„Identify Me“
Kampagne will Rätsel um Frauenleichen lösen – auch in Hessen

Das Hauptziel der internationalen „Identify Me“-Kampagne: „Frauen zu identifizieren und ihnen ihre Namen zurückzugeben.“ Foto: H
Das Hauptziel der internationalen „Identify Me“-Kampagne: „Frauen zu identifizieren und ihnen ihre Namen zurückzugeben.“ Foto
© Hannes P. Albert/dpa

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Mit Hilfe der internationalen „Identify Me“-Kampagne wurde das „Mädchen aus dem Main“ nach 25 Jahren identifiziert. Doch ein zweiter Cold Case aus Hessen beschäftigt die Ermittler noch immer.

Da ist das „Mädchen aus dem Main“, deren Identität nach 25 Jahren endlich geklärt ist. Und da ist eine unbekannte Frau, deren Leiche 1989 in einem abgelegenen Steinbruch im Lahn-Dill-Kreis entdeckt wurde – und die den Ermittlern noch immer Rätsel aufgibt. 

Beide Fälle sind Teil von „Identify Me“, einer internationalen Kampagne zur Identifizierung von getötetem Frauen, von denen viele vermutlich einem Tötungsdelikt zum Opfer fielen. „Sie wurden misshandelt, getötet und zurückgelassen – trotz umfangreicher Ermittlungen kennt die Polizei bis heute nicht einmal ihre Namen“, heißt es beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden.

Hauptziel ist, den Frauen ihre Namen zurückzugeben 

Insgesamt geht es um 47 weibliche Opfer, 9 davon aus Deutschland, 2 davon aus Hessen. „Hauptziel ist es, die Frauen zu identifizieren und ihnen ihre Namen zurückzugeben.“ Genau das ist Mitte Mai bei dem „Mädchen aus dem Main“ gelungen. Bei der Toten handelt es sich um die damals 16 Jahre alte Diana aus Offenbach. Unter Mordverdacht steht der eigene Vater, der in Untersuchungshaft sitzt. 

Rückblick: Am Nachmittag des 31. Juli 2001 machen Passanten in Frankfurt eine grausame Entdeckung. Im Main treibt die verpackte und durch einen Sonnenschirmständer beschwerte Leiche eines Mädchens. Eingewickelt ist der Körper in einen Bettbezug mit Leopardenmuster. 

Fast ein Vierteljahrhundert rätseln die Fahnder. Doch dann wird im Rahmen von „Identify Me“ im Oktober 2024 noch einmal dazu aufgerufen, Hinweise abzugeben. „Es haben sich Zeugen gemeldet, die etwas zu diesem Fall sagen konnte, und so sind wir dem Tatverdächtigen auf die Spur gekommen“, sagt Frankfurts Oberstaatsanwalt Dominik Mies. Und, so betont er: Kein Täter oder kein Täter könne sich sicher sein, nicht gefasst zu werden – auch nach Jahrzehnten.

Zweiter hessischer Fall: Tote 1989 in Waldstück entdeckt

Der zweite Fall aus Hessen wird als die „Frau mit der Paisley-Muster Jeans“ geführt. Laut den Angaben der Ermittler entdeckten Spaziergänger die Tote 1989 in einem Waldstück zwischen Schöffengrund-Oberwetz und Waldsolms-Griedelbach. „Die Leiche der Frau war teilweise mit Abfall, Ästen und Erde bedeckt. Sie lag dort bereits seit circa zwei Wochen bis circa zwei Monaten“, heißt es beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden. Es werde angenommen, dass die damals etwa 22 bis 32 Jahre alte Frau aus dem südostasiatischen Raum stamme.

Die Gesamtumstände und die Auffindesituation wiesen darauf hin, dass die Leiche möglicherweise nach einem Kapitaldelikt abgelegt worden sei, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Limburg.

Im Rahmen von „Identify Me“ war der Fall Ende 2024 in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... Ungelöst“ präsentiert worden. Seit dieser und anderer medialer Veröffentlichungen seien etwa 60 Hinweise eingegangen, so die Staatsanwaltschaft. Aber: „Zusammenfassend ist zu sagen, dass im Rahmen der Ermittlungen keine erfolgsversprechenden Hinweise auf die Identität der unbekannten Toten, einen Tatverdächtigen oder den Tathergang gewonnen werden konnten.“

Aber was genau ist „Identify Me“?

Koordiniert wird die Kampagne von Interpol. Konkret geht es um die Identifizierung von Frauen, deren Leichen in sechs europäischen Ländern gefunden wurden – in Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Spanien und Deutschland. Unterstützt gibt es auch von prominenten Frauen, in Deutschland supporten die ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein und die ehemalige Boxweltmeisterin Regina Halmich die Kampagne.

Bei der Arbeit hilft auch moderne Technik: Verbesserte Methoden bei der Gesichtsrekonstruktion oder DNA-Analysen optimierten die Daten, die für eine erfolgreiche Identifizierung nötig seien, sagt ein BKA-Sprecher. Zudem gebe es Datenbanken, die insbesondere einen internationalen Abgleich von DNA-Informationen ermöglichten. 

Mehrere Ermittlungserfolge durch „Identify Me“

Laut dem BKA ist das „Das Mädchen aus dem Main“ das erste Opfer in Deutschland, dessen Identität in Rahmen von „Identify Me“ geklärt werden konnte. Zugleich wurde im vergangenen Jahr eine 35 Jahre alte Deutsche identifiziert, deren Leichnam im Jahr 2004 in den Dünen nahe Wassenaar (Niederlande) von einem Spaziergänger gefunden worden war. 

Im April hatte es auch in Frankreich einen Ermittlungserfolg gegeben. Dort konnte die „Frau mit der Richmond-Zahnkrone“ identifiziert werden. Im Jahr 2005 war ihre Leiche verstümmelt in einer Regenwassertonne in Saint-Quirin, einige Dutzende Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, verpackt in Müllbeuteln gefunden worden. Interpol nahm den Fall bei „Identify Me“ auf – und die Leiche wurde nicht nur identifiziert, sondern auch ein Verdächtiger festgenommen.

Doch letztendlich will die Kampagne noch mehr: Der Fokus auf nicht identifizierte weibliche Opfer greife ein breit angelegtes Muster von Gewalt und Ausbeutung auf, bei dem Frauen überproportional betroffen seien, sagte ein BKA-Sprecher. „Die Kampagne soll daher auch zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe beitragen, eine sichere Umgebung für Frauen und Mädchen zu schaffen.“

dpa