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Abschied von einer Lebensphase: Willkommen in der Wirklichkeit

Ob Traumprinz oder Topkarriere - ab 40 wird es Zeit, sich von falschen Träumen zu trennen und neue Pläne zu entwickeln. Die Psychoanalytikerin Katharina Ley über die Kunst des guten Beendens.

Sie beschreiben die Lebensmitte als einen Wahrheitstest. Um welche Wahrheiten geht es dabei?
Alle Wahrheiten, die wir im Leben errungen und uns im Kopf und im Herzen zurechtgelegt haben. Habe ich den richtigen Beruf gewählt? Haben sich meine Hoffnungen auf Befriedigung, Weiterentwicklung und Erfolg erfüllt? Habe ich eine Beziehung? Und wenn ja, ist es eine, in der ich glücklich bin, in der wir uns gemeinsam entwickeln und Spaß haben können? Haben wir Kinder? Sind es die Kinder, die wir wollten? Oder haben sie sich ganz anders entwickelt, als wir uns das erhofft haben? Und natürlich Gesundheit, Aussehen, Ausstrahlung, Freunde, Interessen, Träume. In der Lebensmitte überprüfen wir alle Dinge, die uns wichtig sind, ob sie noch stimmen, verändert oder beendet werden müssen.

Beenden klingt für viele beängstigend.
Und doch liegt das Thema Beenden zwischen 35 und 55 ganz oft in der Luft. In der Lebensmitte prallen die inneren Erwartungen und die äußeren Begrenzungen aufeinander. Dadurch kann der dramatische Eindruck entstehen, dass nichts mehr möglich sei. Überall scheinen nur noch Barrieren zu sein oder Träume, die sich nicht erfüllt haben. Ja, das Thema Beenden macht Angst. Wer will schon freiwillig beenden? Wir möchten vorwärts leben, immer mehr haben und bloß nichts aufgeben. Abschied bedeutet in der Vorstellung vieler Menschen nur Negatives: Absturz, Abbruch, Trauer, Untergang, Scham und Schuld. Solche Sätze wie "Ich halte es nicht mehr aus in meiner Ehe, aber wegzugehen ist unmöglich" oder "Mein Job macht mich krank, aber in meinem Alter finde ich doch nichts mehr" zeigen, dass es ein inneres Verbot gibt, eine unglückliche Situation zu beenden.

Welches sind Anzeichen dafür, dass es Zeit ist, etwas zu beenden?
Wenn immer häufiger Gedanken auftauchen wie "Ich kann nicht mehr. So geht es nicht weiter. Meine Kräfte verlassen mich. Ich erkenne mich selbst nicht wieder", ist das ein deutliches Signal, dass etwas beendet werden muss. Wenn jemand an festgefahrenen Konflikten leidet, in einer Beziehung ständig Kränkungen ertragen muss, nur noch Einengung und dumpfes Unglück empfindet, ist es Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Ich erlebe jedoch oft, dass der Gedanke, das Unglück zu beenden, um innerlich und äußerlich freier zu werden, weit weggeschoben wird, weil die Ungewissheit so viel Angst macht.

Man ist unfähig zu beenden, aber so weiterleben kann man auch nicht - das ist doch eine unerträglich quälende Situation. Warum verharren viele so lange in der Starre?
Festhalten und Klammern gehört zu unserer biologischen Grundausstattung. Das können wir alle. Loslassen müssen wir erst lernen. Und es kommt natürlich auch darauf an, welche Erfahrungen man früher mit Beenden gemacht hat. War es immer schwierig, vielleicht sogar dramatisch, oder war das Kommen und Gehen etwas Natürliches? Steht mit 40 oder 50 eine Trennung an, klingen alle früheren Abschiede und Trennungen mit an. Dadurch kann das Neue ungeheuer furchteinflößend werden; gleichzeitig ist das Alte unerträglich geworden. Was soll man jetzt tun? Man steht an einer Wegkreuzung und weiß nicht, welchen Weg man nehmen soll.

