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Brandopfer Berberian: Haut ist sein kostbarstes Gut

Sein Gesicht, seine Ohren und Hände - alles ist entstellt. Bei einer Explosion verbrannte die Hälfte von Raffi Berberians Körper. In Hamburg behandelt ihn zurzeit Chirurg George Khoury - kostenlos. stern.de-Reporterin Özlem Topcu war dabei, als Khoury ihm eine neue Wange transplantierte.

Raffi Berberian sagt, er sehe Fortschritte. Besonders an seinem rechten Auge, dem Unterlid, das durch die Verbrennungen stark eingefallen war. Er sitzt mit freiem Oberkörper auf seinem Patientenbett in der Estetica Klinik in Hamburg und tut das, was er seit der schweren Gasexplosion in seiner Werkstatt vor fünf Jahren unentwegt tut: Auf die nächste Operation warten.

Der Armenier hat nach einer langen Odyssee durch Krankenhäuser in Syrien, Jordanien, Ukraine, Russland und Frankreich all seine Hoffnung mit nach Hamburg gebracht. Nicht die Hoffnung, jemals wieder so aussehen zu können wie vor dem Unfall. "Ich hoffe einfach, dass mein Gesicht wieder einigermaßen rekonstruiert werden kann", sagt er. Das Kostbarste für Raffi Berberian ist das, was er kaum noch hat: Gesunde, unvernarbte Haut. Haut, die der leitende Arzt der Estetica Klinik, George Khoury, auf die verbrannten Stellen transplantieren kann. Der Hamburger Schönheitschirurg setzte dabei auf einen "Skin Expander", den er Raffi vor etwa sechs Wochen in einer Operation in den Rücken einsetzte. Ein Skin Expander ist eine Art Ballon, der nach und nach mit Kochsalzlösung gefüllt wird, sich dadurch ausdehnt, und damit eine Dehnung der Haut bewirkt. "Wir wollen mit dem Expander etwa 15 Quadratzentimeter neue Haut gewinnen, die dann ins Gesicht transplantiert werden kann", sagte Khoury nach der OP. Zwei Monate sollte das dauern.

Skin Expander zeigte kein Wirkung

Der Skin Expander zeigte aber nicht die erhoffte Wirkung, er schuf keine neue gesunde Haut. Ganz im Gegenteil bereitete er Raffi Probleme: "Es kam an der Stelle zu einer Wundheilungsstörung. Alte Verbrennungsnarben haben sich geöffnet. Es bestand die Gefahr, dass sich Bakterien einnisten", sagt Khoury. Die Konsequenz: Der Mediziner entfernt den Expander mit einer lokalen Betäubung und entscheidet sich dazu, früher als geplant weiter zu operieren - und dafür Haut von anderen Stellen von Raffis Körper zu entnehmen.

Raffi ist etwas nervös. Es ist nicht nur der gezwungene Strategiewechsel im OP-Plan, der ihn aus der Bahn wirft. Seinem Vater in Syrien geht es sehr schlecht. Prostatakrebs. Er muss in den nächsten Wochen zu einer Chemotherapie nach Jordanien reisen.

Bauchfett für die Wange

Gegen 17 Uhr beginnt die Operation. Der Patient bekommt eine Narkose und wird an die Monitore angeschlossen, die Kreislauf und Herzschlag beobachten. Alle Mitarbeiter tragen blaue OP-Kleidung. Nur Khourys ist bunt. Auf seiner OP-Haube und auf seinem Shirt sind Fische zu sehen. Ein Aquarium. Dr. Zina Younan und Anästhesist Dr. Hans Werner assistieren. Als erstes schneidet er eine 15 Mal zwölf Zentimeter große und etwa drei Milimeter dicke Hautfläche aus Raffis Bauch. Sie ist behaart. "Damit kann er sich einen Vollbart wachsen lassen", sagt Khoury. Er entfernt das untere Fettgewebe und schneidet das Stück in Streifen. "Das Fett werde ich als Polsterung für die Wangen und das rechte Auge verwenden", sagt der Chirurg unter seiner Maske. Danach schneidet er einen weiteren kleinen Hautlappen unter der Achsel heraus. "Wir benötigen diesen Teil, um die Bogenwulst der Ohrmuscheln mit einer doppelten Hautschicht zu stärken. Falls er mal eine Brille tragen muss." Die Stimmung in dem Operationssaal, mitten in Hamburgs Innenstadt, ist entspannt.

