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AstraZeneca-Impfstopp Drosten über Thrombosefälle nach AstraZeneca: "Könnte es sein, dass das die Statistik färbt?"

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Nach einer Häufung von Thrombosefällen wurde das Impfen mit dem AstraZeneca-Vakzin vorsorglich gestoppt. Eine Folge der Impfung? Es könnte sich auch um ein statistisches Problem handeln, meint Virologe Christian Drosten.

Die Infektionszahlen steigen, eine dritte Corona-Welle rollt bereits an und der Impffortschritt ist immer noch eher ein Impffortschrittchen, der nun mit dem vorsorglichen AstraZeneca-Stopp weiter ausgebremst wird. Die Situation ist ungünstig. Viele Impftermine mussten abgesagt werden, welche Auswirkungen die Entscheidung aufs weitere Pandemiegeschehen hat, bleibt abzuwarten. 

Die epidemiologische Lage sei momentan nicht gut in Deutschland, sagte Charité-Virologe Christian Drosten in der neuesten Ausgabe des Podcast "Coronavirus-Update". Die ansteckendere Virusvariante B.1.1.7 nehme immer mehr Überhand, ihr Anteil betrage inzwischen drei Viertel. Die Entwicklungen um das AstraZeneca-Vakzin mit ausgesetzten Impfungen und knapperen Liefermengen bedauerte er, sagte aber, dass man im Moment vor allem daran denken solle, "dass wir diese Impfung brauchen".

"Könnte es sein, dass das die Statistik färbt?"

Das Problem: Blutgerinnsel. Inzwischen sind insgesamt acht Fälle mit Hirnvenenthrombosen (Mehr zu Hirnvenenthrombosen lesen Sie hier) bekannt geworden, die im zeitlichen Zusammenhang zur Impfung gemeldet wurden, wie das Gesundheitsministerium bekannt gab. Eine auffällige Häufung, denn Hirnvenenthrombosen sind sehr selten. Betroffen waren laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI) vor allem Frauen. Ob es aber tatsächlich Zusammenhänge zwischen Impfung und Thrombose gibt,  ist allerdings noch nicht bekannt und soll jetzt weiter untersucht werden. Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, wird das Vakzin vorerst nicht weiter verimpft - eine Vorsichtsmaßnahme.

Diese Häufung der seltenen Thrombosen innerhalb kürzester Zeit müsse man, so Drosten, "natürlich ernst nehmen und anschauen". Dazu gehöre unter anderem auch die Suche nach möglichen anderen Ursachen. Die Entscheidung, vorsorglich eine AstraZeneca-Impfpause einzulegen, wollte er nicht bewerten, dafür fehlten ihm Hintergrundinformationen. Dennoch gab der Virologe zu bedenken, dass es sich möglicherweise auch um ein statistisches Problem handeln könnte.

In Deutschland seien Menschen unter 65 Jahre mit AstraZeneca geimpft worden, weil es zunächst keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für Ältere gegeben hatte. In England hingegen seien bevorzugt Ältere damit geimpft worden; trotz einer höheren Zahl an Impfungen sei dort keine solche Thrombosen-Häufung beobachtet worden. Drosten verwies auf einen wohl hohen Frauenanteil beim medizinischen Personal und Pflegepersonal, das das Mittel in Deutschland erhielt. Er fragte: "Könnte es sein, dass das die Statistik färbt?" Bei Frauen seien Probleme mit Thrombosen generell häufiger.

"Der Nutzen überwiegt"

Gesundheits-Experte Karl Lauterbach hatte am Dienstag auf Twitter dazu geschrieben: "Leider sind die Gehirnthrombosen mit Hämolytisch Urämischem Syndrom wahrscheinlich auf AstraZeneca Impfstoff zurückzuführen. Und es trifft auch Jüngere ohne Risikofaktoren. Weil aber das Risiko bei nur 1:250.000 etwa liegt überwiegt der Nutzen, gerade für Ältere." In einem Gespräch bei der Sendung "Hart aber Fair" sagte er, dass er die Impfungen mit dem Vakzin daher trotzdem hätte fortsetzen lassen. Lauterbach rechnete damit, dass die Zulassung des Impfstoffs auch nach der neuerlichen Prüfung erhalten bleibe.

Auch Frank Ulrich Montgomery, Präsident des Weltärztebundes, hatte bereits Zweifel am vorläufigen AstraZeneca-Stopp angemeldet. Im Gespräch mit dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" sagte er, dass in den internationalen Studien, die er kenne, die Thrombose-Häufigkeit in der Impfstoff-Gruppe und der Placebo-Gruppe in etwa gleich gewesen sei. "Trotzdem ist es richtig, dass die nationalen Behörden die Verdachtsfälle auf schwere Nebenwirkungen prüfen", sagte er.

Frauen häufiger als Männer betroffen

Schätzungen zufolge erkranken zwei bis fünf Menschen pro einer Million jährlich an dieser Thrombosenart. Die Zahlen variieren allerdings. Es gibt auch Schätzungen, die von bis zu 15 Fällen pro einer Million Menschen ausgehen. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, spricht gegenüber dem "Science Media Center" von einem Fall pro 100.000 Einwohnern im Jahr. 

Frauen sind häufiger betroffen als Männer und jüngere Personen haben ein höheres Risiko als ältere"In der späten Schwangerschaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, sehen wir die Sinusvenenthrombosen am häufigsten", so Berlit. Dazu kommen Sinusvenenthrombosen, die im Zusammenhang mit Infektionen auftreten, "allerdings häufiger bei bakteriellen Infektionen als bei viralen Infektionen."

Besonders "brenzlig" für Jahrgänge 50 plus

Drosten rechnet in den kommenden Wochen mit einem Anstieg der Fallzahlen. "Wir werden kurz nach Ostern eine Situation haben wie um Weihnachten herum", sagte er, auch mit Blick auf Prognosen des Robert Koch-Instituts (RKI) von vor einigen Tagen zu einem befürchteten starken Anstieg der Neuinfektionszahlen. Die Situation werde sich dann im weiteren Verlauf "drastisch erschweren" wegen der Mutante, erwartet Drosten. Besonders "brenzlig" werde es für die weitestgehend noch ungeimpften Jahrgänge ab 50 Jahre. Diese Warnung hatte Drosten auch zuvor schon geäußert.

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Zu mehreren Studien über die in Großbritannien entdeckte Variante B.1.1.7 zog Drosten die Bilanz, dass das Virus nicht nur übertragbarer, sondern auch gefährlicher geworden sei. "Und das ist keine gute Botschaft, gerade in diesen Zeiten und in dieser jetzigen Nachrichtenlage." Die Studien lieferten weitere Hinweise, dass die Variante tödlicher sei.

Durch den AstraZeneca-Impfstopp verzögert sich der Impffortschritt weiterhin, dieser "würde das Impfergebnis um einen Monat rechnerisch nach hinten verschieben", sagte Dominik von Stillfried, Chef des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung dem "Handelsblatt". Menschen über 60 wären nach dieser Kalkulation erst Anfang Juli durchgeimpft. Allerdings auch nur, wenn die anderen Impfstoffhersteller die Mengen liefern, die zugesagt wurden und auch die Hausärzte baldigst mit den Impfungen gegen Covid-19 beginnen können.

Quellen:RNDHandelsblattTwitter, Science Media Center

tpo / dpa

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