Der Film zeigt auch spektakuläre Tier-Szenen von außerhalb Deutschlands. Eine Eizellentnahme bei einem der letzten nördlichen Breitmaulnashörner in Kenia. Seltene Arten in der Wildnis Polesiens, eines riesigen Feuchtgebiets entlang der ukrainisch-belarussischen Grenze...

...ich nenne es das Amazonien Europas. Ein letztes Refugium für viele bedrohte Arten, das hierzulande erstaunlicherweise kaum jemand kennt...

...wie sind Ihnen diese Aufnahmen gelungen? Sie sind ja keine professionelle Tierfilmerin.

Die Drehzeit, die man für eine solche Dokumentation zur Verfügung hat, reicht nicht, um aufwendige Naturaufnahmen zu machen. Außerdem bekam ich wegen der Pandemie kein Visum für Belarus. Ich habe deshalb mit lokalen Tierfilmern und einem Kollegen aus unserem Büro in Moskau zusammengearbeitet.

Ein Vogelschwarm über einem Feuchtgebiet in Polesien. Für Lourdes Picareta ist die kaum bekannte Wildnis entlang der ukrainisch-belarussischen Grenze ein europäisches Amazonien. Hier leben noch viele Arten, die anderswo in Europa längst verschwunden sind.
Ein Vogelschwarm über einem Feuchtgebiet in Polesien. Für Lourdes Picareta ist die kaum bekannte Wildnis entlang der ukrainisch-belarussischen Grenze ein europäisches Amazonien. Hier leben noch viele Arten, die anderswo in Europa längst verschwunden sind.

Nicht selbst an wichtige Schauplätze wie Polesien reisen zu können muss ein schwerer Rückschlag gewesen sein. Ihr Film lebt ja vom Kontrast zwischen dem zerstörerischen Kahlschlag an der Natur und dieser noch nahezu unberührten Insel der Artenvielfalt.

Dort nicht hinzukönnen, tat weh. Und es war eine große Herausforderung. Denn die eigene Erfahrung, mit der man an so ein Projekt herangeht, kann man jemand anderem kaum vermitteln, wenn man nicht selbst vor Ort ist. Viele Interviews mit Protagonisten von dort habe ich per Facetime geführt. Die Szenen mit den Nashörnern stammen vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, das ein Rückzüchtungsprogramm für das nördliche Breitmaulnashorn gestartet hat.

Für ein Investigativ-Format wie „Die Story im Ersten“ zeigt Ihr Film teilweise ungewöhnlich verspielte, malerische Bilder. Einen blühenden Obstbaum aus der Perspektive einer kreisenden Drohne etwa. Wie entsteht die Idee zu solchen Bildern?

Indem ich meinem Kameramann ein Gefühl dafür vermittele, was ich mit seinen Bildern zum Ausdruck bringen möchte. Eine Wiese ist ja nicht einfach eine Wiese. Sie wirkt sehr verschieden, je nachdem wie man sie darstellt. Ich sage dem Kameramann also nicht: Mach mal ein paar Bilder von dieser Streuobstwiese. Sondern ich spreche mit ihm darüber, worum es bei der Szene gehen soll. Hier war das Thema die Vervielfältigung des Lebens. So kam uns der Einfall, mithilfe eine Kameradrohne den blühenden Baum aus der Sicht einer Biene zu zeigen.

Das erklären Sie im Film aber gar nicht.

Das brauche ich auch nicht zu erklären. Solche Bilder vermitteln auch ohne Worte das Gefühl für die Natur, um das es mir geht.

Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter. Seit 2015 steht die Art auf der Roten Liste gefährdeter Vogelarten.
Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter. Seit 2015 steht die Art auf der Roten Liste gefährdeter Vogelarten.

Blühende Bäume, Braunkehlchen inmitten einer wogenden Wiese, verwunschene Moorlandschaften: Ist Ihre Dokumentation für einen Katastrophenfilm nicht viel zu schön?

Ich wollte nicht nur Bilder der Katastrophe zeigen. Und ich will die Zuschauer auch nicht mit diesem Eindruck allein lassen. Darum habe ich ganz gezielt nach Protagonisten gesucht, die Hoffnung vermitteln. Nach Menschen, die einen Wink geben, wie sich die Dinge vielleicht noch zum Besseren verändern lassen…

…so wie den Vogelkundler mit dem weißen Rauschebart gleich zu Beginn, der rund um den Bodensee neue Feuchtgebiete schafft, als Oasen für bedrohte Vogelarten?

