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Krisenstimmung Digital Exit: Warum immer mehr junge Menschen Social Media verlassen

Jugendliche stehen mit ihrem Smartphone in einer Reihe.
Vor allem junge Menschen sind durch eine übermäßige Mediennutzung gefährdet. 
© Creative Christians / Unsplash
Klatsch und Krise – das kriegen wir täglich in unserem Instagram-Feed zu sehen. Trotzdem verbringen wir viel Zeit auf Social Media. Eine aktuelle Studie zeigt: Vor allem junge Menschen wollen das ändern.

Eine Push-Mitteilung hier, eine Whatsapp-Nachricht da und sobald die Langeweile sich ankündigt, scrollen wir doch lieber schnell durch unseren Instagram-Feed. Das Smartphone hat schon lange einen festen Platz in unserem Leben, genauso wie das Internet. Laut dem "Digital Report 2022" waren im vergangenen Jahr rund 72 Millionen Menschen in Deutschland regelmäßig online.

Vor allem die junge Generation ist durch die eigene Mediennutzung zunehmend überfordert, wie eine aktuelle Studie des VOCER-Instituts für digitale Resilienz zeigt. Demnach sorgen die vielen Beiträge über die Krisen unserer Zeit dafür, dass sich immer mehr junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren von Sozialen Netzwerken lossagen.

Stephan Weichert, Co-Autor der Studie, erklärt das Phänomen im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur so: "Viele Menschen hadern mit den Krisennachrichten, kommen nicht so richtig zu Ruhe. Dieser übermäßige Konsum digitaler Medien führt zu so etwas wie eine Nachrichten-Müdigkeit." Ganze 60 Prozent der Befragten gaben etwa an, dass Instagram bei ihnen negative Gefühle auslöst.

Social Media als psychischer Risikofaktor

Social Media macht also nicht nur gute Laune? Zugegeben, das ist erstmal keine große Überraschung. Schon länger ist wissenschaftlich erwiesen, dass zu viel Zeit auf Instagram, Facebook und anderen sozialen Netzwerken negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben kann. Es gibt zum Beispiel Studien, die einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Medienkonsum und der Entstehung von Depressionen und Angststörungen nachweisen konnten.

Eine Langzeitstudie der Universität Montreal hat dafür rund 4000 Teenager vier Jahre lang begleitet. Das Ergebnis: Je mehr Zeit die Jugendlichen auf Social Media verbrachten, desto stärker waren die depressiven Symptome. Auch Schlafstörungen, Selbstwertprobleme und Sucht gehören zu den psychologischen Risikofaktoren von übertriebener Mediennutzung.

Deutsche verbringen zwischen 2,5 und 4 Stunden täglich am Smartphone

Aber was ist eigentlich noch eine normale Handynutzung? Aktuellen Studien zufolge nutzen wir unser Smartphone zwischen 2,5 und 4 Stunden am Tag. Das ist der durchschnittliche Nutzungszeitraum eines Erwachsenen. Ab welchem Pensum der Medienkonsum allerdings problematisch wird, das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt allerdings Warnsignale, die uns auf einen Medienüberkonsum hinweisen.

Wenn Sie sich ständig mit den bearbeiteten Influencer-Fotos auf Instagram vergleichen und Ihren Körper zunehmend kritisch betrachten; Probleme beim Einschlafen haben, weil Sie beim Scrollen die Zeit vergessen und die ganze Zeit das Gefühl haben, etwas zu verpassen – Stichwort "Fear of missing out" – dann lohnt es sich, den eigenen Medienkonsum kritisch zu überdenken.

Ein Viertel aller Social-Media-Nutzer unter 30 Jahren fühlt sich nach der Nutzung von Medien innerlich leer, erschöpft und schlapp. Auch das ist ein Ergebnis der Studie des VOCER-Instituts. Eine Untersuchung der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen bestätigt, dass vor allem junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren durch Social Media gefährdet sind. Die Studienautoren gehen davon aus, dass bereits 2,6 Prozent der jungen Generation Internetsüchtig sind.

