VG-Wort Pixel

Gesundheit Impfnebenwirkungen sind kein Tabu! Warum wir offener darüber diskutieren sollten

Apotheker  hält eine Spritze vor dem Apotheke-Logo
Immer wieder klagen Menschen nach einer Corona-Impfung über Nebenwirkungen. Über diese sollte man reden.
© David Inderlied / DPA
Mehrere Monate recherchierte stern-Reporter Bernhard Albrecht über mögliche Gefahren der Covid-Impfungen. Sein Fazit: Sie sollten klarer benannt werden

Die Resonanz auf die stern-Titelgeschichte „Impfen ohne Risiko?“ war groß. Bei uns meldeten sich zahlreiche Betroffene mit rätselhaften Symptomen, die kurz nach der Impfung einsetzten. Sie schildern andauernde Taubheitsgefühle in den Fingern und Füßen, chronische Müdigkeit über Wochen und Monate und vieles mehr. Symptome also, die in den Statistiken des Paul-Ehrlich-Instituts und in Studien bislang wenig Beachtung fanden. Wie oft sie vorkommen und wie sie kausal mit der Impfung zusammenhängen, ist noch unklar, doch eines zeigt sich deutlich: Viele Menschen beschäftigen sich mit möglichen Nebenwirkungen, fragen sich, ob das, was ihnen nach der Impfung passiert ist, mit dem Piks zu tun haben könnte. Menschen, die ihre Emails mit Worten beginnen wie „Ich bin wirklich kein Impfskeptiker, aber…“. Darüber wurde bislang zu wenig berichtet. Beziehungsweise: Die von Impfskeptikern verpönten „Mainstreammedien“ haben das Thema zu selten gründlich durchleuchtet. Nach mehr als vier Milliarden Impfungen weltweit schien es vielen nicht mehr notwendig, das nachzuholen. Ist doch alles im Großen und Ganzen gut gelaufen, so die Haltung vieler meiner Kolleginnen und Kollegen.

In die Lücke gesprungen sind Journalistinnen und Journalisten, die ihr Handwerk nicht richtig beherrschen. So geistert derzeit durch die sozialen Netzwerke der zweiteilige Dokumentarfilm eines Privatsenders über Impfnebenwirkungen, der Angst und Schrecken verbreitet. Darin aneinandergereiht: Ein dramatischer Fall nach dem anderen. Keine fachliche Einordnung, nicht der Hauch eines Zweifels, ob es im Einzelfall auch andere Erklärungen für die Symptome geben könnte als die Covid-Impfung. Dabei dürfte das oft der Fall sein. Auch vor der Pandemie erkrankten jährlich 18 bis 19 Millionen Menschen so schwer, dass sie den kassenärztlichen Notdienst riefen oder in die Notaufnahme eines Krankenhauses kamen - zurzeit passiert dies vielen zufällig in den Tagen, Wochen oder Monaten nach der Impfung. Die „Expertise“ in der Doku liefert mal eine Krankenschwester, die raunt, sie habe in letzter Zeit schon auffällig viele Todesfälle gesehen. Mal tritt ein Münchner Kinderarzt auf, der schon lange vor der Pandemie zur Speerspitze der radikalen Impfgegner zählte. Der Autor des manipulativen Machwerks schaffte es, in den ersten 24 Minuten kein einziges Mal auch nur anzudeuten, dass vor allem die Krankheit Covid-19 schwere Komplikationen nach sich ziehen kann und zahlreiche Menschen das Leben gekostet hat. Weiter habe ich nicht geschaut, weil da schon klar war: Diese Doku würde keine wertvollen Hinweise für meine eigenen Recherchen zu Impfnebenwirkungen beisteuern.

Impfskeptiker hatten zu lange freie Bahn

Wie konnte so ein Film überhaupt entstehen? Und in einem „Mainstream-Medium“ gesendet werden? Es liegt daran, dass wir den Impfskeptikern zu lange freie Bahn gelassen haben, ihre Fake-News zu verbreiten. Auch ich gehörte lange zu denen, die jeden Zweifel an der Gefahrlosigkeit der Impfung brüsk abbügelten. Wenn mir Impfskeptiker aus meinem Umfeld ihre Videos, Kommentare und Studien schickten und forderten: „Wach endlich auf, berichte über das, was die Mainstreammedien verschweigen“ - dann habe ich das ignoriert oder wütend zurückgeschrieben: „Lasst mich in Ruhe mit eurem Verschwörungsmist!“ Heute behandle ich ihre Hinweise, die sie mir völlig unbeeindruckt weiter zuschicken, anders. Ich wähle genau aus, was ich beachte und was nicht. Oft ist es Bullshit, klar, aber immer wieder sind auch Artikel hochrangiger Fachzeitschriften dabei, die ich sonst übersehen hätte, und die wertvolle Hinweise darauf liefern, dass es Lücken in der Erfassung von Impfnebenwirkungen gibt. Dass es 14 Monate nach dem Start der Weltimpfung immer noch offene Fragen gibt. Dass beim einen oder anderen selten auch lang andauernde, rätselhafte Symptome wenige Tage nach dem Piks auftreten, für die es keine andere plausible Erklärung gibt als eben – die Impfung.

