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Tödliche Super-Mutation Inside Manaus: stern-Reporter berichtet aus dem gefährlichsten Corona-Hotspot der Welt

Sehen Sie im Video: Inside Manaus – Reise in den gefährlichsten Corona-Hotspot der Welt (Reportage).








Aldair: in dieser zweiten Welle begraben die Eltern die Kinder.
Glauciane Melguero: Die dritte Infizierung gerade war am schlimmsten. Bei diesem dritten Mal hatte ich wieder Fieber, Schmerzen, aber auch starken Durchfall. Nichts ist dringeblieben. Ferrante: Wichtig ist jetzt, dass alle Länder alle Flüge aus Brasilien blockieren, damit sich diese neue Variante nicht in der Welt ausbreitet.


In der Millionenstadt Manaus in Brasilien grassiert die gefährliche Virus-Mutante P1. Viele Menschen sind mittlerweile zum zweiten oder sogar dritten Mal mit Corona infiziert. Zu viele haben bereits ihr Leben verloren. Diese vier Menschen haben dem Virus den Kampf angesagt.


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Der Hauptfriedhof in Manaus. Aufgrund der hohen Todeszahlen hat die Stadt hier eine eigene Sektion für Covid-Opfer angelegt. Doch sie ist längst überfüllt und erstreckt sich schon an den angrenzenden Regenwald. Daher musste die Stadt eine neue Covid-Sektion schaffen, mit hunderten Gräbern.


Ulisses de Souza Xavier, Totengräber
Vor der Pandemie haben wir alles per Hand gemacht. Wir haben per Hand geschaufelt und per Hand beerdigt. Aber wegen der Pandemie hat sich die Zahl so erhöht. Jetzt brauchen wir den Bagger als Hilfe. Wir hoffen, wenn es vorbei ist, dass wir dann wieder zurück zur Handarbeit gehen. Per Hand schaufeln. Per Hand beerdigen.


Xavier arbeitet mit seinen 23 Kollegen rund um die Uhr. Sie begraben bis zu 80 Leichen an einem Tag, erzählt er.


Ulisses de Souza Xavier, Totengräber
In der ersten Welle starben eher die Alten. Jetzt nicht. Jetzt trifft es jede Altersgruppe, sogar Kinder sind von dieser Krankheit betroffen.


Dass P1 in der zweiten Welle jüngere trifft, bezeugen die vielen Holzkreuze. Viele der Opfer sind in ihren Zwanzigern gestorben.


Aldair, Friedhofsaufseher Man erwartet, dass die Kinder die Eltern begraben. Aber in dieser zweiten Welle begraben die Eltern die Kinder. Das ist schmerzhafter. 


Angehörigen bleiben nur fünf Minuten, um Abschied von ihren Liebsten zu nehmen. Regina Marao ist mit ihrem Mann und ihrer Tochter gekommen. Die andere Tochter durfte wegen der Covid-Restriktionen nicht mit. Sie beerdigen ihre 64-Jährige Mutter und Großmutter Maria Valdemir.


Regina Marao, trauert um ihre an Covid verstorbene Mutter Jeden Tag verschlechterte sich ihr Zustand. Gestern starben dann alle Organe. Alles wegen dieses Covid. Alles wegen dieser Pandemie.


Keine Rede, kein Pfarrer, kein Trost – die fünf Minuten Abschied vergehen schnell. Dann schaufelt ein Bagger das Grab zu und die nächsten sind an der Reihe.


Ulisses de Souza Xavier, Totengräber
Man leidet mit den anderen Familien. Das wünscht man keinem. Noch weniger in dieser Pandemie. Die Mutter verliert den Sohn. Der Sohn verliert die Mutter. Es ist sehr traurig, sehr sehr traurig.


Einer, der das Virus nun bereits zum zweiten Mal überlebt hat, ist der Leistungssportler Diego Neves da Silva: 24 Jahre jung, Spitzname Hulk. Er gehörte zum erweiteren Kreis des  Judo-Nationalteams. Bei der ersten Infizierung zeigte er noch keine Symptome. Doch P1 hätte ihm fast das Leben gekostet.


Raissa Neves, Ehefrau Er muss viel Physiotherapie machen, Gymnastik, um die Lunge wieder zu trainieren, zu weiten. Damit er mal so wird, wie er vorher war. Das wird sechs Monate bis zu einem Jahr dauern.


In Neves Familie sind viele zum zweiten Mal infiziert, fast alle mussten ins Krankenhaus. So auch sein Vater. Er starb am Virus. Unter Tränen erzählt Neves, wie er vom Tod erst nach seiner eigenen Genesung von seiner Frau erfahren hat.


Diego Neves da Silva, Judoka Sie sagte, du musst stark sein. Dein Vater ist tot. Wo ist er? Was ist mit seinem Leichnam, fragte ich. Wann ist die Beerdigung?  Sie sagte: Er ist schon vor einer Woche gestorben. Die Beerdigung war schon. Das hat mich so traurig gemacht. Ich war noch an seiner Seite, als es ihm schon schlecht ging und mir auch.


