Fragebogen und Musterung
Wehrpflicht-Berater: "Bei Eltern staut sich Sorge an"

Jens Lattke, Friedens- und Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das Angebot der Kirche sieht eine e
Jens Lattke, Friedens- und Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Das Angebot der Kirche sieht eine ergebnisoffene Beratung vor. Foto
© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
In Deutschland gibt es keine verpflichtende Einberufung zum Wehrdienst. Dennoch überlegen Menschen immer wieder, ob sie sich an Krieg beteiligen würden. Einigen macht der Gedanke Bauchschmerzen.

Es seien vor allem Eltern und Großeltern, die sich Sorgen um ihre gerade erwachsenen Kinder und Enkelkinder machten, erzählt Jens Lattke. Für die Evangelische Kirche Mitteldeutschland (EKM) berät er unter anderem auch zum neuen Wehrdienst. Das Beratungsangebot gibt es allerdings schon weit länger als seit Beginn dieses Jahres - also seit das Gesetz für den neuen Wehrdienst in Kraft getreten ist. Denn auch andere Menschen, manchmal weit älter als gerade volljährig, zweifeln daran, ob sie sich an Krieg beteiligen wollen, wenn die Bundeswehr sie fragen würde.

"Menschen reagieren sehr sensibel auf Äußerungen von Politikerinnen und Politikern zur Bundeswehr", sagt der Friedens- und Umweltbeauftragte der EKM. Sie fingen schnell an, darüber nachzudenken, was das für sie bedeuten könnte. 

Als die jüngste Debatte zum Thema Wehrpflicht aufkam, meldeten sich Eltern bei ihm, die sich Sorgen machten. "Weit mehr als die Jugendlichen selbst." Häufig habe sich bei ihnen einiges aufgestaut. Lattke versuche, ihre Ängste und Sorgen aufzufangen - vor allem, damit kein Druck an die Kinder weitergegeben werde. "Denn immerhin sind es die Jugendlichen, die eine Entscheidung treffen müssen - nicht deren Eltern." Manchmal meldeten sich auch die Jugendlichen selbst bei ihm.

Keine verpflichtende Einberufung zum Wehrdienst

Dem aktuellen Gesetz nach unterliegen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren einer Wehrpflicht. Derzeit gibt es in Deutschland jedoch keine verpflichtende Einberufung zum Wehrdienst. 

Das neue Gesetz zum Wehrdienst sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer und Frauen einen Fragebogen erhalten, mit dem ihre Eignung und ihre Motivation für die Bundeswehr erhoben wird. Männer müssen diesen verpflichtend ausfüllen. Sollte es der Bundeswehr mit Hilfe des Fragebogens nicht gelingen, genügend Freiwillige zu gewinnen, behält sich die schwarz-rote Koalition die Einführung einer sogenannten Bedarfswehrpflicht vor. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler waren in mehreren Städten des Landes wegen des neuen Gesetzes auf die Straße gegangen.

Hatte das Versenden der Fragebögen einen Effekt?

Nach Angaben der Bundeswehr waren in Sachsen-Anhalt die ersten Briefe am 15. Januar versendet worden. Ende Januar seien noch einmal Briefe verschickt worden. Welchen Einfluss die Fragebögen auf die Zahlen von Bewerbungen bei der Bundeswehr haben, ist nach Angaben einer Sprecherin noch unklar. Die Zahlen würden demnach in der Regel quartalsweise erhoben. Es sei jedoch bislang ein positiver Trend zu erkennen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen seien zu Beginn dieses Jahres mehr Bewerbungen für den freiwilligen Wehrdienst eingegangen. 

In Sachsen-Anhalt waren Ende Januar dieses Jahres den Angaben nach 140 Bewerbungen für einen freiwilligen Wehrdienst eingegangen. Im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt demnach rund 100. In Sachsen seien dieses Jahr 80 Bewerbungen mehr eingegangen, sagte die Sprecherin. In Thüringen waren es 30 mehr. 

Zu Musterung müssen die Menschen aus den drei genannten Bundesländern derzeit für eine verpflichtende Musterung noch nach Berlin reisen. Die dafür erforderlichen Kapazitäten in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sollen erst Mitte 2027 "in der benötigten Anzahl" zur Verfügung stehen, hatte eine Sprecherin der Bundeswehr auf Anfrage erklärt. 

Deutlich mehr Verweigerungen des Kriegsdienstes

Ihn hätten schon im Januar weniger Anfragen für eine Beratung erreicht, so Lattke. "Weil viele mehr oder weniger wussten, worum es geht. Und dass es keinen akuten Handlungsbedarf gibt." Die Kirche, wie auch andere Organisationen, berät seit Jahrzehnten zur Kriegsdienstverweigerung. Alternativ gibt es unter anderem auch die "Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen". 

Deutschlandweit ist die Zahl der anerkannten Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Während es 2020 noch 48 waren, zählte das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben eigenen Angaben nach 2025 insgesamt 2.830 Anträge. Bis Ende Februar dieses Jahres waren demnach 1.035 Anträge anerkannt worden. Zahlen auf Länderebene gibt es den Angaben nach nicht.

Den Kriegsdienst kann man - unter Berufung auf das Grundrecht - aus Gewissensgründen verweigern. Wehrpflichtige, die als Kriegsdienstverweigerer anerkannt worden sind, müssen im sogenannten Spannungs- oder Verteidigungsfall Zivildienst außerhalb der Bundeswehr als Ersatz leisten. Frauen, die als Soldatin arbeiten oder gearbeitet haben, können den Kriegsdienst ebenfalls verweigern.

Überfall auf den Iran löst jüngst mehr Wunsch nach Beratung aus

Im Gegensatz zu anderen Stellen sei die Beratung der Kirche ergebnisoffen, betont Lattke. "Mir geht es darum, dass die Menschen Klarheit haben." Mit Aussetzung der Wehrpflicht sei die Struktur für die Beratung allerdings weitestgehend weg gewesen, sagt er. Gelegentlich hätten sich aber Soldatinnen und Soldaten gemeldet, die etwa nach einem Einsatz im Ausland grundlegend anders auf die Wirkung und Folgen militärischer Gewalt blickten. Jetzt, nach dem Überfall auf den Iran, seien es wieder Reservisten, die sich meldeten und Fragen dazu hätten, was passieren könne. 

Auch der Überfall Russlands auf die Ukraine hatte die Zahl der Beratungen zur Kriegsdienstverweigerung steigen lassen. "Zunächst waren es vor allem Reservistinnen und Reservisten, die sich gefragt haben, was das nun für sie bedeutet. Denn in den seltensten Fällen haben sie damit gerechnet, dass sie wirklich mal eine Waffe in die Hand nehmen und in den Krieg ziehen müssen." Dann seien Anfragen von Menschen gefolgt, "die so erst mal gar keinen Kontakt zur Bundeswehr hatten". Unabhängig davon, wer sich melde: Im Gespräch gehe es meist vor allem um den Spannungs- und Verteidigungsfall, sagt Lattke. "Also was passiert, wenn Deutschland Kräfte braucht."

dpa