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Interview

Rettungsdienst am Limit: Hilferuf eines Feuerwehrmanns: So spart Berlin seine Retter kaputt

Feuerwehrleute duschen in verschimmelten Kabinen. Löschfahrzeuge rücken zu Einsätzen aus, weil Rettungswagen fehlen: Mitarbeiter der Berliner Feuerwehr klagen über unhaltbare Zustände. Einer von ihnen ist Stefan Ehricht.

Stefan Ehricht (39) ist Feuerwehrmann in Berlin und Betriebsgruppensprecher bei der Gewerkschaft Verdi

Stefan Ehricht (39) ist Feuerwehrmann in Berlin und Betriebsgruppensprecher bei der Gewerkschaft Verdi

Unter dem Motto " Brennt" haben Mitglieder der Berliner Feuerwehr wochenlang gegen katastrophale Arbeitsbedingungen protestiert. Als Zeichen des Protests haben sie eine Feuertonne vor dem Roten Rathaus angezündet. Herr Ehricht, Sie sind selbst Feuerwehrmann in Berlin. Wo drückt der Schuh am meisten?

Wir haben zu wenig Personal, das obendrein zu schlecht bezahlt wird. Nirgendwo anders verdienen Rettungskräfte in Deutschland so schlecht wie in Berlin. Da wandert jeder ab, der die Möglichkeit hat, rauszukommen. Aufgrund des Personalmangels müssen wir teilweise Rettungsfahrzeuge außer Dienst nehmen. Liegt die Auslastung der Helfer bei 90 Prozent, rufen wir den 'Ausnahmezustand Rettungsdienst' aus. Dann nehmen wir Löschfahrzeuge aus dem Dienst und besetzen mit dem Personal Rettungswagen. Es fahren auch Löschfahrzeuge als Voraushelfer: Sie leisten Erste Hilfe vor Ort und überbrücken die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsfahrzeuges.

Habe ich Sie da richtig verstanden: Löschfahrzeuge? Die mit Drehleiter?

Ja, die ganz normalen Löschfahrzeuge, die wir auch zu Bränden schicken.

Wie steht es um die Ausstattung auf so einem Löschfahrzeug?

Die Rettungskräfte sind dieselben und gleichermaßen qualifiziert, aber die Ausstattung ist im Vergleich zu einem deutlich reduziert. Der Defibrillator ist minderwertiger, der Rettungsrucksack nicht so gut ausgestattet…

Sind die wegen ihrer Größe nicht auch viel langsamer als Rettungsfahrzeuge?

Ja, natürlich. Viel schlimmer ist allerdings, dass wir mit einem Löschfahrzeug keine Patienten transportieren können. Stellen wir uns einmal folgenden Fall vor: Eine Oma hat einen Schlaganfall. Das Rettungsteam trifft mit einem Löschfahrzeug ein und muss sie in ein Krankenhaus bringen – das geht aber wegen der fehlenden Transportmöglichkeit nicht. Dann müssen Retter und Patientin auf den Rettungswagen warten. Wenn der einmal quer durch die Stadt fahren muss und ewig braucht, ergeben sich daraus Probleme.

Gibt es denn solche Fälle?

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Es gibt Einsätze, in denen ich durch ganz Berlin fahren musste. Einsätze, in denen ich Eintreffzeiten von bis zu 40 Minuten hatte.

Die Hilfsfrist sollte acht Minuten nicht überschreiten. Das ist die Zeitspanne ab dem bis zum Eintreffen am Einsatzort.

Diese acht Minuten werden in der Regel mit den Voraushelfern, den sogenannten First Respondern, eingehalten. Dann ist ein Team vor Ort, das Erste Hilfe leisten kann. Die Frage ist nur: Ist es das, was der Patient in dem Moment braucht? Oder muss der Patient schnellstmöglich in ein Krankenhaus gefahren werden? Das geht mit einem Löschfahrzeug denkbar schlecht. Hinzu kommt der Zustand einiger .

Was meinen Sie damit?

Wir fahren teilweise mit Technik, die unter aller Kanone ist: veraltet, nicht – beziehungsweise schlecht – gewartet, die Kilometerstände unglaublich hoch. Wir haben zehn Jahre alte Fahrzeuge, die 300- oder 400.000 Kilometer runter haben. Auf solche Werte kommen nicht einmal Landrettungen. Zwar haben wir in diesem Jahr 90 neue Fahrzeuge zugesprochen bekommen. Weitere sollen im kommenden Jahr folgen. Aber das reicht natürlich nicht aus.