Was hilft dann?
Wenn wir wandern gehen, nehmen wir die Karte hervor, informieren und orientieren uns, und dann entscheiden wir. Es ist hilfreich, zurückzuschauen und den Weg zu sehen, den wir schon zurückgelegt haben. Im Leben geht es sehr stark darum, das anzuerkennen, was war. Um etwas beenden zu können, müssen wir es würdigen. Egal, ob es eine Ehe, eine Freundschaft, eine Gewohnheit, ein Hobby oder eine Arbeitsstelle ist. Wir sollten uns anschauen, welche Entwicklungsmöglichkeiten uns diese Beziehung oder Arbeit gegeben hat. Ich stelle häufig fest, dass eine innere Haltung von Dankbarkeit und Anerkennung eine Entscheidung erleichtert: Ich habe so viel bekommen, das kann ich loslassen. Es war schön bis zu einem bestimmten Punkt, und jetzt ist es nicht mehr möglich, auf diese Weise gemeinsam weiterzugehen. Ich lasse die Menschen fantasieren, wie das Neue aussehen könnte und was ihnen dabei am meisten Angst macht. Sehr häufig sind die belastenden Gedanken das Schlimme, nicht die Realität. Dann muss man mit diesen Gedanken arbeiten, damit sie sich wandeln können.

Das klingt nach einem langen Prozess.
Beenden geht nur Schritt für Schritt, und man sollte keinen überspringen. Leider muss man sich dabei an vielen unangenehmen Gefühlen abrackern. Am Anfang steht die Ahnung, dass etwas nicht mehr stimmt. Eine Situation, die unerträglich geworden ist, will anerkannt werden. Das Wahrhaben einer blockierten Entwicklung ist der nächste Schritt. Oft tauchen dann Wut und Zorn auf. Wir fangen an, mit dem Schicksal zu hadern. Muss ich diese Beziehung beenden, damit ich weiterkomme mit mir selbst? Muss ich trotz Tausender Ängste meine Stelle verlassen, weil ich jeden Tag nur noch Niederlagen und Misserfolge einstecke und keine Perspektive sehe? Mancher muss erst ein extremes Maß an Müdigkeit und Mutlosigkeit erfahren, um zu begreifen, dass es so nicht mehr weitergeht. Die Einsicht in eine notwendige Veränderung ist der nächste Schritt. Wehmut und Trauer kommen hoch, Schuldgefühle melden sich.

Warum Schuldgefühle?
Oft werden sie durch gesellschaftliche Urteile genährt: "Das macht man nicht." "Eine Stelle gibt man nicht auf." "Man verlässt seinen Partner nicht." Oder man denkt: "Eigentlich ist es nicht ganz fair, was ich da mache. Ich füge jemandem Schmerzen zu, stoße ihn weg." Es ist sinnvoll, die Schuld zu spüren, aber man muss nicht ein Leben lang darauf sitzen bleiben.

Machen wir es uns schwer, indem wir zu stark in Entweder-oder-Kategorien denken?
In einer Beziehung geht es tatsächlich um entweder - oder. Mit dem Partner weiterleben oder ohne ihn? Beruflich gibt es eher einen Fächer an Möglichkeiten und Zwischenlösungen. Ich kann die Arbeitszeit reduzieren, eine Weiterbildung machen, in eine andere Abteilung wechseln, meine Einstellung verändern.

Viele wissen zum Beispiel genau, dass es nicht guttut, so weiterzumachen wie bisher, und hadern damit, dass sie nicht früher auf die Signale des Körpers oder der Seele gehört haben.
Es braucht eben Zeit. Und manchmal dauert es Jahre. Ab 40, 50 fängt der Körper an zu rebellieren, wenn wir ihm zu viel zumuten. Wenn jemand sagt: "Ich hätte schon vor zehn Jahren kürzertreten sollen." Oder: "Ich bin viel zu lange geblieben." In solchen Fällen denke ich: Es war aber doch gar nicht möglich, sonst hätte er es ja gemacht. Es braucht eben die entsprechende Vorbereitung. Es geht beim Beenden auch darum, sich mit den eigenen Grenzen zu versöhnen, auch mit dem Unvermögen, die Dinge zack, zack so umzusetzen, wie man sich das im Kopf ausmalt. Es bringt nichts, zu jammern und zu sagen: Hätte ich doch nur. Es ging eben seelisch und emotional nicht.