Es war ein einziger Fall, der mich zum Umdenken zwang: Meine Kollegin Katharina, die mich verzweifelt anrief, weil sie einen Tag nach der Impfung mit einem mRNA-Impfstoff ihre Fingerkuppen und ihren linken Fuß nicht mehr spürte. Dazu stand nichts in dem Aufklärungsmerkblatt, den sie unterschrieben hatte. Sie fand keinen Arzt fand, der sie ernst nahm, und keiner war bereit, ihre Symptome als Nebenwirkung ans Gesundheitsamt zu melden. Als ich den Fall weiter erzählte, meldeten sich andere, Freunde, Bekannte, Kolleginnen, am Ende hatte ich 16 Fälle von schwer erklärbaren Symptomen nach der Impfung beieinander. Manche gestanden mir, dass sie sich bisher nicht wagten, darüber zu sprechen, aus Angst, in die Impfskeptiker-Ecke gestellt zu werden. So wie viele der stern-Leserinnen und Leser, die uns jetzt schrieben.

Wir dürfen der Diskussion über Nebenwirkungen nicht aus dem Weg gehen

So weit sind wir? Ja, davon bin ich überzeugt, denn während der Recherche erging es mir selbst so. Oft hatte ich das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen dafür, dass der Fokus meiner Recherche auf Impfnebenwirkungen lag. Manche Pressestelle wies mich ab, manche Experten antworteten mir nie, obwohl ich wiederholt versuchte, sie zu Hintergrundgesprächen zu bewegen.

So dürfen wir nicht weitermachen! Wir dürfen die Diskussion über das, was noch nicht hundertprozentig gesichert, durch zahlreiche Studien belegt ist, nicht länger denen überlassen, die keine Ahnung haben, wovon sie schreiben oder sprechen. Wir brauchen eine „offene Kommunikation der wissenschaftlichen Unsicherheit“. Die nämlich ist vor allem wirksam bei bei denjenigen, die den Coronamaßnahmen skeptisch gegenüberstehen – so das Ergebnis einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Wir dürfen keine Angst haben, irrationale Ängste zu befeuern, wenn wir über die Terra Inkognita der Impfnebenwirkungen schreiben oder sprechen. Dies ist mein Aufruf an alle, die damit befasst sind – an Ärztinnen und Ärzte, zu denen Patienten mit rätselhaften Symptomen in die Praxis kommen, die nicht auf dem Beipackzettel stehen. An uns Medienschaffende. An die Pressestellen von Unikliniken, des Paul-Ehrlich-Instituts, an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die der Öffentlichkeit nicht zutrauen, mit unbekannten Risiken umzugehen. Denn diese Risiken sind überschaubar.

Nehmt die Symptome ernst

Zum Schluss komme ich noch einmal auf den Fall Katharina zurück. Sieben Monate, nachdem sie mir von ihren rätselhaften Symptomen berichtete, finden sich diese jetzt endlich im Aufklärungsmerkblatt – seltsamerweise jedoch nur für den Biontech-Impfstoff, nicht für den Moderna-Impfstoff, obwohl sie dort schon deutlich länger im Beipackzettel stehen. Warum nicht? Die wenigsten Menschen haben doch wirklich Angst vor seltenen Nebenwirkungen, sondern denken sich: Mir wird das schon nicht passieren. Ich erinnere mich an die langen Aufklärungsmerkblätter über Risiken von Computer- oder Kernspintomografien, in denen auch die seltensten Risiken der Untersuchung aufgeführt waren. Früher oblag es mir als Assistenzarzt, mit den Patienten darüber sprechen. Die meisten winkten ab und sagten sowas wie: „Hier meine Unterschrift, ich lese mir das vielleicht später mal in Ruhe durch. Aber man kann ja auch beim Überqueren der Straße sterben.“ Also: Alle möglichen Nebenwirkungen gehören in die Aufklärungsmerkblätter zu den Impfungen. Es sollte den Menschen selbst überlassen werden, sich damit zu beschäftigen oder eben nicht.

Katharina wurde mittlerweile dreifach geimpft, sie erlebte keine neuen Symptome, ihre Taubheitsgefühle sind fast weg. Es handele sich wahrscheinlich um eine „einseitige Autoimmunreaktion“, die in aller Regel folgenlos abklinge, erklärte mir eine führende deutsche Neurologin. Solche Risiken können wir eingehen. Wenn wir wissen, dass wir, wenn wirklich etwas passiert, mit unseren Symptomen auch ernst genommen werden.

Mehr zum Thema

Newsticker