Das Erstarken der AfD in der Wählergunst wird zum Stresstest für CDU und SPD in Ostdeutschland. Nicht nur wegen der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September stehen sie unter Druck. In Brandenburg wird ein Landkreis am kommenden Sonntag (19.04.) zum Testfall.
Ein AfD-Sieg bei der Landratswahl in der Uckermark wäre ein Signal weit über die Region hinaus, die als Sehnsuchtsort gestresster Großstädter und ländliche Idylle für Hipster, Biogärtner und Kreative gilt. Deutschlandweit gibt es seit 2023 nur im thüringischen Sonneberg einen Landrat der AfD.
CDU-Landrätin gegen AfD-Kandidaten
In der Uckermark im Nordosten Brandenburgs, 80 Kilometer von Berlin entfernt und an der Grenze zu Polen, will der 35 Jahre alte AfD-Landtagsabgeordnete Felix Teichner das ändern. Er tritt gegen CDU-Landrätin Karina Dörk an. Die 61-Jährige gilt als bodenständig, ist seit rund acht Jahren Chefin im Landratsamt mit rund 1.000 Mitarbeitern und hat bei dieser Wahl die anderen Parteien weitgehend hinter sich.
Ihr Slogan: "Damit's funktioniert." Dörk, die mit ihrer langjährigen Lebenspartnerin zusammenlebt, stellt unter anderem den Erhalt des Krankenhauses als ihren Erfolg heraus, Breitbandausbau, die Förderung für Unternehmen, Tourismus und Kultur.
Die AfD will eine "historische Wende" schaffen, wie sie bei Instagram schreibt. Teichner, der Industriemechaniker ist und Vater mehrerer Kinder, argumentiert im Wahlkampf etwa, eine Flüchtlingsunterkunft in der Kreisstadt Prenzlau verhindert zu haben. "Keine Pflicht zur Unterbringung Illegaler" steht auf einem seiner Wahlplakate und "Kreispleite verhindern". Künftig wolle er auch den Uckersee touristisch stärker erschließen.
Unzufriedenheit mit Bundespolitik als Rückenwind für die AfD?
Was dem AfD-Politiker Teichner in die Karten spielen und die Wahl auch auf lokaler Ebene überlagern könnte: Die in Umfragen geäußerte Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, Enttäuschung über einen Reformstau, hohe Energiepreise und die weltpolitischen Unsicherheiten und Kriege.
"Schlimmer kann es nicht mehr werden, die haben das schon an die Wand gefahren", sagt eine Bürgerin bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung mit Freibier und Grillwurst und spricht dabei von den "Altparteien". Die AfD habe jetzt eine Chance verdient, meint sie. Zuletzt verlor die Partei die Landratswahl im Landkreis Spree-Neiße im Südosten Brandenburgs nur knapp.
Landrätin: Auch Bundesregierung muss gegensteuern
Die CDU-Politikerin Dörk sieht Handlungsdruck auch für die Bundesregierung. Die AfD lebe davon, "dass sie den Frust der Menschen aufnimmt und aus jeder Kleinigkeit eine große Empörungskultur versucht zu machen". Es gebe in der Bevölkerung erneut eine "Wohlstandsverlustangst", und viele Probleme würden eben nicht gelöst werden, sagt die Landrätin mit Blick auf die Bundesebene. "Wir als Staat, die Bundesregierung, müssen jetzt dann, wenn wir wollen, dass die AfD nicht so stark wird, auch mal gegensteuern."
Die Region gilt bei Wahlergebnissen von um die 36 und 38 Prozent bei Bundestags- und Landtagswahlen als eine AfD-Hochburg. Im Kreistag und im Stadtparlament in Prenzlau ist die AfD stärkste Kraft. Die Landespartei wird in Brandenburg vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Die Partei geht dagegen juristisch vor.
