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Plattform "Odysee" Das Youtube der Neonazis: Hier wird Geld mit Holocaustleugnung verdient

Odysee: Das Youtube der Rechtsextremen, Nazis und Verschwörungstheoretiker
Rechtsextreme auf einer Demonstration gegen die Homo-Ehe in Paris
© Thibault Camus / Picture Alliance
Verlinkungen in Telegram-Gruppen und auf Websites mit rechtsextremistischer Färbung führen nach "Odysee" – eine Video-Plattform. Quasi wie YouTube, nur dass hier Rechtsextreme seit Monaten Krypto-Geld verdienen. Wie konnte es dazu kommen?

Ein Supermarkt-Parkplatz in der Stadt Buffalo im US-Bundesstaat New York. Mitte Mai 2022 entstehen hier Bilder von gelbem Absperrband und weinenden Menschen, die um die Welt gehen. Zehn Menschen wurden getötet. Die meisten von ihnen schwarz. Der Grund: Rassismus.

Rassismus im Video-Format

Es gibt ein Video dieser Tat, weil sich der 18-jährige Schütze dabei filmte, wie er von Hass getrieben mit einem Sturmgewehr den Supermarkt betrat und auf Menschen schoss. Auf Youtube ist das Video der menschenverachtenden Tat selbstverständlich nicht zu finden. Auf Odysee existiert das Video bis heute. "Odysee", so heißt eine Videohosting-Plattform, die sich als Youtube-Alternative vermarktet.

Buffalo: Odysee: Das Youtube der Rechtsextremen, Nazis und Verschwörungstheoretiker
Blumen und Kerzen am Abend nach dem rassistischen Attentat in Buffalo
© Matt Rourke / Picture Alliance

Vor schwarzem Hintergrund steht in kritzeligem Schriftzug "Odysee". Das Symbol der Marke ist ein laufender Astronaut. Darunter in der deutschsprachigen Version Kochvideos, Vlogs, Reisevideos, Gameplays und Schmink-Tutorials – auf den ersten Blick scheint alles "normal", also wie bei Youtube. Währen da nicht die vielen Verlinkungen, die sich in zahlreichen Telegram-Gruppen und auf Websites mit verschwörungsideologischer bis rechtsradikaler Färbung finden lassen. Wie digitale Wegweiser führen sie zu der URL von Odysee.

Rechtsextreme Subkulturen machen Geld durch Blockchain-Technologie

Odysee ist einem Marktplatz nachempfunden. Es ist eine sogenannte "Incentivized Platform" (Anreiz-Plattform). Heißt: Nutzern werden finanzielle Anreize für bestimmte Interaktionen geboten. Als eine solche Interaktion gilt beispielsweise das Drücken des "Fire"-Buttons (Zustimmung) oder des "Slime"-Buttons (Ablehnung). Auf gut Deutsch heißt das: Wer viel auf der Plattform abhängt und klickt, der bekommt Geld. Für das Gucken und Bewerten von Videos erhält jeder Nutzer ein Trinkgeld in Form der virtuellen Währung LBRY Credits. Eine hauseigene Krypto-Währung, die über Handelsplattformen in US-Dollar oder Euro getauscht werden kann.

Demonstration gegen Rechtsextreme und Nazis
Bengalos bei einer Demonstration gegen Rassismus im Februar 2022 in Hanau. Zwei Jahre nachdem dort neun Menschen durch einen rassistischen Anschlag starben.
© Boris Roessler / Picture Alliance

Wie bei alternativen Währungen gängig, gibt auch Odysee an, dafür eine sogenannte Blockchain-Technologie zu verwenden. Blockchain heißt vereinfacht gesagt, Daten werden nicht wie bei Youtube auf zentralen Servern, sondern an vielen verschiedenen Orten gespeichert. Der springende Punkt: Blockchain-Technologie ermöglicht anonyme Transaktionen und Kommunikation – ein Umstand, der die Technologie auch für Kriminelle attraktiv macht. An dieser Stelle kommen jene Menschen ins Spiel, die ein Problem mit vermeintlicher staatlicher Zensur haben: Extremisten und Verschwörungsideologen. Denn auf Odysee finden all jene einen Platz, deren Videos auf Youtube wegen Verstößen gegen die Richtlinien, gelöscht wurden. Doch was genau findet sich auf der Seite, das zuvor bei Youtube zensiert wurde?

