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Alternativmedizin für Suchtkranke: Keine schnelle Hilfe für Abhängige

In ihrer Not bauen viele Abhängige und ihre Angehörigen im Kampf gegen die Drogen auf alternative Heilmethoden. Skepsis ist geboten, sagt Kolumnist Edzard Ernst und bremst allzu große Hoffnungen.

Ein drogenabhängiges Kind kann ganze Familien zerstören. Den Eltern ist natürlich jedes Mittel recht, ihr Kind zu retten. Da die Schulmedizin in der Suchtbehandlung weit weniger erfolgreich ist, als man sich das wünschen würde, liegt es nahe, den Versprechen der Komplementärmedizin zu folgen. Eine Suche mittels Google ("alternative medicine"/addiction) führt zu mehr als drei Millionen Webseiten.

Die meisten der angepriesenen komplementärmedizinischen Verfahren sind jedoch nie in klinischen Studien erprobt worden. Die Behauptung, sie seien beim Drogenentzug hilfreich, ist somit unverantwortlich.

Einige Methoden wurden immerhin wissenschaftlich überprüft, allen voran die Akupunktur. In vielen Spezialkliniken gehört sie längst zur Routine. Das beruht auf dem Gedanken, dass Akupunktur im menschlichen Nervensystem die "Wohlfühl-Moleküle" Endorphine freisetzt. Dieser Effekt, so die Theorie, gestaltet den Entzug weniger schrecklich und erleichtert es so dem Drogenabhängigen, seine Sucht zu besiegen.

Leider sehen die harten Daten etwas anders aus. In mehr als drei Dutzend klinischen Studien wurde die Wirksamkeit der Akupunktur bei Alkohol-, Kokain-, Heroin-, Nikotin- und anderen Abhängigkeiten getestet. Die Ergebnisse sind nicht einheitlich, zeigen aber insgesamt nicht, dass Akupunktur den Entzug erleichtert.

Klinische Studien sind Mangelware

In der Hypnotherapie wird der Patient in Trance versetzt und ihm ein Widerwillen gegen die Droge suggeriert. Dies soll ihm im Wachzustand helfen, von der Droge loszukommen. Klinische Studien sind nach wie vor Mangelware. Und die wenigen, die uns heute vorliegen, bestätigen nicht, dass die Theorie stimmt: Demnach lassen sich weder Nikotin- noch Alkoholabhängigkeit mittels Hypnose effektiv bekämpfen. Zu anderen Drogen liegen keine wissenschaftlichen Untersuchungen vor.

Auch in der Pflanzenheilkunde gibt es vereinzelte Ansätze zur Therapie der Drogenabhängigkeit. Insbesondere chinesische Pflanzenmittel seien hier wirksam, so wird häufig behauptet. Tatsächlich bewiesen ist jedoch so gut wie nichts. Zwar existieren vereinzelt klinische Studien, deren Ergebnisse sind jedoch eher enttäuschend.

Ja, gibt es denn gar keinen Lichtblick? Doch, einige komplementärmedizinische Methoden haben in klinischen Studien ermutigende Ergebnisse erbracht. Hierzu gehören: Biofeedback, intensive körperliche Aktivität und Nahrungsergänzungsmittel mit Aminosäuren oder Gamma-Hydroxybuttersäure. Doch da bislang jeweils nur ein oder zwei kleinere Studien vorliegen, scheue ich mich, diese Verfahren zu empfehlen.

Mein Rat ist, sich stattdessen den etablierten Experten auf diesem Gebiet anzuvertrauen und alles daranzusetzen, dass der Patient auch wirklich von seiner Sucht befreit werden will. Diesen Willen wird er brauchen, um Erfolg zu haben, denn ohne ihn sind die Aussichten auch mit den besten herkömmlichen Methoden nicht gut.

Edzard Ernst / GesundLeben
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