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Lockdown in der Pandemie Spanische Grippe 1918: Das Beispiel Denver zeigt, wie gefährlich zu frühe Lockerungen sein können

Zwei Krankenschwestern des US-amerikanischen Roten Kreuzes bei einer Übung der Notfallambulanz
1918 und 1919 grassierte die Spanische Grippe in den USA
© akg-images / Picture Alliance
Deutschland diskutiert über eine Lockerung des Lockdowns. Experten warnen vor einer zweiten Infektionswelle – wie in Denver 1918, als während der Spanischen Grippe die Beschränkungen zu früh aufgehoben wurden. Die Folgen waren fatal.

Einige Wochen lang lag das öffentliche Leben in Deutschland nahezu still, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Doch je länger der Lockdown andauert, umso lauter werden auch die Rufe nach Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen. Erste Maßnahmen wurden bereits wieder zurückgenommen: Geschäfte dürfen wieder den Betrieb aufnehmen, für bestimmte Jahrgänge werden auch die Schulen wieder geöffnet, in manchen Bundesländern sollen Gottesdienste wieder erlaubt werden. Experten sehen diese Entwicklung mit Sorge und warnen vor einer zweiten Infektionswelle, nachdem Deutschland das Virus zunächst relativ gut kontrolliert hat. "Ich bedauere es in diesen Tagen so sehr, zu sehen, dass wir dabei sind, diesen Vorsprung komplett zu verspielen", sagte der Virologe Christian Drosten in seinem Podcast bei NDR Info. 

Wie das aussehen kann, zeigt ein historisches Beispiel aus Denver. Die Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado wurde zu Beginn der Coronavirus-Pandemie immer wieder als Referenzgröße für den Umgang mit einer tödlichen, hochansteckenden Krankheit zitiert. 1918, zur Zeit der Spanischen Grippe, hatte Denver schnell mit weitreichenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens reagiert und so deutlich weniger Tote zu verzeichnen gehabt als andere Städte. Aber: Nach Aufhebung der Maßnahmen kam es zu einem starken Ausbruch der Krankheit mit vielen Todesfällen, wie eine Grafik der "Washingon Post" zeigt.

Parallelen zwischen Coronavirus und Spanischer Grippe: Wann kann man den Lockdown aufheben?

Das Denver von 1918 glich dem Deutschland im Jahr 2020. Auch damals hielt eine Pandemie die Welt in Atem. Nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe in der Stadt hatten die Verantwortlichen schnell reagiert und rigorose Social-Distancing-Maßnahmen umgesetzt. So ließ sich einerseits die Krankheit unter Kontrolle bringen, die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Maßnahmen sank aber immer weiter. Auch die Geschäftsleute der Stadt übten Druck auf die Politik aus.

+++ Lesen Sie hier mehr zu den Maßnahmen gegen die Spanische Grippe: Zwei Fallbeispiele der Spanischen Grippe 1918 zeigen, warum radikale Quarantäne wichtig ist +++

Nach fünf Wochen Lockdown knickte die Politik in Denver ein: Bürgermeister William Fitz Randolph Mills hob pünktlich zum Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November die Ausgangsbeschränkungen auf. Hunderte feierten das Ende des Krieges auf den Straßen. Die Entscheidung erwies sich allerdings als fatal. Denver wähnte sich bereits am Ende der Pandemie, hatte sie zu dem Zeitpunkt aber noch nicht einmal zur Hälfte überstanden. Es folgte eine zweite Welle von Infektionen, die noch tödlicher war als die erste.

Elf Tage nach der Aufhebung des Lockdowns kehrten die Stadtverantwortlichen wieder zu den vorherigen Beschränkungen zurück. Doch auch das war schon zu spät. Die lokale Zeitung "Denver Post" meldete wenig später, dass in Denver mehr Menschen an der Spanischen Grippe gestorben seien als Menschen aus dem US-Bundesstaat Colorado im gesamten Ersten Weltkrieg. Ein ähnlicher Effekt ließ sich auch in anderen US-Städten beobachten, die während der Pandemie die Maßnahmen zu früh wieder lockerten.

Lockerung der Maßnahmen könnte viele Todesopfer bedeuten

Beispiele wie diese sind es möglicherweise, die Bundeskanzlerin Angela Merkel im Hinterkopf hat, wenn sie öffentlich warnt: "Wir dürfen uns keine Sekunde in Sicherheit wiegen." Deutschland befinde sich nach wie vor am Anfang der Pandemie, betont Merkel. In den USA werden die Entwicklungen in Denver oft als Argument gegen frühe Aufhebungen der Maßnahmen angeführt. Doch auch in Deutschland werden die Forderungen nach Lockerungen immer nachdrücklicher.

Virologen fürchten, dass sich das Virus in einer zweiten Infektionswelle stärker über das Land verteilt haben und es dann verschiedene Ausbruchsherde geben könnte. So würde sich das Coronavirus deutlich schwieriger wieder eindämmen lassen. Die Spanische Grippe dient dabei vielen als warnendes Beispiel aus der Geschichte: Während der Pandemie 1918/19 starben weltweit zwischen 20 und 40 Millionen Menschen – etwa zwei Prozent der damaligen Weltbevölkerung.

Quellen: CNN / "Denver Health" / "Washington Post" / "National Geographic"NDR Info 


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