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Eindämmung des Virus: Zwei Fallbeispiele der Spanischen Grippe 1918 zeigen, warum radikale Quarantäne wichtig ist

1918 gab es mit der Spanischen Grippe eine Pandemie, die Millionen Todesopfer forderte. Der Verlauf von damals zeigt, wie schnell sich Viren verbreiten – und wie man das Coronavirus eindämmen könnte. 

Ein Krankenlager zu Zeit der Spanischen Grippe

Durch die Spanische Grippe starben 1918/19 zwischen 20 und 40 Millionen Menschen

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Das Coronavirus greift in vielen Teilen der Welt weiter um sich. Am Mittwoch erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Virus offiziell zu einer Pandemie. Die Zahlen der Infektionen und Todesfälle steigen von Tag zu Tag sprunghaft: Weltweit sind mittlerweile mehr als 125.000 Coronavirus-Infektionen registriert, 4600 Menschen sind bisher daran gestorben. In Deutschland gibt es laut einer Übersicht der Johns-Hopkins-Universität in den USA mehr als 2000 bestätigte Infektionen mit dem neuen Virus (Stand: Donnerstag).

Dass der Höhepunkt der Pandemie noch lange nicht erreicht ist, scheint klar: Experten sind sich einig, dass das Virus vorerst nicht aufzuhalten ist, da es noch keine Gegenmittel gibt. Oberste Priorität hat nun, diese Ausbreitung zeitlich so weit wie möglich hinauszuzögern. Gefragt, wie lange sich das Virus seiner Meinung nach noch ausbreiten wird, sagte der Seuchenexperte Lothar Wieler auf einer Pressekonferenz: "Hoffentlich so lange wie möglich." Die Zahl der Infektionen über einen längeren Zeitraum zu verteilen, würde das Gesundheitssystem entlasten und Medizinern Zeit geben, einen Impfstoff zu entwickeln.

Dazu dienen auch die zahlreichen Quarantäne- und sonstigen Vorsichtsmaßnahmen, die derzeit in aller Welt getroffen werden. Italien hat einen landesweiten Lockdown verhängt und die meisten Läden geschlossen, auch andere europäische Länder wie Dänemark schließen Schulen und Kitas. In Deutschland wurden bereits zahlreiche Veranstaltungen abgesagt, um große Menschenansammlungen zu verhindern. Wie wichtig diese Maßnahmen sind, zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

Spanische Grippe 1918/19: Warnung vor der Ausbreitung von Corona

Zur Zeit der Spanischen Grippe, die in den Jahren 1918/19 weltweit grassierte, schränkten einige Städte das soziale Leben in weiten Teilen ein und bekamen das Virus so in den Griff. In anderen Regionen, in denen diese Maßnahmen nicht ergriffen wurden, breitete sich das Virus ungehindert aus und forderte zahlreiche Todesopfer. Insgesamt starben bei der Pandemie weltweit zwischen 20 und 40 Millionen Menschen – etwa zwei Prozent der damaligen Weltbevölkerung.

Eine Grafik zeigt, welchen Einfluss Quarantänemaßnahmen damals in der Stadt St. Louis hatten, wo frühzeitig öffentliche Veranstaltungen abgesagt wurden. Sofort nach dem Ausbruch der Spanischen Grippe in der Stadt schloss St. Louis die Schulen, Kneipen und Kirchen, selbst die Teilnahme an Beerdigungen wurde stark eingegrenzt. Die Polizei wurde angewiesen, keine Menschen wegen kleiner Vergehen mehr festzunehmen, um die Gefängnisse zu entlasten. Tatsächlich überstand St. Louis die Zeit der Pandemie einigermaßen glimpflich. In Philadelphia hingegen, wo nach dem Ausbruch noch eine Parade mit vielen Besuchern stattfand, schoss die Todesrate sprunghaft in die Höhe.

Nun ist die Zeit der Spanischen Grippe schwerlich mit dem Jahr 2020 zu vergleichen. Die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung sind heute um ein Vielfaches besser als damals, die Forschung hat bessere Voraussetzungen, um das Virus zu erkennen, zu analysieren und zu bekämpfen. Auch lag die Todesrate der Spanischen Grippe bei ungefähr 2,5 Prozent, bei Covid-19 geht man anhand von Analysen der Fälle in Südkorea derzeit von etwa 0,65 Prozent aus. 