Nach etwa zwei Stunden bestellt Khoury ein Glas Wasser mit einem Strohhalm, den ihm eine Schwester unter der Maske in den Mund führt. Dann setzt er sich ans Kopfende der OP-Liege und beugt sich über Raffis Gesicht. Er sitzt auf einem hohen Hocker, wie man sie von Friseuren kennt. Jetzt beginnt der schwierigste Teil der OP: Die Hauttransplantation ins Gesicht. Dafür schält der Operateur zunächst die verbrannte und vernarbte Haut aus der rechten Gesichtshälfte heraus, legt die vom Bauch gewonnene Haut auf diese Stelle und zieht sie auseinander. Anschließend wird sie mit mehreren Nähten fixiert. "Um die Fixierung zu halten, werden desinfizierte Bleiplatten über die Haut gelegt und befestigt. Wir können sie nach zehn bis zwölf Tagen wieder entfernen." Die Bleiplatten selbst werden mit den langen Fäden der Nähte umbunden.

"Seine rechte Augenbraue ist sehr gut eingewachsen"

Nach der Behandlung des Gesichts nimmt sich das Team um George Khoury Raffis rechte Hand mit den vernarbten und verkapselten Fingern vor. Der Hydraulikfachnmann kann sie seit dem Feuer so gut wie gar nicht bewegen. "Wir schneiden die Narben auf und entfernen diese Haut", erklärt Khoury. "Die entsprechenden Stellen werden dann mit der Z-Plastik wieder zusammengefügt." Bei der Z-Plastik, einer Methode aus der plastischen Chirurgie, werden Hautpartien durch eine z-förmige Schnittführung so umlagert, dass sie sich verlängern. Für Raffi bedeutet das: Er wird seine Finger wieder besser bewegen können.

Zwei weitere Stunden später bestellt Khoury einen Milchkaffee im Glas. Auch den lässt er sich mit Strohhalm unter seine OP-Maske reichen. Anschließend legt das Team die behandelte rechte Hand des Patienten in Gips. "Seine rechte Augenbraue ist sehr gut eingewachsen", bemerkt der Syrer zwischendurch. Dafür hatte er seinem Patienten bei einem kleinen Eingriff ein ein Mal vier Zentimeter großes Hautstück hinter dem linken Ohr entnommen und für die Modellierung der Augenbraue verwendet.

Nach etwa sechs Stunden ist die Operation zu Ende. Der Arzt wirkt zufrieden, kaum erschöpft. "Die nächsten vier bis fünf Tage bekommt Raffi Antibiotika, um Entzündungen vorzubeugen. Und Ibuprofen gegen die Schmerzen", sagt Khoury. Er sinniert bereits über die nächsten Schritte. "Ich würde gerne noch eine Narbe unter dem linken Augenlid ausbessern, obwohl Raffi sagt, dass sie ihn nicht stört. Wir müssen abwarten, wie sich die Ohren weiterentwickeln. Sollten sie nach außen abknicken, was passieren kann, müssen wir nachformen. Es gibt weitere Stellen hier und da, wo ich noch weiter Hand anlegen würde."

Frischoperiert zum kranken Vater nach Syrien

Doch dazu soll es nicht kommen. Vorerst zumindest nicht. Noch bevor die Nähte gezogen werden, fliegt Raffi einige Tage nach der Operation nach Damaskus, um bei seinem kranken Vater zu sein. Arzt und Patient telefonieren regelmäßig. Khoury hat einen Kollegen in Syrien angewiesen, sich um Raffi zu kümmern. Wann er wieder kommt, ist nicht klar. Das Flugticket nach Deutschland ist teuer. "Mir persönlich wäre es lieber, wenn Raffi hier geblieben wäre, bis wir unsere OP-Pläne vervollständigt haben", sagt Khoury. Doch sollte es gar nicht anders gehen, so der Arzt, müsse er eben nach Syrien fliegen und seinen Patienten dort operieren.

Özlem Topçu

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