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Coronavirus-Pandemie Schwächere Wirksamkeit: Warum der Impfstoff von AstraZeneca dennoch als Erfolg gilt

Corona-Impfstoff entwickelt von AstraZeneca und Oxford Universität
Corona-Impfstoff entwickelt von AstraZeneca und Oxford Universität
© John Cairns/University Of Oxford/PA Media / DPA
Nach Biontech und Moderna meldet ein weiteres Unternehmen vielversprechende Daten aus einer Impfstoffstudie: Der Impfstoffkandidat aus dem Hause AstraZeneca soll zu 70 Prozent wirksam gegen Covid-19 sein – etwas weniger als andere Impfstoffkandidaten.

Nun geht es Schlag auf Schlag: In den vergangenen Wochen legten Biontech/Pfizer und Moderna vielversprechende Wirksamkeitsdaten zu ihren Corona-Impfstoffen vor. Nun zieht die britisch-schwedische Pharmafirma AstraZeneca gemeinsam mit der Oxford Universität nach. Ihr Vektor-Impfstoff AZD1222 soll zu 70 Prozent wirksam gegen Covid-19 sein, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung. Die Angabe basiert unter anderem auf einer Zwischenauswertung der wichtigen klinischen Phase 3, in der eine große Anzahl Probanden entweder den richtigen Impfstoff oder ein Placebo erhält.

Experten bewerten die vorläufigen Daten als Erfolg. Doch Biontech/Pfizer und Moderna meldeten zuletzt eine bessere Wirksamkeit für ihre Vakzine: Sie soll sich nach bisherigen Erkenntnissen auf mehr als 90 Prozent belaufen. Für alle drei Impfstoffkandidaten läuft derzeit ein beschleunigtes Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Überwiegt der Nutzen der Impfstoffe deutlich die Risiken, kommt es zu einer Zulassung. 

Wie unterscheiden sich die einzelnen Impfstoffe? Wie ist die aktuelle Wirksamkeit zu bewerten? Und was sind die nächsten Schritte? Ein Überblick.

Welche Technologien nutzen die einzelnen Impfstoffe?

Das Vakzin aus dem Haus AstraZeneca ist ein sogenannten Vektor-Impfstoff. Impfstoffe dieser Art enthalten Erreger, die für den Menschen harmlos sind, und eines oder mehrere Moleküle des Krankheitserregers als Antigene tragen. Im Fall von AZD1222 ist das genetisches Material eines Oberflächenproteins, mit dem das Coronavirus an menschliche Zellen andockt. 

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna nutzen dagegen eine andere, vergleichsweise neue Technologie: Es handelt sich um mRNA-Impfstoffe. Mit der Impfung wird den Zellen lediglich die Information für die Herstellung einzelner Virus-Proteine übertragen. Diese Proteine dienen als Antigene, die eine Immunantwort auslösen.

Wie errechnet sich die Wirksamkeit in der aktuellen Untersuchung?

Die Zwischenanalyse beinhaltet Daten aus zwei klinischen Studien. An der ersten nahmen mehr als 2700 Probanden in Großbritannien teil. Die Versuchspersonen in der Impfgruppe bekamen zunächst eine halbe Dosis des Impfstoffs und einen Monat später eine volle Dosis. Laut Pressemitteilung beläuft sich die Wirksamkeit in dieser Studie auf 90 Prozent. Es handelte sich um eine kombinierte Phase 2/Phase 3-Studie.

Die zweite Untersuchung wurde in Brasilien an knapp 8900 Probanden vorgenommen. Die Impfstoff-Gruppe erhielt dort zwei volle Dosen des Impfstoffs – die Wirksamkeit beläuft sich laut Analysen auf 62 Prozent. Werden die Ergebnisse nun kombiniert, ergibt sich die Wirksamkeit von 70 Prozent. 131 Infektionsfälle wurden insgesamt gezählt.

"Es fällt auf, dass mit einer geringeren Impfdosis eine größere Erfolgsrate zu erzielen war als mit einer höheren Dosis", sagte Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Uniklinik Köln. Der Grund dafür sei unklar. "Ist das ein rein zufälliger Effekt? Oder gibt es immunologische Faktoren, die dies begründen? All das wissen wir derzeit noch nicht."

Wie ist die Wirksamkeit des Impfstoffs im Vergleich zu den mRNA-Impfstoffen zu bewerten?

Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin an der Münchener Klinik Schwabing sprach von einer "ausreichenden" Effektivität von über 50 Prozent, die von den Zulassungsbehörden generell gefordert werde. "Auch wenn die Effektivität insgesamt ein wenig geringer erscheint als mit mRNA-Impfstoffen, hat AZD1222 einen großen Vorteil: Er ist robust und einfach in der Handhabung, quasi die 'Arbeitsbiene' unter den potenziell verfügbaren Impfstoffen gegen Covid-19. Es braucht keine aufwendigen Kühlketten, gar bis minus 70 Grad Celsius, wie dies für mRNA-Impfstoffe zum Teil obligat ist." Seiner Einschätzung nach könnte das Impfkampagnen in Ländern mit weniger Ressourcen erleichtern.

Es sei zudem eine gute Nachricht, dass es unter den Probanden, die trotz Impfung erkrankt seien, offensichtlich keine schweren Verläufe mit Krankenhausaufenthalt gab. "Diese milden oder sogenannten mitigierten Verlaufsformen sind ebenfalls als positiver Effekt dieser Impfung zu werten."

Was ist über mögliche Nebenwirkungen bekannt?

"Bislang zeigt sich bei den Vektorimpfstoffen und den mRNA-Impfstoffen ein ähnliches Nebenwirkungsprofil mit relativ häufigen, aber leichten Nebenwirkungen mit grippeähnlichen Symptomen und lokalen Beschwerden, die aber nur kurz anhalten", sagte Leif-Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfstoffforschung an der Charité. In der aktuellen Studie von AstraZeneca und der Oxford Universität habe es zudem einen neurologischen Zwischenfall gegeben. Nach einer Prüfung des Vorfalls konnte die Studie jedoch fortgesetzt werden. 

Wie geht es weiter?

AstraZeneca kündigte an, Zulassungsanträge in aller Welt stellen zu wollen. Die EU hatte vorab bereits 300 Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt. Bevor Impfungen in europäischen Mitgliedsstaaten beginnen können, muss es jedoch zu einer Zulassung in der EU kommen. Dafür werden die Daten zur Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs genau geprüft.

Quelle:Pressemitteilung AstraZeneca / Zitate laut Science Media Center


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