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Alkohol-Therapie: Dauerhaft trocken bleiben

Alkoholiker haben meist ein Leben lang mit ihrer Sucht zu kämpfen. Hilfe kann eine neue Behandlungsmethode mit erstaunlich hoher Abstinenzrate leisten: das Alita-Verfahren. Doch die effiziente Therapie droht auf dem Abstellgleis zu enden.

Alkoholsucht gilt als schwer therapierbar. Nur 6 bis 20 Prozent der Abhängigen sind Schätzungen zufolge zwei Jahre nach einer Therapie noch abstinent. Ein neues Behandlungskonzept, entwickelt am Göttinger Max-Planck-Institut (MPI) für experimentelle Medizin, erreicht dagegen einer Studie zufolge auch noch sieben Jahre nach Therapie-Ende eine Abstinenzrate von über 50 Prozent. Ob das erfolgreiche Verfahren aber tatsächlich breite Anwendung finden wird, ist offen.

Knapp drei Millionen Bundesbürger sind nach Angaben der MPI-Forscherin Hannelore Ehrenreich so stark alkoholabhängig, dass ohne die Droge psychische oder körperliche Entzugssymptome auftreten. "Das zieht sich durch alle Bevölkerungsgruppen, vom Hilfsarbeiter bis zum Professor", sagt Ehrenreich. Bei diesem Ausprägungsgrad ist die Abhängigkeit der Wissenschaftlerin zufolge nicht mehr heilbar. "Kontrolliertes Trinken ist nicht mehr möglich", so die Expertin. "Aber wir können durch Abstinenz weitere Schäden verhindern."

Ambulante Langzeit-Intensivtherapie

Angesichts der schlechten Erfolgsraten herkömmlicher Programme entwickelten Ehrenreich und ihre Mitarbeiter in den 90er Jahren das so genannte Alita-Verfahren, die Ambulante Langzeit-Intensivtherapie für Alkoholkranke. Das zweijährige Programm setzt einerseits auf eine intensive individuelle Betreuung der Patienten und verwendet zusätzlich zwei so genannte Alkoholaversiva. Die Mittel Calciumcarbimid und Disulfiram hemmen ein am Alkoholabbau beteiligtes Enzym, so dass sich das giftige Stoffwechselprodukt Acetaldehyd im Körper anhäuft. Die Folgen für rückfällige Alkoholiker: Blutdruckabfall, Pulsrasen, Übelkeit, mitunter sogar Kreislaufkollaps.

"Die Behandlung lässt sich auch bei Berufstätigen mit dem normalem Leben vereinbaren", sagt Ehrenreich. Lediglich in der Anfangsphase werden die Patienten zur Entgiftung ein bis zwei Wochen stationär behandelt. Danach treffen sie sich in den ersten drei Monaten täglich, später dann in größeren Abständen mit Alita-Mitarbeitern, unter deren Aufsicht sie die Medikamente Calciumcarbimid, später Disulfiram einnehmen.

In der zweiten Therapiehälfte schließt sich der Patient einer Selbsthilfegruppe an, zu deren Treffen er auch nach Abschluss der Behandlung lebenslang regelmäßig erscheinen soll. Darüber hinaus wird er per Blut- oder Urinkontrolle dauerhaft auf Alkohol untersucht.

"Aggressive Nachsorge" soll Rückfälle verhindern

Gerade in dieser stetigen intensiven Betreuung der Teilnehmer sieht Ehrenreich den Hauptgrund für den Erfolg des Verfahrens. Wer etwa einen Therapiekontakt versäumt, wird von den Mitarbeitern entweder angerufen oder sogar Zuhause besucht. Diese "aggressive Nachsorge" soll Rückfälle möglichst früh verhindern. In einem Modellversuch in Göttingen waren neun Jahre nach Therapiebeginn noch mehr als die Hälfte der 180 Teilnehmer abstinent, wie Blut- und Urinuntersuchungen ergaben.

Die Alkoholaversiva spielen laut Ehrenreich eher eine psychologische Rolle: Zwar kann nach einem Rückfall eine Unverträglichkeitsreaktion mit Herzrasen und Übelkeit dem Patienten in seinem Entschluss bestärken, künftig Alkohol zu meiden. Aber in der Studie war die Verabreichung von Scheinpräparaten ebenso erfolgreich wie die Gabe der echten Alkoholaversiva. Die Einnahme der Mittel sei mit der aktiven bewussten Entscheidung verbunden "Ich will nicht trinken", erläutert Ehrenreich. Unabhängig davon, ob die Teilnehmer Alkoholaversiva oder Placebos einnahmen: Mit fortschreitender Dauer der Abstinenz stieg die Wahrscheinlichkeit für die Patienten, dauerhaft trocken zu bleiben.

Therapiekosten zwischen 16.000 und 17.000 Euro

Auch wenn das Alita-Verfahren laut Ehrenreich sämtlichen anderen Therapieformen weit überlegen ist: Ungeklärt ist nach wie vor, ob Krankenkassen und Rentenversicherer die Kosten der aufwendigen Behandlung übernehmen. Pro Patient kostet die Therapie zwischen 16.000 und 17.000 Euro. Dies scheine zwar viel, sei aber wenig im Vergleich zur stationären Entgiftung in einem Krankenhaus und den Folgekosten dauerhaften Alkoholkonsums.

"Mit dem Programm könnten die Krankenkassen sogar Geld sparen", ist Ehrenreich überzeugt. Als besonders absurd empfindet es die Forscherin, dass das Projekt zwar von der Bundesregierung gefördert wurde, nach dem gezeigten Erfolg nun aber auf dem Abstellgleis zu enden droht. Immerhin: In Hamburg gibt es bereits einen privaten Anbieter dieser Therapie. Dies reicht Ehrenreich zufolge aber bei weitem nicht aus: "Wir kriegen viele Anrufe von verzweifelten Menschen. Das Programm sollte bundesweit möglich sein."

Walter Willems/AP/AP

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