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Diskussion: Bundestag debattiert Krebsstudie

Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken wohnen, erkranken häufiger an Blutkrebs. Das belegt eine Studie, die der Bundestag in einer Aktuellen Stunde diskutierte. Die Grünen mahnten - Unionsabgeordnete schimpften über einen "wissenschaftlichen Blackout".

Von Jan Rübel

Heute ist wieder so ein Tag, an dem Hans-Josef Fell die Welt retten will. Seine Stimme bebt. "Das sind hunderte von Einzelschicksalen, die in den Familien große Tragödien hervorrufen", ruft er in das Mikro. "Jeder weiß, dass Strahlen Krebs auslösen." Der Sprecher der Grünenfraktion für Energie- und Technologiepolitik gestikuliert und knurrt - aber kaum jemand hört zu. In der Aktuellen Stunde im Bundestag regen sich nur die Grünen über jene Studie auf, die den Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und der Wohnortnähe zu Atomkraftwerken zeigt. Die Redner der SPD geben sich besorgt. Union und FDP verweisen darauf, dass man noch nicht genug wisse.

Dabei ist das Problem ernst. Am Montag hatte das Bundesamt für Strahlenschutz die Studienergebnisse vorgestellt. Demnach steigt für Kinder unter fünf Jahren das Blutkrebsrisiko, je näher sie an einem Atomkraftwerk wohnen. Die Untersuchung des Mainzer Kinderkrebsregisters zwischen 1980 und 2003 ergab, dass im Umkreis von fünf Kilometern rund um 16 westdeutsche Atommeiler 77 Krebsfälle bei Kleinkindern auftraten. Rein statistisch wären aber nur 48 zu erwarten gewesen - also gibt es 1,2 zusätzliche Fälle pro Jahr. "Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge", sagte Amtschef Wolfram König.

Für Schlussfolgerungen zu früh

"Es gibt einen Forschungsbedarf, sonst nichts", entgegnet der CSU-Abgeordnete Georg Nüßlein nun im Bundestag. Zwar basiere die Studie nicht auf "statistischem Grundrauschen" und sei nicht in Zweifel zu ziehen. "Aber für Schlussfolgerungen ist es zu früh, denn die Gründe für die Krebserkrankungen liefert die Studie nicht." Ruhe bewahren und die Opposition der Hysterie zeihen - das ist die Strategie der Union an diesem Tag. Dass sie das Thema nicht allzu ernst nimmt, zeigt sich auch in der Zahl der Anwesenden: CDU und CSU haben kaum mehr Vertreter im Plenarsaal als die fast vollzählige Grünen-Fraktion. Von der FDP verlieren sich nur fünf Abgeordnete unter der Reichstagskuppel.

Die Grünen erhoffen sich von dieser Aktuellen Stunde, endlich wieder in der Öffentlichkeit punkten zu können. Zwar sind die Umfragewerte für die Partei seit Monaten stabil; in Zeiten der Großen Koalition nimmt sie aber kaum jemand noch wahr. Da kommt den Grünen die neue Studie zu einem ihrer sogenannten "Kernkompetenzthemen" gerade recht. Umso säuerlicher die FDP: Besorgt, dass die grünen Rivalen politischen Profit aus der Debatte um die Krebsstudie ziehen könnten, bemühen die Freidemokraten sogar den Weihnachtsmann. "Sind Sie sich eigentlich im Bilde", ruft die FDP-Abgeordnete Angelika Brunkhorst den Grünen zu, "dass Ihre Reaktionen kurz vor Weihnachten ein Unwohlsein hervorrufen?"

Sägen am Atomausstieg

Für FDP und Union kommt diese neue Debatte zur Unzeit. Allzu gern sägen sie am im Jahr 2000 beschlossenen Atomausstieg. Beide Parteien möchten die Laufzeiten auch für ältere Atommeiler verlängern. "Sie schaffen ja auch nicht die Autos ab, weil jedes Jahr 130 Kinder durch Autos sterben", ruft der CDU-Abgeordnete Jens Koeppen der grünen Oppposition zu. Grünenfrau Sylvia Kotting-Uhl kontert: "Wenn Sie nicht wissen, warum die Bremsen versagen, fahren Sie doch auch nicht weiter." Je ungenauer die Erkenntnis, umso schräger die Vergleiche. Die Studie hat - und das war ihr Auftrag - lediglich eine Entfernungsabhängigkeit festgestellt. Ob es die Strahlen aus den Kernkraftwerken waren, die zu den Krebserkrankungen führen, sagt das Gutachten nicht. Bisher weiß die Medizin zu wenig über die Entstehung von Krebsarten wie Leukämie. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte mitteilen lassen, seine Behörde werde die neue Studie in den kommenden Monaten genau auswerten und auf nötige Schlussfolgerungen hin untersuchen.

"Wissenschaftlicher Blackout"

In der Zwischenzeit wird die Politik weiter heftig streiten. "Es ärgert mich, dass eine Studie einen wissenschaftlichen Anstrich erhält, den sie nicht verdient", sagt Georg Brunnhuber, Chef der einflusseichen CDU-Landesgruppe Baden-Württembergs im Bundestag, zu stern.de. "Wissenschaftler bringen etwas auf den Markt und erklären nichts. Das ist ein wissenschaftlicher Blackout." Die SPD setzt auf leisere Töne. "Wir nehmen das ernst", so SPD-Vize Andrea Nahles zu stern.de - zu möglichen Konsequenzen schweigt sie. "Wir überprüfen jetzt die Relevanz der Studie, dann werden wir weitersehen", orakelt der SPD-Abgeordnete Florian Pronold.

Sollten die Forscher herausfinden, dass Atomkraftwerke tatsächlich ursächlich für Krebs bei Kleinkindern verantwortlich sind, wird der Streit jedoch rasch beendet sein. Dann könnte die deutsche Atomindustrie schneller der Vergangenheit angehören als bisher erwartet. Vielleicht ahnen das die meisten Abgeordneten. Und sind deswegen erst gar nicht zur Aktuellen Stunde erschienen.

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