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Das Glück ist ein Turnschuh Auf dem Weg zur Heldin


Sonntag ist der Tag der Wahrheit. Ich muss mit meinem Sohn vier Meilen durch New York laufen, dabei bin ich seit drei Monaten nicht mehr gejoggt. Zum Glück gibt es Pharell Williams.

Am Sonntag soll ich mit meinem Sohn vier Meilen durch New York rennen. Ich halte mich derzeit an den Meilen fest. Weil die Zahl in Kilometern noch beängstigender klingt. Fast 90 Tage ist es her, dass ich das letzte mal richtig gelaufen bin. Und anders als in Deutschland fahre ich nicht jeden Tag mit dem Fahrrad in Büro – sondern sitze erst im Auto und dann im Zug. Und den Rest des Tages hocke ich auch am Schreibtisch. Keine guten Voraussetzungen.

Deswegen ist es höchste Zeit, mich zumindest ein bisschen einzulaufen. Ich weiß, gesund ist anders. Viel bringen, wird es auch nicht. Aber meinem schlechten Gewissen hilft es. Und ich bekomme eine Ahnung, wie sehr es weh tun wird am Sonntag. Also Schuhe an, Kopfhörer auf. Pharell Williams. Ja, ich weiß mein Musikgeschmack ist übel und echte Profis laufen ohnehin nur ohne Musik. Aber ich hoffe darauf, dass mir Williams Takt Beine macht und ich am Ende wie er „Happy“ und leichtfüßig durch die Straßen tänzle. Man darf ja wohl noch träumen dürfen.

Dass mein Übungslauf harte Arbeit wird, ist mir schnell klar. Mein anfängliche Schwung nimmt mir ganz schön die Puste. Einfach weitermachen wo ich aufgehört habe, ist wohl kein guter Plan. Kann es denn wahr sein, dass ich so schlecht in Form bin? Hat das Basketballtraining gar nichts gebracht? Innerlich beginne ich, mit mir zu schimpfen. Warum ich mich selbst wochenlang stillgelegt habe. Klar, ich weiß doch, dass der Effekt zwei Wochen nach dem letzten Training komplett weg ist. 90 Tage sind eine Katastrophe. Alles nur, weil es ein bisschen kalt war. Okay, minus 20 Grad. Aber trotzdem. Pharell Williams singt: „What did you smoke tonight?“ Hätte ich doch mal, denke ich mir.

Der linke Knöchel tut weh, dann scheint der rechte Lungenflügel in Flammen zu stehen. Der linke überlegt wohl noch, was er machen soll. Warum tue ich mir das eigentlich an? Wie sagt mein Sohn immer? Radiergummis hinten, Bleistifte vorne. Der Gedanke an seine Läuferweisheit lässt mich schmunzeln. Also, stehenbleiben. Luft schnappen. Den Puls beruhigen. Und die Entscheidung treffen: Weiterlaufen – oder aufgeben.

Ich mache weiter. Durchatmen. Schüttle die Beine aus – und nehme einfach einen Gang raus. Nicht gleich an alte Zeiten und altes Tempo anknüpfen. Wie auf Bestellung trällert Pharell Williams jetzt „Happy“. Und ganz langsam finde ich tatsächlich meinen Takt. Kurze Schritte. Tief atmen. Treiben lassen. Es funktioniert. Mein Kopfkino schaltet auf Entspannung. Jetzt tut auch nichts mehr weh. Ich kann sogar schon wieder wunderschön vor mich her träumen. Und laufe, laufe und laufe.

Drei Kilometer und einen steilen Schlussberg später stehe ich wieder vor der Haustür. Ha, der Sonntag wird ein Klacks. Dampfend sitze ich noch auf der Treppe und träume schon von großen Erfolgen und tollen Zeiten. Genieße das geniale Gefühl, etwas für mich getan und durchgehalten zu haben. Die Endorphine sind auch wieder da. Bekommen die ersten drei in ihrer Altersgruppe nicht eine Pokal? Und ob ich meinem Sohn vielleicht weglaufen kann? Trotz seiner langen Beine und seines scheinbar spielerischen Talents, einfach loszurennen?

Gerade heute morgen habe ich einen interessanten Artikel bei den Kollegen in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Der Titel war: „Wir sind alle Helden“. Er ging es um die Frage, warum wir Menschen uns chronisch selbst überschätzen.


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