Professor Berthold ist eine Koryphäe in Einzugsgebiet meines Senders, des SWR. Und er hat eben dieses Hoffnungsprojekt für die Vögel. Und darüber kommt man dann direkt auf das Thema Insekten. An ihm und mit ihm lässt sich einfach viel erklären.

Im Film kommenden viele namhafte Wissenschaftler zu Wort. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Journalisten ist aber oft schwierig. Das hat nicht zuletzt die Berichterstattung zu Corona immer wieder gezeigt.

Wir Journalisten sind wie Schmetterlinge. Wir gehen von einer Blüte zur nächsten. Wir sind verdammt dazu, uns nirgendwo länger aufzuhalten und zu vertiefen. Davon sind manche Wissenschaftler nicht so begeistert. Das kann ich verstehen.

Wie überbrücken Sie die Skepsis zwischen Journalismus und Wissenschaft?

Mit Ehrlichkeit und Respekt. Ich führe mit fast allen meinen Protagonisten vor den Interviews lange Vorgespräche. Ich erkläre ihnen, worum es mir geht und welche Rolle sie in meinem Film spielen sollen. Wissenschaftlern begegne ich mit Respekt vor ihrer Arbeit und ihrem Lebenswerk. Ich sage ihnen aber auch, dass ich aus einem langen Interview am Ende nur die besten Stellen, die „creme de la creme“, im Film verwenden werde. So entsteht Vertrauen in beide Richtungen. Ohne das geht es nicht.

Dürfen die Wissenschaftler, die Sie interviewen darüber mitentscheiden, welche Interviewstellen Sie verwenden?

Nein. Das entscheide ich allein. Und das weiß ich zum Zeitpunkt des Interviews meist ja auch noch gar nicht. Denn erst am Ende, im Schnitt, wenn alles Material vorliegt, entscheidet sich, wie sich alles zu einem Ganzen fügt. Bei komplexen Sachverhalten bitte ich Wissenschaftler aber manchmal, sich eine bestimmte Szene anzusehen – damit ich auf keinen Fall einen Fehler mache. So wie mit Seggenrohrsänger.

Was war denn mit dem Seggenrohrsänger passiert?

Ich hatte diesen Vogel aus Polesien im Schnitt mit einem anderen Vogel verwechselt, der mir besser gefiel. Dann kamen die Wissenschaftler von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft und sagten: „Aber, das ist doch kein Seggenrohrsänger!“ Seitdem müssen alle aus dem Team losprusten, wenn ich nur dieses Wort sage: Seggenrohrsänger.

Sie haben mehr als zwei Jahre an diesem Film gearbeitet. Außer der ARD-Dokumentation wird es auch noch einen Arte-Themenabend zum großen Artensterben geben. Welcher Moment der Dreharbeiten hat Sie am meisten berührt?

Tatsächlich die Szene mit Bauer Mautschke und den Braunkehlchen. Ich habe diesen Satz von ihm schon erwähnt: „Was ist das schon: Vier Vögelchen auf dieser großen Welt?“ Als er das sagte, kamen mir die Tränen und ich habe mich weggedreht, damit er es nicht sieht. Diese Landschaft dort, dieses Feld, auf dem die Natur so existieren darf, wie sie ist: Das hat mich in meine Kindheit zurückversetzt. In den Orangenhain meines Großvaters in Portugal. Dieser Bauer erinnert uns daran: Wir sind nur eine von all den vielen Arten. Wir sind ein Teil der Natur, von der wir fast überall schon so viel verloren haben.

Qualitätsjournalismus – wie wird der heutzutage eigentlich gemacht? Wie kommt ein Thema auf? Welche Quellen nutzen Reporter*innen für ihre Recherche? Welche Möglichkeiten bieten neue und traditionelle Medien? Welche Rolle spielt die Presse für eine lebendige, demokratische Gesellschaft? Um diese und andere Fragen zum modernen Journalismus kreist unsere neue Serie zum Wettbewerb um den Nannen Preis 2021, den der stern und das Verlagshaus Gruner + Jahr ausrichten. Im Lauf der kommenden Wochen werden wir hier eine Reihe journalistischer Arbeiten aus dem aktuellen Wettbewerb um die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachigen Journalismus näher beleuchten.

Die Auswahl der Arbeiten, auf die wir an dieser Stelle in loser Folge eingehen, ist gänzlich unabhängig von der Arbeit der Jurys, die in geheimen Beratungen die Preisträger küren. Hier geht es nicht um die Frage: Welche Arbeit macht das Rennen? Sondern darum Sie, unser Publikum, teilhaben zu lassen an der beeindruckenden Vielfalt journalistischer Kreativität, die sich in den Einreichungen zum Nannen Preis 2021 zeigt.
Ihr Nannen Preis Team

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