"Soziale Distanz": Warum weniger Kontakt zu Menschen das Virus eindämmen kann

Das Prinzip aber lässt sich leicht übertragen: Durch Quarantänemaßnahmen werden Infektionsketten unterbrochen, die Ausbreitung des Virus lässt sich verzögern – ein Bestreben, das zuletzt unter dem Begriff "Flatten the curve" bekannt geworden ist. Dazu soll die sogenannte "soziale Distanz" beitragen. Das bedeutet in der aktuellen Lage neben der Absage von Großveranstaltungen und der Isolation von Infizierten und solchen, die näheren Kontakt zu ihnen hatten, zum Beispiel aus dem Home Office zu arbeiten oder Berührungen (Händeschütteln etc.) zu vermeiden. "Nur eine sofortige und radikale Änderung unserer normalen Gewohnheiten ist dem Ernst der Lage moralisch angemessen", schreibt der Harvard-Professor Yascha Mounk in einem Gastbeitrag für "Bild". Die "systemische Kontaktvermeidung" ist seiner Ansicht nach das bisher einzige effektive Mittel gegen Corona.

Nicht überall werden diese Empfehlungen von Experten und Medizinern ernstgenommen. Das liegt auch daran, dass die Dimensionen unser menschliches Gehirn übersteigen. Verbreitet sich ein Virus, steigt die Zahl der Infizierten exponentiell, da jeder Infizierte seinerseits mehrere Personen ansteckt. Würden Menschen, die das Coronavirus in sich tragen, nicht isoliert werden, würde sich das Virus rasant verbreiten.

Beim Coronavirus kommt verschärfend hinzu, dass es nicht bei allen Infizierten erkannt wird. Es ist davon auszugehen, dass sich viele Menschen mit Coronavirus frei bewegen, ohne getestet zu werden oder Symptome zu zeigen, und dabei andere anstecken. Der Leiter der epidemologischen Forschungsgruppe der Uni Bern, Christian Althaus, geht beim Coronavirus von einer Verdopplungszeit von sechs bis sieben Tagen aus. Nach Berechnungen der "Süddeutschen Zeitung" würde die Zahl der Infizierten in Deutschland somit Anfang Mai bereits bei 1,2 Millionen liegen – wenn keine Maßnahmen getroffen werden, um das Virus einzudämmen.

Ein Mann steht an einem Waschbecken und wäscht sich gründlich die Hände

Das Beispiel Italien: "Wird auch bei uns so ablaufen, wenn wir nichts tun"

Was dann passiert, lässt sich momentan in Italien beobachten. Dort sind mehr als 15.000 Menschen infiziert – mehr Betroffene gibt es bisher nur in China. In Italien sind bislang 1000 Menschen an Covid-19 verstorben. Das Gesundheitssystem ist hoffnungslos überlastet, weil es dort eben nicht gelungen ist, das Virus rechtzeitig einzudämmen. Die Abriegelung des Landes, die Ministerpräsident Conte nun verhängt hat, ist nur noch Schadensbegrenzung in allerhöchster Not. Seitdem gibt es deutlich weniger neue Infektionen, auch China hat das Virus weitgehend in den Griff bekommen, indem es besonders betroffene Regionen weitgehend isoliert hat.

Für Deutschland lohnt sich der Blick nach Italien, weil sich dort beispielhaft zeigt, welche Ausmaße das Virus annehmen kann – und welche Maßnahmen wirksam sein könnten. Ein Vergleich der Infektionszahlen zeigt, dass diese in Italien vor acht bis neun Tagen auf einem ähnlichen Niveau lagen wie hierzulande. Der renommierte Virologe Christian Drosten warnt: "Covid-19 wird auch bei uns so ablaufen, wenn wir weiter denken, dass 'Deutschland es besser macht' und deswegen nichts tun." Dazu kann mit verantwortungsbewusstem Verhalten jeder etwas beitragen.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung" / "New York Times" / "Vox" / "Bild" / Christian Drosten auf Twitter

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