Neves hat sein Leben vor allem diesem Mann zu verdanken: Steeferson Pontes betreibt eigentlich ein Fitnessstudio in Manaus. Das hat er aber kurzerhand in ein Logistikzentrum für Sauerstofftransporte umgerüstet. Die Regierung habe bei der Versorgung der Krankenhäuser mit Sauerstoff versagt, meint Pontes. Nun spenden Brasiliens Popstars und Unternehmen die für Covid-Patienten überlebenswichtigen Sauerstoffflaschen. Die 50 Liter-Zylinder verteilt Pontes und sein Team von “SOS Amazonas” in umliegende Dörfer und Krankenhäuser.


Steeferson Pontes, SOS Amazonas Wir hoffen, dass sich Careiro schnell erholt, dass wir Euch bald in einem gesünderen Zustand antreffen. SOS Amazonas trägt seinen Teil dazu bei. Ich danke allen Spendern.


Etwa 120 Kilometer (von Careiro gemessen) entfernt, am Rand des Dschungels, geht bei der indigenen Krankenschwester Vanda Ortega eine Nachricht ein. Es ist gleichzeitig eine Warnung: Eine Nachbarin vom Volk der Baré ist zum zweiten Mal an Covid erkrankt. Und schlimmer noch: Ihre Tochter, gerade einmal 40, ist noch schwerer erkrankt und das schon zum dritten Mal.


Glauciane Melguero, zum dritten Mal an Covid erkrankt Die dritte Infizierung gerade war am schlimmsten. Bei diesem dritten Mal hatte ich wieder Fieber, Schmerzen, aber auch starken Durchfall. Nichts ist dringeblieben. Ich habe nichts mehr getrunken. So wurde ich immer schwächer.


Ortega gehört zum Stamm der Witoto – einem von etwa 180 indigenen Völkern im Amazonas-Becken. Die leben oft mehrere Tage entfernt von der Hauptstadt Manaus – ohne Krankenhäuser. Der Staat lasse sie allein, sagt Ortega, die das Virus im Mai hatte. Trotz der Gefahr einer Reinfizierung kümmert sie sich weiterhin um ihr Volk und andere.  


Vanda Ortega, indigene Krankenschwester Im vergangenen Jahr hatten wir nach und nach mehr Fälle. Ich schaffte es noch, die Patienten hier zu betreuen, mit Fieber, Verlust des Geschmackssinns. In dieser Welle nun hatte ich plötzlich 56 Fälle auf einmal, mit sehr hohem Fieber, Gliederschmerzen, Durchfall. Ich schaffte es einfach nicht, alle zu behandeln.


Durch die hohen Todeszahlen fürchtet Ortega um das Bestehen vieler indigenen Völker im Amazonasbecken.


Vanda Ortega, indigene Krankenschwester Wir wissen, dass die Hauptstadt Manaus stark betroffen ist, aber es ist eine Kettenreaktion, diese Dörfer sind ebenfalls betroffen und sie haben nicht die geringste Struktur dafür. Das ist wirklich tragisch. Denn mit dem Verlust unserer Alten, der Waisen, verlieren wir auch unsere Sprache, die Kultur, das Wissen. Das ist eine große Sorge.


Das P1-Virus ist gefährlich – längst verbreitet es sich in ganz Brasilien und tötet derzeit mehr als 2000 Menschen täglich. Der Biologe Lucas Ferrante, der die Lage in Manaus eingängig untersucht hat, warnt daher Europa.


Lucas Ferrante, Biologe am INPA
Die neue P1-Variante ist mindestens doppelt so ansteckend wie das Virus, das uns die großen Probleme in Manaus brachte.  Wir müssten mehr als 90 Prozent der Stadt in einem Lockdown 20 bis 30 Tage lang schließen und 70 Prozent der Bevölkerung impfen. Sonst kriegen wir eine dritte Welle und die Gefahr weiterer Mutationen, die dafür sorgen könnten, dass die Mutanten eine Variante hervorbringen, die gegen Impfungen resistent ist. Manaus wäre  dann weltweit das Zentrum der Pandemie.//
Wichtig ist jetzt, dass alle Länder alle Flüge aus Brasilien blockieren, damit sich diese neue Variante nicht in der Welt ausbreitet. Diese neue Variante ist sehr viel virulenter als der ursprüngliche Virus. Deswegen muss sie unbedingt aufgehalten werden.


Manaus ist der Hotspot dieser Pandemie. Die Stadt ist auch der Ursprungsort von P 1. Und sie könnte, falls das Virus nicht gestoppt wird, der Ort weiterer gefährlicher Mutanten werden, warnen Lucas Ferrante und seine Kollegen.
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Manaus ist der am stärksten betroffene Corona-Hotspot der Welt. Hier wütet die aggressive Mutante P1 besonders heftig. Viele Bewohner sind bereits zum zweiten oder dritten Mal infiziert – Begräbnisse gibt es im Akkord. stern-Reporter Jan Christoph Wiechmann hat Betroffene der Krise in Manaus begleitet.

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