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Studie zur Darmflora: Deshalb sollten Kinder mit Hund aufwachsen

Viele Kinder wünschen sich einen eigenen Hund. Eine Studie aus Kanada zeigt, dass auch Eltern, die sich bisher dagegen gesträubt haben, nochmal über die Anschaffung eines Vierbeiners nachdenken sollten - der Gesundheit ihres Nachwuchses zuliebe.

Von Laila Keuthage

Beste Freunde - viele Kinder wünschen sich einen eigenen Hund.

Beste Freunde - viele Kinder wünschen sich einen eigenen Hund.

Hundezunge in Kindergesicht. Pfui, wie unhygienisch. Jetzt wird der Sprössling bestimmt krank, befürchten die Eltern. Denkfehler.

Dr. Andreas Schwiertz leitet die Forschung und Entwicklung im Bereich Molekularbiologie am Herborner Institut für Mikroökologie. Er hält den Hygiene-Wahn der modernen Gesellschaft für problematisch und betont, dass die Angst von

Eltern vor Tieren als Krankheitsüberträgern oft übertrieben ist: "Sowohl vom Tier als auch vom Menschen werden Krankheiten übertragen. Katzen können Toxoplasmose übertragen - das ist gefährlich. Parasiten und Zecken sind unangenehm. Allerdings ist die Gefahr, die vom Menschen ausgeht, meistens weitaus größer. Die ganz großen Krankheiten, die bringt das Kind aus dem Kindergarten mit."

Der Kontakt zu wie Hunden kann sich sogar positiv auf die Gesundheit auswirken. Einerseits natürlich durch die zusätzliche Bewegung an der frischen Luft - Spaziergänge im Wald haben noch niemandem geschadet. Aber ein pelziges Haustier hat noch wesentlich weitreichendere Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern.

Vielfalt der Darmflora entwickelt sich im ersten Lebensjahr

In früheren Untersuchungen stellten Forscher bereits fest, dass die Anwesenheit eines Familienhundes bei Kindern innerhalb der ersten zwei Lebensjahre das Risiko minimiert, an Allergien zu erkranken. Bloß woran genau das liegt, blieb bisher unklar. Kanadische Wissenschaftler von der University of Alberta haben nach einer Erklärung für dieses Phänomen gesucht und sich dafür mit der von Säuglingen beschäftigt. Doch weshalb interessieren sie sich so sehr für die Darmflora?

Die sogenannte mikrobiologische Besiedlung des Verdauungstrakts gilt als essentieller Prozess für unser Leben, denn die Entwicklung der Darmflora im Säuglingsalter beeinflusst die zukünftige Gesundheit in hohem Maße. Kommt ein Säugling zur Welt, ist die Darmflora erst einmal ziemlich eintönig, beherbergt wenige Bakterienstämme und ist dadurch anfällig und angreifbar. Erst im Laufe des ersten Lebensjahres wird die mikrobiologische Besiedelung durch verschiedene Einflüsse geprägt und die Vielfalt der Bakterien wächst. Bei dieser Entwicklung spielen viele Aspekte eine wichtige Rolle. Wurde das Baby natürlich oder per Kaiserschnitt geboren? Stillt die Mutter oder nahm sie während der Schwangerschaft womöglich Antibiotika? Die Liste der Einflussfaktoren ist lang. 


Durch die steigenden Haustierzahlen ist die Aufmerksamkeit unter anderem auch auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Darmflora des Kindes und Haustierbesitz der Familie gelenkt worden. Schwiertz erklärt, warum: "Tiere, insbesondere Hunde, sind an den kleinen Mitmenschen sehr interessiert und schnuppern und lecken diese auch ab. So werden Mikroorganismen übertragen. Außerdem bringen die Hunde automatisch von jedem Gassigehen Mikrooganismen mit nach Hause, die dann dort verteilt werden." Welche Auswirkungen das auf den Verdauungstrakt hat, wollte das Forschungsteam der Universität in Alberta genau wissen.

Bakterien-Vielfalt: weniger Allergien und Übergewicht dank Haustier

Die Kanadier untersuchten Stuhlproben von 746 Säuglingen im Alter von drei Monaten. Diese wurden in drei Kategorien unterteilt: In einer Kategorie wurden Säuglinge untersucht, deren Mütter während der Schwangerschaft ein Haustier hatten. Die zweite Kategorie stellten Säuglinge dar, die sowohl nach der Geburt mit Haustieren in Kontakt kamen, als auch Mütter haben, die während der Schwangerschaft ein Haustier hatten. Zur dritten Gruppe zählen Säuglinge ohne jeglichen Haustier-Bezug.