Bedeutet das auch Abschied von überzogenen Ansprüchen?
Spätestens in der Lebensmitte werden wir unsanft dazu aufgefordert. Werden die intellektuellen und körperlichen Begrenzungen klarer, gibt es einen Crash mit der Wirklichkeit. Danach lassen sich die eigenen Illusionen schlecht weiter hegen und pflegen. Zum Beispiel die Illusion, dass der Prinz oder die Prinzessin doch noch einmal auftaucht. Stattdessen ist da nur ein durchschnittlicher Mensch mit Ecken und Kanten, und die Liebe ist nicht das Paradies, das man sich vorgestellt hat. Auch bei den eigenen Kindern erwacht man in der Realität, weil es nicht leicht ist, sie so zu nehmen, wie sie sind. Und im Beruf haben wir uns vielleicht lange eingebildet, viel genialer zu sein, als wir es bei Lichte besehen sind. Und plötzlich merken wir, dass wir uns bestimmte Fähigkeiten mühsam erarbeiten müssen und sie uns eben nicht zugeflogen kommen. Überall konfrontiert uns die Wirklichkeit mit unseren Idealvorstellungen, und wir müssen feststellen: Auch ich koche nur mit Wasser wie alle anderen.

Wer will schon gern Mittelmaß sein?
Es ist manchmal hart, die Realität anzuerkennen. Es steckt darin in meinen Augen aber eine positive Entwicklung, denn es gibt immer Möglichkeiten, anders weiterzugehen. Um sie zu erkennen, müssen wir Luft in unsere Gedanken bringen. Menschen, die sich völlig blockiert fühlen, Torschlusspanik haben und behaupten, gar keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr zu besitzen, nehmen vieles nicht wahr. Es geht nie alles auf einmal den Bach hinunter. Vielleicht wird der Körper schwächer, aber dann können wir uns immer noch seelisch und geistig weiterentwickeln.

Von welcher Illusion haben Sie sich verabschiedet?
Mit 50, als ich in die Wechseljahre kam und meine Kinder auszogen, ging es tatsächlich darum, das Familienleben und den Alltag mit den Kindern zu beenden. Und das war viel schwieriger, als ich dachte. In meiner Fantasie war ich eine berufstätige Frau, die den Auszug der Kinder freudig und gelassen nimmt und ihre neue Freiheit genießt. Tatsächlich habe ich sehr lange gebraucht, bis ich mich darüber freuen konnte, abends nicht mehr für vier Leute kochen zu müssen und frei zu sein.

Sie sprechen von der Kunst des guten Beendens. Was ist schlechtes Beenden?
Wenn man das Beenden vermeidet und in etwas verharrt, was längst nicht mehr lebendig ist. Wenn man abrupt weggeht, ohne sich noch mal umzudrehen, sich nicht verabschiedet von Kollegen, Nachbarn, einer alten Wohnung, einem Wohnort, einem Lebensstil. Und natürlich gibt es auch unfreiwilliges Beenden, das einem aufgezwungen wird. Ein Partner verlässt uns, eine Stelle wird gekündigt. Ein Wohnortwechsel ist nötig, jemand stirbt. Auch dann müssen wir durch alle Phasen. Schock, Trauer, Wut, Hadern, Klagen und Schuldgefühle. Es ist viel schwieriger, wenn andere uns das Beenden aufzwingen, weil unser Selbstwert angegriffen wird. Ich bin es diesem Menschen nicht wert, dass ich länger bleiben kann. Mit dieser Kränkung und Enttäuschung muss man erst einmal fertig werden.

Ist Beenden zwangsläufig mühselig?
Nein. Manches beendet sich einfach von selbst. Manchmal merkt man, dass man eine Freundin seit einem Jahr nicht gesehen hat und sie auch nicht vermisst. Ich kann mich dem Fluss des Lebens überlassen und etwas fahren lassen, was mir jahrelang sehr wichtig war, weil es mir einfach nichts mehr bedeutet. Die Lebenslust ist dabei ein guter Kompass. Menschen, die sie kultivieren, wissen instinktiv, wann es Zeit ist, etwas zu beenden. Mich reizt das Schreiben im Moment nicht, dafür habe ich angefangen, Holzskulpturen zu schnitzen. Und Ende Juli habe ich meine Arbeit in der Psychiatrie beendet, wo ich über Jahre zwei Tage die Woche ambulant mit schwerkranken Menschen gearbeitet habe. Diesen Abschied habe ich sehr gut vorbereitet. Und als ich zur Tür hinausging, dachte ich: Es stimmt. Jetzt ist es einfach nur noch gut.

Katharina Ley, 63, ist Soziologin und Psychoanalytikerin mit eigener Praxis in Bern. Sie lehrte und forschte an den Universitäten Zürich und Bern und ist Autorin zahlreicher Bücher (darunter "Die Kunst des guten Beendens. Wie große Veränderungen gelingen", Kreuz Verlag, 240 Seiten, 17,95 Euro).

Birgit Schönberger / print
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