Odysee: Ein Hort des Bösen?

Vorab: Auf Odysee gehören keineswegs alle Nutzer zum verschwörungsideologischen oder rechtsextremen Spektrum. Vielmehr benutzt auch dieses Milieu die Plattform und verlinkt strategisch von anderen Plattformen dorthin, wie das Forschungsteam des Institute for Stragetic Dialogue, kurz ISD, herausfand.

Odysee: Das Youtube der Rechtsextremen, Nazis und Verschwörungstheoretiker
Ein Schild des sogenannten Corona Auschuss bei einer Demonstration: "The Great Reset" (Der Große Umbruch) steht darauf. Es ist der bekannteste Verschwörungsmythos der Corona-Pandemie. Er besagt, dass der wahre Grund für die Pandemie ein geplanter Neustart ist, der die Weltbevölkerung dezimieren soll.
© Sachelle Babbar / Picture Alliance

Finden kann man auf Odysee Accounts und Videos des russischen Propaganda Kanals RT, von Martin Sellner (Identitäre Bewegung) und dem sogenannten Corona Ausschuss, der Verschwörungsmythen über eine vermeintliche Corona-Diktatur verbreitet. Alle diese Kanäle sind auf Youtube gesperrt, auf Odysee nicht.

Paula Matlach verbrachte in den vergangenen Monaten viel Zeit auf Odysee. Mitte Mai sieht sie dort, wie in Buffalo zehn Menschen sterben, weil das Video unmittelbar nach der Tat hochgeladen wird. Matlach ist Analystin beim ISD. Einst erforschte sie russische Propaganda, nun recherchiert sie zu rechten Subkulturen im Netz. In ihrer neusten Studie, die durch das Bundesministerium der Justiz gefördert wird, liegt der Fokus auf Odysee.

Paula Matlach
Paula Matlach ist Analystin beim "Institute for Strategic Dialogue Germany" (ISD). Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen untersuchte sie die Rolle von Blockchain-Technologie für die Monetarisierung im rechtsextremen Onlinemilieu.

In den Community-Richtlinien der Seite heißt es übersetzt: "Wir erlauben keine Posts, die zu Hass oder Gewalt gegen bestimmte Gruppen oder Personen aufgrund ihrer Sexualität, ihrer Hautfarbe oder Geschlechts aufrufen". Paula Matlach erlebte im Laufe ihrer Studie jedoch live mit, wie viel Hass sich auf Odysee entfalten kann, als etwa während des Pride-Month #nopridemonth trendete oder ein User in einem Video forderte, man sollte Entwicklungshilfe in Afrika stoppen, um den Klimawandel nicht zu befeuern.

Das ISD hat Odysee in den vergangenen Monaten genau unter die Lupe genommen. Insgesamt über 122.000 Euro seien der Studie zufolge durch gerade einmal 53 untersuchte Accounts verdient worden. Zudem wurden elf auffällige Accounts genauer analysiert.

Antisemitismus im Talkshow-Format

Der davon erfolgreichste ist ein Anti-Lockdown Kanal, auf dem regelmäßig in Talkshow-Formaten verschwörungsideologische und antisemitische Thesen vertreten werden. In den untersuchten Videos geht es um Klimawandel-Leugnung, Ablehnung von Impfungen, einen sogenannten "Deep State" (illegitime Machtstrukturen innerhalb eines Staates) und Geschichtsrevision.

Reichsflaggen bei einer Demonstration der Partei "Die Rechte" in NRW
Reichsflaggen bei einer Demonstration der Partei "Die Rechte" in NRW
© Fabian Strauch/ / Picture Alliance

Der zweiterfolgreichste Kanal ist ein rechtsextremistischer Kanal, der mit rassistischer Färbung tagespolitische Geschehnisse erläutert. Insgesamt 55 Videos wurden in der Studie analysiert, die unter anderem von diesen Kanälen stammen. Sie erhielten insgesamt 36.120,88 Credits an Unterstützung (536,76 USD: Stand 13.05.22.). Doch wie kann es sein, dass mit rechtsradikalen und antisemitischen Inhalten im MP4-Format überhaupt Geld verdient werden kann? Und wem gehört diese Plattform der vermeintlichen Freiheit?

