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Weniger Spenden und Demonstrierende "Ein 'Es tut mir leid' reicht einfach nicht": Ukrainer beklagen schwindende Aufmerksamkeit für den Krieg

Anti-Kriegs-Demo in Bonn
Anti-Kriegs-Demo in Bonn: Die Teilnahme an den Protesten gegen Putins Angriffskrieg hat inzwischen nachgelassen
© Rainer Unkel / Imago Images
Nach fast sieben Wochen ununterbrochener Kämpfe in der Ukraine gehören die täglichen Schreckensmeldungen für viele Außenstehende bereits zum Alltag. Das mag deprimierend sein, ist aber nicht verwunderlich. Doch wie geht es Ukrainern in Deutschland damit?

Auch die brutalsten Kriege und schlimmsten humanitären Krisen haben eine mediale Halbwertzeit: Sobald die Lage vermeldet, eingeordnet und analysiert ist, werden sie oft stumm und ohne viel Aufsehen von der internationalen Pressebühne gekärchert. Dem Leid vor Ort tut das keinen Abbruch, die Menschen kämpfen, sterben und hungern weiter. Nur tun sie das dann im Dunkeln.

In der Ukraine ist das (noch) nicht der Fall. Doch der anfängliche Schockzustand, in den Putin die Welt mit dem völkerrechtswidrigen Einmarsch seiner Truppen versetzt hat, ist abgeklungen. Gingen kurz nach Kriegsbeginn Zehntausende Menschen auf deutsche Straßen, um für ein sofortiges Ende der Invasion zu protestieren, sind teils nur noch Hunderte. Um dennoch die Aufmerksamkeit hochzuhalten, ändern die Demonstranten die Taktik. In Hamburg und Berlin beispielsweise legten sich die Teilnehmer stumm auf den Boden, um an die russischen Kriegsverbrechen in Butscha und anderen Kiewer Vororten zu erinnern. "Wir haben gemerkt, dass in den vergangenen Wochen das Interesse, an den Demonstrationen teilzunehmen, abgenommen hat. Deswegen müssen wir jetzt andere, radikalere Formate ausprobieren, um darauf aufmerksam zu machen: Dieser Krieg ist nicht vorbei", sagte Alexander Blümel vom Ukrainischen Hilfsstab in Hamburg dem "Hamburg Journal" des NDR.

Abgenommen hat offenbar auch die die Spendenbereitschaft. Wie das Deutsche Rote Kreuz gegenüber dem stern erklärte, war die Hilfsbereitschaft der Deutschen kurz nach Kriegsbeginn überwältigend: Allein in den ersten fünf Wochen sei die Summe von 70 Millionen Euro zusammengekommen. Auch "Aktion Deutschland Hilft" verzeichnete Rekordeinnahmen. Der Zusammenschluss deutscher Hilfsorganisationen will bislang mehr als 200 Millionen Euro für die Ukraine-Hilfe gesammelt haben. Doch flache die Spendenkurve wie zu erwarten ab, erklärt eine Sprecherin auf Anfrage des stern. Nur zehn Prozent der Gesamtsumme sei in den Wochen Fünf und Sechs nach Kriegsbeginn zusammengekommen. Daraus lasse sich aber nicht schließen, dass das Mitgefühl der Deutschen mit den Betroffenen abnehme. Grundsätzlich gehe ein Großteil der Spenden bei Krisen im Ausland "erfahrungsgemäß in den ersten ein bis zwei Wochen ein". "Das Spendenbudget der Spender ist ja irgendwann ausgeschöpft. Einmalspenden sind die Regel“, so Boris Kahlich, Leiter des Spendenservice.

Das anscheinend schwindende Interesse spiegelt sich auch in den Google-Suchanfragen wider. Die Deutschen googeln immer seltener nach "Ukraine helfen" oder "Ukraine Spenden". Auch die Suchanfragen nach Informationen zu Anti-Kriegs-Demos sind inzwischen zurückgegangen.

Dass weniger Menschen für den Frieden demonstrieren, das Interesse vielleicht sogar nachlässt, spüren offenbar auch Ukrainer in Deutschland.

"Wenn sich die deutsche Regierung schon zurückhält, müssen eben die Menschen etwas bewegen"

"Ein "Es tut mir leid, was dort passiert" reicht da einfach nicht", sagt Aleksandra. Die junge Ukrainerin lebt seit Jahren in Deutschland. Ihr Vater harrt seit Wochen in dem von russischen Truppen besetzten Kherson aus, ihre Mutter und Schwester haben sich bis in den Westen des Landes durchgeschlagen. Verlassen wollen sie ihre Heimat nicht.

Wie viele Ukrainer in Deutschland fühlt sich die 24-Jährige machtlos, hat Angst um ihre Angehörigen. Sie fürchtet, dass die Deutschen nach der anfänglichen Unterstützungswelle inzwischen zu wenig Druck auf die Bundesregierung ausüben. In Chatgruppen, so sagt sie, äußern sich viele Ukrainer in Deutschland besorgt über die anscheinend schwindende Aufmerksamkeit hierzulande. Wie Aleksandra gehen sie Woche für Woche auf die deutschen Straßen, um für den Frieden zu demonstrieren, um das mediale Scheinwerferlicht am Leuchten zu halten. "Wenn sich die deutsche Regierung schon zurückhält, müssen eben die Menschen etwas bewegen", glaubt die Ukrainerin.

