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Infektionsgeschehen Trotz hoher Impfquote: Warum die Inzidenz in Bremen überdurchschnittlich hoch ist

Inzidenz Bremen
Trotz hoher Impfquote: Bremen ist Spitzenreiter bei der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz
© Mohssen Assanimoghaddam / DPA
Bremen ist Spitzenreiter – sowohl bei der Impfquote als auch bei der Sieben-Tage-Inzidenz. Die hat wieder die 100er-Marke gerissen. Woran liegt das?

74 Prozent der Bevölkerung in Deutschlands kleinstem Bundesland sind vollständig gegen das Coronavirus geimpft, etwas mehr als 78 Prozent haben aktuell die erste Dosis erhalten. (Warum es in Bremen mit dem Impfen so gut läuft, lesen Sie hier.) Ein Spitzenwert, der der Hansestadt jüngst jede Menge positive Schlagzeilen einbrachte. Und trotzdem leuchtet die Stadt auf der Deutschlandkarte des RKI als roter Punkt. Denn die Inzidenz steigt seit Wochen. Aktuell hat das Land nach RKI-Angaben den bundesweiten Höchstwert von mehr als 100 erreicht. Wie kann das sein?

Was sich im kleinsten Bundesland der Republik gerade abspielt, konnte die Welt bereits am Beispiel Israels beobachten. International wurde das Land wegen seines Impffortschritts gelobt, gleichzeitig stiegen die Inzidenzen ab Juni dramatisch. Wie das Ärzteblatt berichtet, erkrankten auch viele Menschen, die bereits zweifach immunisiert worden waren. Laut einer aktuellen Studie von Forschern der Technischen Universität in Haifa könnte der nachlassende Immunschutz ausschlaggebend für die hohen Inzidenzen sein. Demnach waren ältere Personen, die ihre zweite Impfung im März 2021 erhielten, um 60 Prozent besser vor einer Infektion geschützt als jene, die bereits im Januar vollständig immunisiert worden waren. Auch stieg der Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf um 70 Prozent bei den später Geimpften. Seit Anfang Juli können über 60-Jährige Israelis ihren Impfschutz auffrischen lassen.

Bremerhaven treibt Inzidenz nach oben

Zeichnet sich dieser Trend auch in Bremen ab? Das Land ist in diesem Fall eine Art Sonderfall. Insgesamt liegt die Inzidenz zwar bei 107, jedoch gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Infektionsgeschehen in der Stadt Bremen und dem etwas entfernter gelegenen Bremerhaven. In Bremen selbst liegt die Zahl der Neuinfektionen pro sieben Tage und 100.000 Einwohner bei gerade einmal bei knapp 84. In Bremerhaven ist die Zahl um ein Vielfaches höher. Aktuell liegt die Inzidenz dort bei knapp 230 – was die Fallzahlen im ganzen Bundesland rapide nach oben treibt.

Hajo Zeeb, Epidemiologe am Leibniz-Institut, sieht dafür drei Gründe. Zum einen trage die Hafenlage zu einer höheren Fallzahl bei. "In Bremerhaven sind viele Seeleute aus verschiedenen Ländern unterwegs, die sich in Kneipen und anderswo unter die Leute mischen", sagt Zeeb. Erst vergangene Woche meldete die Stadt einen Corona-Ausbruch bei der Besatzung eines Containerschiffs. Wie der Regionalsender Buten un Binnen berichtete, will die Stadt künftig darauf verzichten, Fälle auf Schiffen im Hafen bei den Inzidenzen einzubeziehen. Den zweiten Grund für die gestiegenen Fallzahlen sieht Zeeb in der umliegenden Industrie. Auch dort wurden zuletzt vermehrt Infektionen gemeldet.

Schließlich spiele auch das Alter und die Teststrategie eine Rolle. Wie der Sprecher des Gesundheitsressorts dem Regionalsender gegenüber erklärte, seien zunehmend Personen im Alter von 20 bis 40 Jahren betroffen – eine Altersgruppe, die im Vergleich zu anderen eine niedrige Impfquote aufweist und sehr mobil ist. Dort liegt die Inzidenz nach RKI-Angaben aktuell bei 316. Übtroffen werden sie allerdings von den zehn- bis 19-Jährigen (346) und den sechs- bis neun-Jährigen (374). Dass gerade unter den Schülern so viele Fälle entdeckt werden, könnte nach Zeeb auch mit der strengen Teststrategie in Bremerhaven zusammenhängen. Denn dort lebe eine im Vergleich zu Bremen besonders "diverse Bevölkerung" mit einem "hohen Reiseaufkommen", die die Gesundheitsbehörden besonders stark beobachten. "Die Impfquote hängt aber auch mit dem Sozialstatus zusammen." Soll heißen: In Bremerhaven kommt ein Großteil der Bevölkerung aus weniger gebildeten Haushalten – entsprechend gebe es bei der Impfquote noch Nachhobedarf.

Kein Grund zur Sorge – solange die Krankenhäuser nicht belastet sind

Eine Entwicklung wie in der israelischen Studie abgebildet kann der Epidemiologe für Bremen jedoch nicht bestätigen. "Die Lehre, die wir daraus ziehen, ist, dass sich das Virus selbst bei einer hohen Impfquote weiter ausbreiten kann", fasst Zeeb zusammen. Allerdings sei im gesamten Bundesland Bremen zu berücksichtigen, dass vor allem Ungeimpfte betroffen sind. Wie hoch die Inzidenz unter geimpften und nicht-geimpften Bürgern ist, ließe sich statistisch nur schwer errechnen, weshalb hierzu keine vergleichenden Zahlen vorliegen. "Die gute Nachricht ist aber, dass es kaum Fälle auf den Intensivstationen gibt." Da die Inzidenz bereits seit mehreren Wochen steigt, müsste auch die Hospitalisierungsinzidenz wachsen. Dies sei derzeit aber nur in geringem Maße der Fall, insofern bewertet Zeeb die aktuellen Inzidenzen als wenig besorgniserregend.

Quellen: Buten un Binnen, Deutsches Ärzteblatt


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