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Ehec-Epidemie: "Das hier ist eine richtige Katastrophe"

Auch zwei Wochen nach Ausbruch der Ehec-Epidemie versuchen Ärzte, die Situation in den Griff zu bekommen. stern.de sprach mit dem Hamburger Nierenspezialisten Rolf Stahl über die derzeitige Lage.

Herr Professor Stahl, manche ziehen den Vergleich zur Schweinegrippe vor zwei Jahren. Handelt es sich beim derzeitigen Fall um eine ähnliche Situation, gar um unberechtigte Panikmache oder Hysterie?
Nein, das ist keine Hysterie. Wenn, dann war die Schweinegrippe damals zu hoch gehängt. Das hier ist eine richtige Katastrophe für uns, ein sehr ernstes Problem. Innerhalb von nur 14 Tagen hatten wir 500 schwerstkranke Patienten. Ich wundere mich, dass das mit einer gewissen Lässigkeit in der Öffentlichkeit akzeptiert wird.

Vor etwas mehr als zwei Wochen hatten Sie die ersten schweren Ehec-Fälle an Ihrer Klinik. Wie ist die Situation jetzt?
Wir haben seit ein, zwei Tagen eine stabile Situation. Einigen Patienten, die ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) entwickelt haben, geht es inzwischen besser, bei anderen kann man es noch nicht so genau sagen. Manche Patienten sind aber noch immer sehr schwer krank. Die werden beatmet und weiterhin intensivmedizinisch betreut. Es ist aber nicht so, dass sich die Situation dramatisch verschärft hat. Wir haben eher die sachte Hoffnung, dass sich das vielleicht bessert. Wir haben seit einer Woche täglich die gleiche Anzahl an HUS-Patienten. Für diese Komplikation gibt es derzeit keine Entwarnung.

Wie geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern?
Wir arbeiten seit mehr als zwei Wochen durch und sind alle etwas angespannt. Vor allem das Pflegepersonal und die Assistenzärzte sind rund um die Uhr da, um die Patienten zu versorgen.

Sind bei den HUS-Patienten bleibende Schäden zu befürchten?
Bei einigen schon. Es wird Patienten geben, deren Nierenfunktion künftig eingeschränkt sein wird. Bei manchen wird die Nierenfunktion vielleicht auch gar nicht wiederherstellbar sein. Die brauchen dann künftig eine Dialyse.

Wie lange werden wir noch mit Ehec zu tun haben?
Das lässt sich nicht sagen. Die Patienten, die bei uns sind, werden wir unter Umständen noch wochenlang betreuen müssen. Das heißt, wir müssen uns auf Versorgungskonzepte für diese Patienten einstellen. Für diese Patienten ist es nicht nächste Woche schon vorbei. Wir bekommen noch immer jeden Tag neue HUS-Patienten, wenn auch inzwischen weniger als zuvor. Ich wage aber jetzt noch keine Prognose darüber abzugeben, wann das vorüber ist.

Der Bakterienstamm ist nun identifiziert. Verbessert das die Chancen für die Behandlung?
Ich hoffe. Es verbessert vor allem unsere strategischen Überlegungen. Wenn wir das Bakterium kennen, können wir vielleicht besser entscheiden, welche Therapie am besten passt und ob wir einem Erkrankten womöglich ein Antibiotikum geben können.

Ein Antibiotikum? Davor wurde bisher immer gewarnt.
Das muss man im Einzelfall überlegen. Bisher haben wir nur selten Antibiotika für andere Komplikationen gebraucht. Manchen Patienten mussten wir sie geben, weil sie wegen anderer Komplikationen Entzündungen hatten, die es zu behandeln galt. Aber das sind einzelne Beobachtungen. Wir haben hier jeden Tag neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Da müssen wir uns genau absprechen und daraus sinnvolle Behandlungsstrategien zu entwickeln.

Seit vergangener Woche behandeln Sie unter anderem mit einem neuen Wirkstoff namens Eculizumab, einem Antikörper. Bei welchen Patienten wird dieses Medikament eingesetzt?
Wir haben festgestellt, dass das sogenannte Komplementsystem möglicherweise eine entscheidende Rolle spielt für die von den Zellgiften ausgelöste Entzündungskaskade, welche die Gefäße zerstört. Das Komplementsystem ist ein Eiweißsystem im Blut, das eigentlich der Abwehr dient und Bakterien zerstört, bei verschiedenen Erkrankungen aber auch aktiviert werden kann. Der Antikörper blockiert dieses Komplementsystem. Wir haben uns dafür entschieden, es einzusetzen, wenn der Plasmaaustausch nicht hilft. So haben wir möglicherweise eine Chance, in die Entwicklungskaskade der Gefäßverschlüsse in der Niere oder im Zentralen Nervensystem einzugreifen.

Wie effektiv ist die Therapie?
Das wissen wir nicht. Wir behandeln unsere Patienten mit dem Antikörper aus Mangel an Alternativen. Es ist ein sogenannter Heilversuch, weil wir verhindern wollen, dass die Patienten bleibende Störungen am Zentralen Nervensystem haben, ihre Nierenfunktion verlieren oder womöglich sterben. Wie gut es wirkt, kann ich Ihnen heute noch nicht sagen.

Weiß man inzwischen mehr über die Quelle der Ehec-Epidemie?
Nein. Das Robert-Koch-Institut arbeitet noch immer Tag und Nacht daran, das herauszufinden.

Sonja Popovic

Wissenscommunity