Bündnis warnt in offenem Brief vor Rechtsextremismus
Die für den Tourismus wichtige Uckermark mit vielen Seen und hügeliger Landschaft ist einer der größten Landkreise in Deutschland, gehört aber zugleich zu den am dünnsten besiedelten. In der ruhigen Kurstadt Templin hat Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) ein Haus. Private Investoren retteten Gutshöfe vor dem Verfall. Moderne Lofts und Yoga-Retreats gibt es in der Region zu mieten. Aber die Menschen dort sind auch stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als etwa im Speckgürtel um Berlin.
Vor der Landratswahl wandte sich ein Bündnis "Lebenswerte Uckermark für alle" mit einem offenen Brief gegen die AfD. Rechtsextreme versprächen einfache Lösungen, hieß es darin. "Aber sie leben von Ausgrenzung. Sie spalten dort, wo wir Zusammenhalt brauchen. Sie erklären Menschen zu Problemen, statt Probleme zu lösen."
Ilona von Hohenzollern, die den Brief unterzeichnet hat, sagt: "Es gibt viele, die dagegen halten". Sie und ihr Mann, der Architekt ist, schätzen Kunst und Kultur in der Uckermark, die Weite und das Wasser vor der Tür ihres Gutes Fergitz. Probleme mit Nachbarn, die extrem rechts wären, habe sie nicht, sagt die aus Österreich stammende Künstlerin von Hohenzollern. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, der ganze Osten wäre rechtsextrem.
"Möchte man da noch hinfahren?"
Aber es sind auch Sorgen vor einem Imageschaden für die Tourismus-Region zu hören. Wenn die AfD gewinnen würde, käme ja die Frage auf: "Möchte man da dann hinfahren, wenn die Region von einem AfD-Landrat regiert wird?", sagt der Uckermärker und Beauftragte gegen Antisemitismus in Brandenburg, Andreas Büttner. AfD-Politiker Teichner spricht dagegen von "Angst- und Panikmache": "Die wandern dann nicht aus."
Kontroverse um Wahlplakat
Im Wahlkampf verweigerte CDU-Landrätin Dörk ihrem Kontrahenten wegen eines umstrittenen Wahlplakats den Handschlag. "Veränderung statt "weiter so"" ist darauf zu lesen, daneben ist ein mit Künstlicher Intelligenz erstelltes Foto der Landrätin zu sehen. Sie formt mit ihren Händen die für Ex-Kanzlerin Merkel typische Raute, eingefasst ist Dörks Bild in ein rosafarbenes Dreieck.
Die Kritik: Mit einem sogenannten rosa Winkel wurden in der NS-Zeit als homosexuell eingesperrte Häftlinge in Konzentrationslagern von Insassen anderer Kategorien unterschieden. Für Dörk geht das Plakat "unter die Gürtellinie". Sie werde ihm nicht mehr die Hand geben, solange er es nicht abhänge, sagt sie.
Löcher in der viel diskutierten "Brandmauer"?
Wie steht es in der Region bislang um die "Brandmauer"? "Die haben wir hier begraben", sagt AfD-Kandidat Teichner und verweist auf die Stadt Prenzlau. Dort unterstützte er bei der Bürgermeisterwahl im September 2025 das CDU-Mitglied Marek Wöller-Beetz und gratulierte. Der CDU-Politiker hatte im RBB gesagt: "Das Thema Brandmauer ist für mich ein Fremdwort." Es gehe am Ende um die Sache, er mache keine Landes- oder Bundespolitik.
Auch die 61 Jahre alte CDU-Landrätin meidet das Wort "Brandmauer" zur AfD lieber. "Das sind gewählte Vertreter, und es kann mir gefallen oder auch nicht, in welcher Partei die sind", meint Dörk. "Wir müssen zusehen, dass wir hier unsere Probleme, die wir haben, gelöst kriegen. Und deshalb nehme ich das Wort Brandmauer auch gar nicht in den Mund."