Woher rühren diese Missstände?

Durch den Sparwahn in Berlin. Ich sage immer: das Sparen am falschen Ende. Die Stadt ist in den letzten Jahren gewachsen, und der Senat hat vergessen, dass auch die Infrastruktur mitwachsen muss: die Polizei, die Feuerwehr, der Rettungsdienst.

Sind diese Zustände nicht wahnsinnig frustrierend?

Ja. Es hapert einfach an vielen Dingen, angefangen beim standardisierten Notrufabfrageprotokoll. Das sind vorgegebene Fragen, mit denen der Mitarbeiter durch das Notrufgespräch führt. Leider Gottes führt das Protokoll zu sehr vielen Fehleinsätzen – zumindest aus Sicht der Rettungskräfte vor Ort. Ich fahre zu Einsätzen, zu denen ich vor Jahren noch nicht gefahren bin. Die sind anders aussortiert worden.

Können Sie Beispiele nennen?

Die sind auch schon durch die Medien gegangen: von "Ich habe Hunger" bis hin zu "Pickel am Penis" über "Mein DSL funktioniert nicht" oder "Ich habe keine Pflaster mehr". 

Fehlt in der Bevölkerung ein Bewusstsein dafür, was wirklich ein Notfall ist?

Definitiv. Ich spreche jetzt mal als Mensch, nicht als Feuerwehrmann: Wenn ich einen Schnupfen habe, muss ich damit nicht ins Krankenhaus. Das übersteht man – auch wenn es sich dabei um eine Männergrippe handelt. Bloß der gemeine Berliner Bürger kriegt das nicht so ganz auf die Kette. Der schafft es nicht, sich zum Hausarzt zu bewegen. Sondern ruft stattdessen den Rettungsdienst und lässt sich ins Krankenhaus fahren. Das kann doch nicht sein.

Was müsste sich ändern?

Die Bezahlung muss angeglichen werden, damit wir langfristig dem Personalmangel vorbeugen können. Es müssen Dienstpläne her, die es ermöglichen, neben dem Job auch ein Privatleben zu führen. Außerdem muss sich die Ausstattung der Fahrzeuge und Gebäude verbessern. Ich persönlich dusche in einer Schimmeldusche. Jetzt kann man natürlich sagen: Das muss ich intern klären und dafür sorgen, dass die Arbeitssicherheit eingehalten wird. Aber was soll ich tun, außer das mehr als 20 Mal anzumahnen? Die Gebäude gehören uns nicht, wir sind selbst nur Mieter. Und wie heißt es immer so schön von Vermieter-Seite? Sie bemühen sich. Mit unserer Dusche bemühen sie sich aber schon seit über einem Jahr. Wir hatten hier auch schon defekte elektrische Rolltore. Der Torbauer brauchte Wochen, um den Wartungsvertrag zu erfüllen.

Sie meinen die Rolltore, aus denen die Einsatzfahrzeuge rausfahren?

Genau. Die Tore haben wir über einen Monat lang händisch geöffnet und geschlossen.

Das klingt absurd.

Ich habe noch ein anderes schönes Beispiel: Es gibt hier in Berlin eine Feuerwache aus dem Jahr 1928. Die Tore sind so schmal, dass wir bei neuen Löschfahrzeugen die Spiegel einklappen müssen. Die Wache wurde vor einiger Zeit saniert. Nun könnte man meinen, die Tore seien verbreitert worden. Aber nein. Man hat neue elektrische Tore eingebaut, eine kleine Verbesserung immerhin, die alten Tore mussten wir vorher händisch öffnen. Die Spiegel klappen wir aber weiterhin ein. Denkmalschutz geht demnach vor. Das finde ich sehr fragwürdig.

Anm. d. Redaktion: Zwischenzeitlich hat sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) mit den Feuerwehrgewerkschaften auf ein Paket geeinigt: Es sieht unter anderem eine 44-Stunden-Woche und eine höhere monatliche Zulage in Höhe von 133,75 Euro vor. Das Interview wurde vor der Einigung geführt.


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