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Ausnahmesituation: Schwangerschaft in Zeiten von Corona: "Ich habe Angst"

Eigentlich sind die letzten Wochen der Schwangerschaft dazu da, sich zu entspannen und sich mit schönen Dingen auseinanderzusetzen. Wäre da nicht die Corona-Krise. Unsere Autorin macht sich viele Gedanken darüber, wie die Welt in sechs Wochen aussehen wird.

Von Denise Wachter

Corona und Schwangerschaft

Unsere Autorin ist hochschwanger - und macht sich wegen der Corona-Krise Sorgen

Getty Images

Ich bin in der 34. Woche schwanger – und habe Angst.

Ängste in der Schwangerschaft sind normal. Vor allem, wenn es sich um das erste Kind handelt. Das beginnt eigentlich mit dem positiven Schwangerschaftstest in der Hand: Bin ich bereit für ein Kind? Wie wird sich die Beziehung zu meinem Partner verändern? Was wird aus meinem Job? Ist die Wohnung groß genug? Wird das Kind gesund zur Welt kommen? Diese Ängste sind normal.

Die Corona-Angst aber ist eine absolute Ausnahmesituation. Und überschattet die Zeit, auf die ich mich so sehr gefreut hatte: den Mutterschutz. Der beginnt sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin. Wochen, die ich im Kino, im Schwimmbad und im Café verbringen wollte. Mit meinem kugelrunden Bauch wollte ich mit Popcorn im gemütlichen roten Samtsessel Schnulzen gucken, vormittags mich schwerelos im Wasser fühlen und meine Bahnen ziehen – und vor allem seelenruhig im Café sitzen, um ein Buch zu lesen. Jetzt aber ist alles anders.

Ich habe Angst.

Darf mein Partner mit in den Kreißsaal?

Angst davor, was in sechs Wochen sein wird. Angst davor, dass mein Partner nicht im Kreißsaal dabei sein kann. Angst davor, dass es aufgrund von Neuinfektionen einen noch größeren Mangel an Hebammen geben wird. Angst davor, dass Kinderärzte überlastet sein werden, weil jetzt alle ambulant entbinden wollen.

Und wenn diese Hürde gemeistert ist, was ist dann? Mein Gedankenkarussell kreist weiter: Was ist eigentlich, wenn meine Hebamme krank wird? Wer betreut mich dann im Wochenbett? Sie wird vermutlich die einzige Person sein, abgesehen von meinem Partner, die mich in dieser Zeit unterstützen kann. Denn Stand heute dürfen uns die Großeltern erstmal nicht besuchen. Wann werden sie ihr Enkelkind das erste Mal zu Gesicht bekommen?

Und gerade darauf freut man sich doch. Sein Neugeborenes der Familie und den engsten Freunden zu zeigen. Aber Corona erfordert social distancing. Für einen Säugling gilt das vermutlich noch mehr. Das Gute jedoch: Nach vorläufigen Erkenntnissen gelten Babys als nicht gefährdet - und auch Schwangere sind Stand heute keine Risikogruppe. Bislang habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt, in einem medizinischen System, das für mich selbstverständlich war. Dann kam Corona und einher die wohl größte Herausforderung unserer Zeit.

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Die Frauen sind verunsichert

Gestern habe ich mit meiner Hebamme telefoniert. Sie sagte mir unverblümt, es fühle sich gerade an wie im Krieg: Die Frauen seien verunsichert. Ihr Telefon stehe nicht mehr still. Sie müsse sich schützen und darf gleichzeitig niemanden anstecken, weil sie in der Wochenbettbetreuung direkten Kontakt zu Säuglingen und Müttern hat. Die Arbeitsbelastung ist enorm, da viele Frauen nicht mehr im Krankenhaus bleiben, sondern ambulant entbinden. 

Was bedeutet, dass Frauen sich dazu entscheiden, direkt nach der Geburt nach Hause zu gehen. Vorausgesetzt Mutter und Kind geht es gut. Das liegt an den Schutzmaßnahmen, die Krankenhäuser getroffen haben: Besuch ist in den meisten Häusern bis auf Weiteres verboten. In der Geburtshilfe gibt es Ausnahmen. Noch darf der Vater mit in den Kreißsaal, andere haben das bereits komplett untersagt. Das Risiko ist einfach zu groß. Wer auf der Wochenbettstation liegt, darf höchstens eine Stunde Besuch vom Vater bekommen, wenn überhaupt.

Alles steht auf der Kippe

Das war vor wenigen Wochen noch unvorstellbar. Im Gegenteil sogar: Geburtsstationen fördern das Bonding zwischen Vater und Kind, es gibt Familienzimmer, sodass die Väter auch über Nacht bleiben dürfen. Und dass der Vater bei der Entbindung im Kreißsaal dabei ist, ist mittlerweile auch die Regel. Sie werden sogar aktiv eingebunden: Sie unterstützen die Hebammen, massieren die Partnerin oder reden ihr gut zu. Wegen des Coronavirus steht das jetzt alles auf der Kippe.

Und auch mein Partner ist besorgt. Noch lachen wir, weil wir uns bereits vorstellen, wie wir die Geburt per Facetime übertragen. Dabei ist die Lage ernst.

Bis zum Geburtstermin sind es noch sechs Wochen.

Wie bis dahin die Lage ist, weiß niemand. Was bleibt, ist die Angst vor dem Ungewissen.

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