Libertarianismus: Freiheit um jeden Preis

Die Kontaktadresse des Unternehmens Odysee Inc. führt in die USA nach Nevada. Eigentlich gehört es aber wohl zum Mutterkonzern LBRY Inc., der in New Hampshire sitzt. Ein Unternehmen, welches eng verkettet ist mit der politischen Strömung des Libertarianismus. Der Grundgedanke des Libertarianismus: Individuelle Freiheit als höchstes politisches Gut. Wie politisch aufgeladen der Mutterkonzern von Odysee ist, zeigt die US-Senatswahl 2022. Hier kandidiert aktuell der LBRY-CEO Jeremy Kauffman für die Libertarian Party New Hampshire. Dieser merkte erst kürzlich in einem Kommentar an, dass LBRY Inc. sicherstellen werde, dass Odysee sich nie zu einem Youtube entwickle.

Um dies zu verhindern, ist Odysee auf dem LBRY-Protokoll aufgebaut. Diesem Protokoll liegt laut Erkenntnissen des ISD zugrunde: "Die Ablehnung staatlicher Einmischung und die Abgrenzung von großen Firmen, die in Form von 'Big Corporate' als Feindbilder gesehen werden" – alles klassische Bestandteile libertärer Ideologie.

Während das Unternehmen LBRY Inc. also angibt, keinen Einfluss darauf zu haben, was auf der zum Protokoll gehörenden Blockchain veröffentlicht wird, legen die Plattformbetreiber von Odysee –ihrer libertären Grundeinstellung folgend – die Redefreiheit in ihren Richtlinien sehr weit aus. Was daraus am Ende resultiert, ist ein Wunsch von Dezentralität und Meinungsfreiheit und einer Realität, in der man in einem Video sieht, wie ein Mann von Hass getrieben zehn Menschen erschießt. In dieser Realität kann ein Rechtsradikaler durch die Aufnahmen von der Ermordung schwarzer Menschen Geld verdienen.

Ein Rückzugsort für Rechtsextreme

Wie dezentral die Plattform wirklich ist, bleibt aus Sicht von Paula Matlach offen: "Die Plattformbetreibenden könnten stärker regulieren, möchten es aber nicht. Das sieht man auch daran, dass sie bei bestimmten Kanälen bereits einzelne Inhalte oder sogar ganze Kanäle durch Delisting unauffindbar machen oder durch Geo-Blocking sperren (Inhalte sind in bestimmten Ländern nicht verfügbar)." Wieviel mehr Freiheit im Vergleich zu Youtube die libertäre Plattform also wirklich bietet, dahinter kann man getrost ein Fragezeichen setzen.

Neonazi Demonstration am 13.02.2022
Neonazis Aufmarsch am 13.02.2022 in Dresden
© Sebastian Kahnert / Picture Alliance

Fest steht: Für das rechtsextreme Onlinemilieu dient Odysee als Rückzugsort, weil die Plattform vorgibt einen weitgehend regulierungsfreien Raum darzustellen, an dem Geld verdient werden kann. Auch verschwörungsideologisch denkende Nutzer fühlen sich von dem Grundgedanken der Dezentralisierung angesprochen. Natürlich ist die Plattform nicht dezidiert rechtsextrem, sie duldet aber extremistische Nutzer teils vor dem Hintergrund liberitären Denkens, teils vor dem Hintergrund finanzieller Rentabilität, so die Studie des ISD.

Kein Geld für Extremisten

Damit man von einem Attentat wie dem in Buffalo nicht mehr als gelbes Absperrband sieht, fordern Paula Matlach und ihr Team vom ISD inhaltsbasierte Regulierungen. Holocaust-Leugnungen dürfen auch auf Plattformen wie Odysee keinen Platz finden. Noch ist Odysee mit unter zwei Millionen Usern verhältnismäßig klein, doch von Plattformen wie Odysee gibt es viele. Sie sollen zukünftig, so die Forderung des ISD, auch in den Aktionsplan gegen Rechtsextremismus des Innenministeriums aufgenommen und in der Aufklärung rechtsextremistischer Finanz-Aktivitäten aufgeführt werden.

2022 gehören nicht nur Konzerte, Merchandise und Musik-Produktionen zu den versteckten Einnahmequellen von Extremisten. Der Fall Odysee zeigt, dass Krypto-Währung längst zur Einnahmequelle von Rechtsextremen und Verschwörungsideologen geworden ist.

Quellen: Studie des ISD, Berliner Morgenpost, Odysee


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