Das Ergebnis der Studie: Die Existenz eines Haustiers mit Fell erhöht die Vielfalt der Darmbakterien signifikant. 

Vor allem sind Firmicutes im Darm von Säuglingen der ersten beiden Kategorien vielfältiger vertreten. Der Bakterienstamm der Firmicutes beinhaltet verschiedene Bakterien, die für die Nahrungsverwertung zuständig sind. Sind im Darm nur wenige Klassen und Familien des Firmicutes-Stammes vertreten, ist das Risiko der Fettleibigkeit erhöht. Je größer die Vielfalt der Firmicutes, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu werden. Bei den Kindern, deren Familien vor oder nach der Geburt Hund oder Katze im Haus hatten, waren deutlich mehr dieser Bakterien vertreten. Sie sind wichtige Bestandteile der Darmflora eines gesunden Säuglings und massiv verringert bei unterernährten Säuglingen.

Bei Säuglingen mit direktem oder indirektem (während der Schwangerschaft) Haustierkontakt wurden in besonders üppiger Menge nachgewiesen: Ruminococcus- und Oscillospira-Bakterien. Sie zählen zum Stamm der Firmicutes. Eine große Stärke dieser Bakterien besteht darin, dass sie bei der Proteinverdauung anfallende Zuckermoleküle gut verwerten können. Und genau diese Bakterien sollen laut jüngsten Untersuchungen auch das Risiko verringern, an Allergien und Fettleibigkeit zu erkranken. Die Säuglinge mit Haustierkontakt hatten eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, eine große Menge an Ruminococcus und Oscillospira im Darm zu beherbergen.

Dr. Schwiertz unterstützt die grundsätzliche Aussage der Studie, denn auch er ist sich sicher, dass Haustiere, vor allem Hunde, vor Allergien schützen. Trotzdem kritisiert er die Arbeit der kanadischen Wissenschaftler: "Es wird überhaupt nicht auf die Ernährung eingegangen, und die spielt bei der Entwicklung der Mikrobiota im Darm die zentrale Rolle." Doch das sei nicht die einzige Baustelle. Der Lebensstil der Familien werde in der Studie ebenfalls nicht bedacht. So werde zwar beschrieben, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen den untersuchten Städten Edmonton, Vancouver und Winnipeg gab, "aber es wird überhaupt nicht erwähnt, ob die untersuchten Haushalte eher ländlich oder mitten in der Stadt lagen. Auch der intellektuelle Hintergrund - so blöd dies auch klingt - ist wichtig", bemängelt Schwiertz.

Der Hund in Tablettenform?

Die Leiterin der Studie, Anita Kozyrsky, sagte gegenüber dem Online-Blog der University of Alberta, man müsse die Untersuchungen nun weiterführen. Es sei nicht auszuschließen, dass es in Zukunft einmal den Hund in Tablettenform gebe, als präventive Maßnahme gegen Allergien und Fettleibigkeit. Die Pharma-Industrie könnte zum Beispiel ein Nahrungsergänzungsmittel herstellen, das die betroffenen Mikrobiome beinhaltet und somit wirkt wie ein Hund im Haus. Nach ähnlichem Prinzip funktionieren Probiotika.

Schwiertz hingegen hält die Einführung eines solchen Mittels für sehr unwahrscheinlich. Einerseits sei die Forschung längst nicht weit genug, und andererseits könne man nicht mal eben ein Nahrungsergänzungmittel genehmigen lassen. "Die wissenschaftlichen Aussagen müssen von offizieller Seite genehmigt werden und die eingesetzten Bakterien müssen auf einer genehmigten Liste stehen. Das alles sehe ich in den nächsten Jahren nicht", so Schwiertz.

Doch auch, wenn wir von einem Hund in Tablettenform noch weit entfernt sind und die Studie einige Schwächen vorweist - eines steht unumstritten fest: Haustiere, vor allem Hunde und Katzen, tragen zum Wohlbefinden von Kindern bei, und wahrscheinlich auch zu einer gesunden Entwicklung der Darmflora. Somit könnten sie ein Schlüssel sein, Allergien und Fettleibigkeit vorzubeugen.


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