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Delta bei 59 Prozent "Wenn wir nichts tun, geht uns das Ding durch die Decke": Politiker fordern "kreativere Impfangebote"

"Gemeinsam gegen Corona!"
"Gemeinsam gegen Corona!" steht auf dem Shirt von einem Arzt eines mobilen Impfteams
© Robert Michael / DPA
Die hochansteckende Delta-Variante breitet sich rasant aus, doch die Impfbereitschaft lässt in Deutschland allmählich nach. Was tun, um die Impfungen voranzutreiben?

Die besonders ansteckende Delta-Variante des Coronavirus breitet sich immer weiter aus und zugleich sinkt das Impftempo deutlich: Auch wenn die Lage insgesamt noch entspannt ist, sind Experten und Fachpolitiker deshalb besorgt. Immer mehr fordern nun "kreativere Impfangebote", wie die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, sich in der "Welt" ausdrückte. Bürger müssten sich auch in Fußgängerzonen, Wohnsiedlungen und bei Veranstaltungen impfen lassen können.

Ähnlich sieht es die Ärztegewerkschaft Marburger Bund: "Da ist etwas mehr Kreativität bei den lokalen Behörden gefragt", sagte die Vorsitzende Susanne Johna der Düsseldorfer "Rheinischen Post". "Wir müssen Menschen auch direkt ansprechen und nicht warten, bis sie ins Impfzentrum oder zum Hausarzt kommen. Je niedrigschwelliger, desto besser. Entscheidend ist doch, dass wir nun auch all diejenigen erreichen, die bisher – aus welchen Gründen auch immer – noch zögern oder überzeugt werden wollen."

Delta dominiert mit 59 Prozent

Die Sorge ist vor allem deshalb groß, weil die zuerst in Indien aufgetretene Delta-Variante sich rasant ausbreitet. Sie dominiere erstmals mit einem Anteil von 59 Prozent, hieß es am Mittwochabend in der jüngsten Auswertung des Robert Koch-Instituts für die vorvergangene Woche. Es wird aber nur ein Teil der positiven Corona-Proben auf Varianten hin untersucht. Hinzu kommt das Risiko einer Untererfassung der Fälle: Mehr als 40 Prozent aller Infizierten wissen nach einer Studie der Universitätsmedizin Mainz nichts von ihrer Ansteckung.

Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christine Falk, rät deshalb dringend weiter zum Maskentragen und anderen Corona-Regeln bis hin zum Testen. "Wenn wir nichts tun, geht uns das Ding durch die Decke", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. "Man kann jetzt schon den Schluss ziehen, dass diese Variante dazu beiträgt, dass sich wieder mehr Menschen anstecken. Denn es ist für das Virus ein Leichtes, von einer Person zur nächsten zu springen."

Ein Beispiel für Falk ist Australien. Das habe sich für Corona-frei gehalten. "Und dann ist eine Flugzeugcrew durch das sehr engmaschige Quarantänenetz geschlüpft." Ein Crewmitglied sei in eine Shoppingmall gegangen. "Es gibt Animationen, da sehen Sie, wie er an Menschen vorbeigeht, die sich dadurch das Virus eingefangen haben. Denn in Australien gab es da keine Maskenpflicht mehr." Die Alpha-Variante hätte nicht auf diese Weise überspringen können. "Das heißt, dass es bei Delta wenige Viruspartikel schaffen, einen Menschen zu infizieren. Und wir haben in Deutschland noch einen großen Anteil ungeimpfter oder nicht vollständig geimpfter Menschen. Ohne Maske geht es hier also auf gar keinen Fall." Auch Abstandhalten, Hygiene, Lüften und Testen seien die Methoden der Wahl.

Verlosungen, mobile Impfteams, mehr Aktionen

Für zusätzliche Impf-Anreize wirbt angesichts der Delta-Ausbreitung auch Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans. "Man könnte an eine Verlosung denken, bei der unter den Impfbereiten beispielsweise ein Fahrrad, ein Fremdsprachenkurs oder ein anderer schöner Preis ausgegeben wird", sagte der CDU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Mobile Impfteams und Sonderaktionen seien gerade in sozialen Brennpunkten nötig.

Schutzmaßnahmen könnten nur so lange aufrechterhalten werden, wie sie dazu dienten, eine Überforderung des Gesundheitssystems zu verhindern, so Hans. "Wenn wir allen ein Impfangebot gemacht haben, die Impfung wirksam ist gegen die vorherrschenden Virusvarianten und die Belegungszahlen in den Krankenhäusern auf niedrigem Niveau verharren, müssen wir unsere Corona-Maßnahmen schrittweise zurücknehmen", forderte der Ministerpräsident. Alles andere wäre nach seiner Überzeugung verfassungsrechtlich nicht haltbar.

In den vergangenen zwei Wochen ist die Zahl der Impfungen pro Tag in Deutschland deutlich zurückgegangen. Am Dienstag wurden nach Zahlen des Robert Koch-Instituts 699.500 Impfdosen verabreicht, am Dienstag der Vorwoche waren es 917.000, an den Dienstagen der drei Wochen davor jeweils mehr als eine Million Dosen gewesen.

"Mehr als 70 Prozent geimpfte Erwachsene benötigt"

Auch die EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides rief im "Handelsblatt" zur Beschleunigung der Impfkampagnen auf. Die EU werde zwar ihr Ziel erreichen, bis Ende Juli genug Impfstoffe für 70 Prozent der Erwachsenen zu haben. Doch weil Virusvarianten "die Übertragbarkeit erhöht" hätten, brauche man "mehr als 70 Prozent, um sicher zu sein".

Wissenschaftler gehen allerdings davon aus, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die Weitergabe des Virus mit der Zeit und insbesondere bei der Delta-Variante nachlässt. Wiederum sehen deutsche Experten aber auch die Bekanntgabe des Gesundheitsministeriums im Impf-Vorzeigeland Israel mit Vorsicht, dass die Wirksamkeit der Pfizer/Biontech-Impfung bei der Verhinderung einer Infektion auf 64 Prozent gesunken sei.

les DPA

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