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Ärztediskussion um Klasnic: Wie Nierenleiden früh erkannt werden

Am Samstag absolvierte Werder-Stürmer Ivan Klasnic das erste Bundesligaspiel nach seiner Nierentransplantation. Sein behandelnder Arzt kritisierte nun: Die Krankheit hätte früher bemerkt werden müssen. stern.de sprach mit zwei Experten über den medizinischen Hintergrund.

Samstag feierte Ivan Klasnic sein Comeback in der Bundesliga. Am Montag äußerte sich Professor Arno E. Lison, sein behandelnder Arzt, in der TV-Sendung "Sportblitz" von Radio Bremen zunächst sehr kritisch über die frühere medizinische Betreuung des Fußballers: "Es ist also von heute an gerechnet sechs Jahre her, dass sichere medizinische Signale da waren, die darauf hingewiesen haben, dass er nierenkrank ist. Die sind nicht beachtet worden", sagte der Bremer Mediziner. Nach seiner Meinung hätte Klasnic bei richtiger Behandlung keine Spenderniere benötigt. Lison beschuldigte in der Sendung "die betreuenden Ärzte" - und damit indirekt auch die Ärzte von Werder.

Heute Nachmittag stellte Lison nun klar: "Ich bedaure ausdrücklich, dass in dem Beitrag der Eindruck entstanden ist, meine Worte hätten sich gegen Werder Bremen und dessen Mannschaftsarzt Dr. Götz Dimanski gerichtet. Dies ist falsch. Meine kritischen Bemerkungen sollten lediglich für den Umgang mit medizinischen Daten und ärztlichen Verordnungen sensibilisieren." Was ist nun - aus medizinischer Sicht - an Lisons Vorwürfen dran?

"Allgemein werden Patienten viel zu spät zum Facharzt überwiesen"

Professor Rolf Stahl, Direktor der III. Medizinischen Klinik und Poliklinik des Universitätskrankenhauses Hamburg-Eppendorf erläutert gegenüber stern.de den medizinischen Hintergrund: "Das Problem ist ja, dass Nierenerkrankungen nicht weh tun." Auch die ersten Symptome - Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit - sind unspezifisch. Stahl: "Daher ist die Früherkennung so wichtig. Nierenerkrankungen diagnostiziert man zuerst über einen Urintest. Der gehört im Prinzip zu jeder Vorsorgeuntersuchung."

Professor Armin Kurtz, Leiter des Instituts für Physiologie der Universität Regensburg und Generalsekretär der Gesellschaft für Nephrologie, ergänzt: "Bestimmte Blutwerte - wie etwa der Kreatininwert - deuten schon auf einen Funktionsverlust der Nieren hin, bevor der Mensch Symptome spürt. Denn einige Stoffe, die sonst über den Urin ausgeschieden werden, sammeln sich im Blut an, wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten. Dazu zählt auch Kreatinin. Aber: Die Kreatininkonzentration im Blut wird auch anderen Parametern beeinflusst, wie der Muskelmasse. Bei einem Profifußballer kann man daher möglicherweise einen hohen Kreatininwert auf die sportliche Aktivität zurückführen." Kurtz betont: "Zu dem konkreten Fall kann ich natürlich nichts sagen, weil ich die Details nicht kenne. Allgemein gilt leider, dass Patienten mit Nierenerkrankungen häufig viel zu spät zu einem Facharzt überwiesen werden."

Bis zu einem gewissen Stadium kann sich die Niere wieder regenerieren

Ein chronisches Nierenversagen kann verschiedene Ursachen haben - und je nach Ursache schreitet die Krankheit schneller oder langsamer voran. Kurtz: "Bei vielen Nierenerkrankungen zerstört eine lang andauernde Entzündungsreaktion die Nierenzellen. An der Stelle dieser Zellen bildet sich dann Bindegewebe, das zwar den Platz einnimmt, aber nicht mehr die Funktion der Nierenzellen ausübt. Schließlich kann die Niere nicht mehr arbeiten und unter anderem das Blut nicht mehr reinigen."

Dass die Krankheit möglichst früh entdeckt wird, ist so wichtig, weil dann eine Behandlung noch hilft. Denn wenn erst einmal Nierenzellen durch Bindegewebe ersetzt wurden, hat die Niere an dieser Stelle ihre Funktion für immer eingebüßt. Aber: "Die Entzündungsprozesse, die die Niere schädigen, kann man inzwischen gut stoppen, wenn man sie rechtzeitig entdeckt. Bis zu einem gewissen Stadium ist es sogar möglich, dass die Nieren wieder voll funktionsfähig werden", so Kurtz.

Klasnic hatte am Samstag als erster Fußball-Profi nach einer Nierentransplantation ein Pflichtspiel in der Bundesliga absolviert und gegen Energie Cottbus 64 Minuten gespielt. Er ist damit der erste Bundesliga-Profi, der seinem Beruf mit einer Spenderniere nachgeht. Der 27-jährige Stürmer hatte zu Beginn des Jahres bei einer Transplantation in Bremen die Niere seiner Mutter erhalten, doch sein Körper stieß das Organ ab. Im März erhielt der kroatische Nationalspieler dann bei einer Operation in Hannover die Niere seines Vaters.

Nina Bublitz mit DPA

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