Social Media kann auch Vorteile haben

Soziale Netzwerke dienen eigentlich dazu, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, den Kontakt zu Freunden zu halten und sich mit der Perspektive von Fremden auseinandersetzen zu können. Dass wir als soziale Wesen darauf abfahren, ist erstmal kein Wunder. Aber wie kann eine App und so in ihren Bann ziehen, dass sie uns am Ende womöglich sogar psychisch schadet? Die Antwort ist komplex. Zum einen wird vermutet, dass Social Media unsere Grundemotionen stärkt. Das heißt, wenn ich ohnehin zu depressiven Gedanken neige, dann werden diese durch Instagram oder Facebook im Zweifel noch intensiver.

Wahrscheinlicher ist, dass Social Media aus mehreren Gründen negativ wirken kann. Wenn wir mit unserem Kopf in die digitale Welt einsteigen, dann verlieren wir zum Beispiel wertvolle Lebenszeit für echte Begegnungen mit Freunden. Gleichzeitig liefern wir unserem Gehirn dadurch eine enorme Menge an Informationen. Da wir aber nur eine begrenzte Menge an neuem Input aufnehmen können, entsteht schnell eine Reizüberflutung, die wiederum zu Stress führt.

Eine im Fachjournal "The Lancet Child and Adolescent Health" veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass die Nutzung sozialer Medien dazu führt, dass Jugendliche sich weniger bewegen, schlechter schlafen und mehr Berührungspunkte mit Mobbing haben. Im Zusammenspiel mit der Fake-Welt, die uns tagtäglich auf Instagram ins Gesicht lächelt, ist es kaum verwunderlich, dass zu viel Zeit im Netz uns langfristig schaden kann.

Aber keine Sorge, das Smartphone brauchen Sie jetzt trotzdem nicht aus dem Fenster schmeißen. Denn natürlich kommt es auch hier wieder darauf an, das gesunde Maß zu finden. Richtig dosiert bringt der Medienkonsum auch eine Menge Vorteile mit sich. So haben wir durch das Smartphone im Notfall schnell die Möglichkeit, Hilfe zu holen. Außerdem können wir uns über die Dinge informieren, die uns interessieren, uns eine Meinung zu tagesaktuellen Themen bilden und uns mit anderen Menschen austauschen.

Wie gelingt gesunde Mediennutzung?

Aber wie funktioniert denn nun eine gesunde Mediennutzung? Eine pauschale Antwort darauf gibt es nicht, denn die hängt immer auch von den individuellen Lebensbedingungen ab. Wir haben trotzdem ein paar Tipps gesammelt, die Ihnen bei einem bewussten Medienkonsum helfen können:

  • Konsumieren Sie Social Media mit einem pragmatischen Blick. Denn vor allem auf Instagram spielen uns die Influencer mit ihrem Traumleben gerne mal einen Streich. Statt uns damit zu vergleichen, sollten wir uns stets vor Augen führen, dass wir uns gerade eine Scheinwelt ansehen.
  • Setzen Sie sich Zeitlimits für die eigene Mediennutzung. Experten empfehlen, die zwei Stunden am Tag nicht zu überschreiten. Bei vielen Anbietern kann man hierfür sogar in den Einstellungen Zeitlimits für Apps einrichten. Dann zeigt einem das Handy an, wenn es an der Zeit ist, sich mit dem realen Leben zu befassen.
  • Nehmen Sie das Handy nicht mit ins Bett. Die Beleuchtung des Smartphones unterdrückt unsere Müdigkeit. Die Folge: Wir scrollen uns durchs Internet, statt zu schlafen. Wie wäre es stattdessen mal wieder mit einem guten alten Buch?
  • Legen Sie Ihr Smartphone auch einfach mal zur Seite. Laut einer Studie der britischen Universität Bath reicht schon eine Woche Digital Detox aus, um seiner Psyche etwas Gutes zu tun. Also: Handy aus und bis in einer Woche.

Quelle: VOCER Institut, Studie; DAK Gesundheit, Studie; Studie "Digital Report 2022"


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