Ratzinger-Wahl "Katastrophe für Lateinamerika"

Wenige Katholiken in Lateinamerika hatten geglaubt, dass ein Kardinal aus ihren Reihen zum Papst gewählt würde, gehofft hatten dies aber viele. In der größten katholischen Region der Erde wird die Wahl Ratzingers nun bedauert.

So groß die Hoffnung war, so tief ist jetzt die Enttäuschung. Von den Slums am Rand von Tegucigalpa über die Straßen von Buenos Aires bis zu den staubigen Dörfern in Nigeria hatten so viele Katholiken auf einen ersten Papst aus der Dritten Welt gehofft. Die Wahl des deutschen Kardinals Joseph Ratzinger löst in den meisten Gemeinden Lateinamerikas und Afrikas keinen Jubel aus. "Ich hätte etwas anderes gewollt", sagt der Eisverkäufer Alfonso Mercado in der kolumbianischen Stadt Pereira, "einen Jüngeren, mit neuen Ideen und vielleicht mit dunklerer Haut wie wir." Viele in der vom Kaffee-Anbau geprägten Stadt hatten auf Kardinal Dario Castrillon Hoyos gehofft, der 22 Jahre lang in Pereira gepredigt hat.

Vor allem in Lateinamerika, wo rund die Hälfte der weltweit 1,1 Milliarden Katholiken lebt, wird die Enttäuschung kaum verhehlt, dass kein Kardinal aus der Dritten Welt zum Papst gewählt wurde. Von einem solchen Oberhaupt hätten sie sich mehr Engagement für den Kampf gegen Armut und Hilfe in den eigenen Nöten versprochen. Und schließlich sind gleich drei Kardinäle aus Lateinamerika als Favoriten ins Konklave gegangen: Jorge Bergoglio, der 68-jährige Erzbischof von Buenos Aires, Claudio Hummes, der 70-jährige Erzbischof von Sao Paulo, sowie der 62-jährige Erzbischof von Tegucigalpa, Oscar Andres Rodriguez Maradiaga.

"Ich akzeptiere ihn schweigend"

"Es hätte ein Latino sein sollen", sagt die 50-jährige Gloria Vazquez in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa. Aber auch sie folgt dem Ruf der Glocken, die zu Ehren des neuen Papstes in die Kathedrale rufen. "Was sollen wir tun? Wir sind Katholiken." Auch der Priester Julio Lancellotti, der sich in Sao Paulo für Obdachlose und Waisenkinder einsetzt, runzelt nur die Stirn, als er die Entscheidung in Rom hört. "Wir akzeptieren den Papst, der gewählt worden ist", sagt der Geistliche. "Ich akzeptiere ihn schweigend. Wir Priester können keine Meinung haben." Der kolumbianische Bischof Jaime Prieto räumt ein, dass "wir alle insgeheim hofften, dass der nächste Papst einer von uns sein würde". Aber der Präsident der chilenischen Bischofskonferenz, Monsignore Alejandro Goic, verteidigt Benedikt XVI. und sagt, dass er über "tiefe Kenntnisse von Lateinamerika" verfüge und Spanisch spreche. Der Präsident von Mexikos Bischofskonferenz, José Ràbago sagte: "Wir freuen uns alle, weil der Herr uns den Papst geschenkt hat, den wir erwarteten."

"Ratzinger ist eine Katastrophe für Lateinamerika", schimpft hingegen der mexikanische Soziologe Bernardo Barranco. "Er hat es auf sich genommen, die Befreiungstheologie auszulöschen. Er versteht Lateinamerika nicht." Als Präfekt der Glaubenskongregation belegte Ratzinger den brasilianischen Theologen Leonardo Boff 1985 mit einem Schweigegebot. Boff gehörte zu den Vordenkern der Theologie der Befreiung, die den kirchlichen Kampf gegen die Armut auch politisch gedeutet und mit marxistischen Positionen verbunden hat. "Es wird schwer sein, diesen Papst zu lieben", sagte Boff. Der "Winter der Kirche" gehe weiter. In Kolumbien sagte der angesehene Soziologe Fabian Sanabria gar eine "Teilung der katholischen Kirche vor allem in den USA und Europa" voraus. Der Erzbischof und Vizepräsident der argentinischen Bischofskonferenz Argentiniens, Domingo Castagna rief aber dazu auf, "den Heiligen Vater nicht nach ideologischen Kategorien zu bewerten".

Hoffnung schöpfen viele Katholiken der Dritten Welt aus dem Umstand, dass Kardinal Ratzinger so eng mit dem verstorbenen Papst Johannes Paul II. zusammengearbeitet hat. Sie habe gehört, dass der Nachfolger bescheiden sei, sagt die 26-jährige Marlyn Caceres, die in der venezolanischen Hauptstadt Caracas Kerzen, Holzkreuze und Rosenkränze verkauft. "Ich hoffe, er wird wie der Papst sein, der gestorben ist."

AP/DPA AP DPA

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