Mit ihren Befürchtungen ist Aleksandra nicht allein. Wie ihr geht es auch weiteren ihrer Landsleute in Deutschland. Der stern hat sie gefragt, wie sie die Situation einschätzen. Das sind ihre Antworten:

"Ich habe das Gefühl, dass das Interesse am Ukraine-Krieg in Deutschland zurückgeht. Als gebürtige Ukrainerin lese ich viel über die Situation vor Ort, merke aber, dass meine deutschen Freunde in letzter Zeit weniger Infos mitbekommen. Ich werde immer weniger zum Thema gefragt, sei es von Bekannten oder Arbeitskollegen. Das spricht entweder dafür, dass es sie einfach weniger interessiert, oder dass die Medien weniger über den Krieg berichten als noch vor einem Monat."

Mariia K. (35), ihre Familie lebt in Kropywnyzkyj und Odessa.

"Ich beobachte ein differenziertes Verhalten: Während die Demo-Beteiligung der deutschen Bevölkerung drastisch sinkt, nimmt die politische Ebene Fahrt auf – wenn auch sehr langsam. In der Politik werden Themen diskutiert, die vorher tabu waren – zum Beispiel Waffenlieferungen oder Rohstoffembargos."

Valentyna B. (33), ihre Mutter, Schwester und deren Familie leben Cherkasy; weitere Verwandten.

Angriffe auf Kiew: Immer mehr Ukrainer kehren in Kriegsgebiet zurück

"Meine Arbeitskollegen und Freunde aus Deutschland versuchen nach wie vor die Menschen in der Ukraine zu unterstützen. Wobei ihr Engagement am Anfang des Kriegs beim Sammeln von Spenden, humanitärer Hilfe oder Lebensmitteln höher war. Jetzt hat sich der Fokus ein wenig geändert: Sie kümmern sich um geflüchtete Familien hier in Hamburg, begleiten sie bei den Behördengängen oder helfen bei der Wohnungssuche."

Ina (40), Familienmitglieder sind in Dnipro, Charkiw und Iwano-Frankiwsk.

"Deutschland hilft enorm. Das Interesse am Ukraine Krieg geht nicht zurück. Meine Kunden überweisen an die Hilfsorganisationen zwischen 10.000 und 250.000 Euro. Meine Kollegen*innen und ich kümmern uns um einen Flüchtling wie wir nur können. Ich selbst habe einen Vollzeitjob in einem renommierten Restaurant für sie bekommen. Ohne Sprachkenntnisse und mit wenig Erfahrung in der Küche darf sie Salate und Nachtische für ein sehr gutes Gehalt zubereiten. Der Küchenchef hat mir gesagt: 'Es macht mich sehr traurig, was gerade in der Ukraine passiert. Die Kommunikation wird auch mit Händen und Füßen gehen. Die Hauptsache ist, wir bereiten ihr [Anm. der Redaktion: der Geflüchteten] schöne Tage, wenn dies in der Situation überhaupt möglich ist …'"

Natalia M., ihre ganze Familie wohnt in Bila Zerkwa.

"In meinem Freundes- und Bekanntenkreis merke ich nicht, dass das Interesse abnimmt. Dass liegt aber denke ich daran, dass meine Freunde Betroffene persönlich kennen. Sie melden sich regelmäßig, schreiben mir Nachrichten, rufen mich an, spenden Geld für die Ukraine und zeigen mir, wie sie sich an anderen Support-Aktivitäten beteiligen. Wir weinen zusammen ... "

Jana S. (41), ihre Familie lebt in der Ukraine.

"Die Menschen in Deutschland helfen enorm. Ich habe in den letzten Wochen viel Unterstützung erfahren und ganz viele hilfsbereite Menschen kennengelernt. Ich habe aber trotzdem das Gefühl, dass das Interesse am Ukraine-Krieg in Deutschland zurückgeht. Viele sind müde geworden und/oder haben sich an die schrecklichen Bilder gewöhnt. Ich mache das vor allem an der Anzahl der Demo-Teilnehmer*innen fest – diese ist drastisch gesunken. Die Spendenbereitschaft sinkt ebenfalls."

Ewgenia, K. (34), ihre Familie wohnt im Kirowograder Gebiet, Tcherkasy, im Kiewer Gebiet, und Dnipro.

Abschließend einige Worte von Thekla Kerbstat, Leiterin der Stiftung stern:

"Die Solidarität der stern-Leserinnen und -Leser für die Menschen aus der Ukraine ist überwältigend. Wir haben noch nie innerhalb kürzester Zeit so viele Spenden gesammelt wie seit Kriegsbeginn. Insgesamt sind es mittlerweile rund 700.000 Euro. Damit der Spendenfluss nicht abreißt, ist es wichtig, dass die Medien weiter über den Krieg und die Not der Menschen berichten und auch zu Spenden aufrufen.

Die Hilfsorganisationen sind wiederum in der Pflicht, fortlaufend und transparent über den Einsatz der Spendengelder zu informieren. Denn die Spenderinnen und Spendern möchten wissen, wie ihr Geld konkret hilft. Das sehen wir jetzt auch an der gerade gestarteten stern-Aktion "Ein Ranzen für Dich": Wir rufen zu Spenden auf, um geflüchteten Kindern aus der Ukraine den Schulstart bei uns zu erleichtern. Wir freuen uns über die große Spendenbereitschaft, um Kindern möglichst schnell wieder ein kleines Stück Alltag zu bieten. Hier erfahren Sie, welche Projekte außerdem von der Stiftung stern unterstützt werden, um den Menschen aus der Ukraine zu helfen."

Hier können Sie den Wein bestellen, der hilft.

Hier können Sie direkt an die Stiftung stern spenden: 

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