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Ehec-Keim und der "Gurkenkrieg": Spanier fühlen sich als Bauernopfer

Für ein paar Tage waren spanische Gurken schuld am Ehec-Ausbruch. Doch dann ruderte das Hamburger Hygiene-Institut zurück und nun hängt der Haussegen zwischen Spanien und Deutschland schief.

Von Niels Kruse

Dass die Hamburger Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks einmal in einem Kommentar der spanischen Renommierzeitung "El Mundo" auftauchen würde, hätte sie wohl am wenigsten erwartet. Und dann auch noch in dieser Art und Weise: "Ihre schwere Verantwortungslosigkeit hat der spanischen Landwirtschaft Millionenverluste und einen gravierenden Image-Schaden eingebracht. Sie musste sich korrigieren, aber es gab kein Wort der Entschuldigung", schreibt das Blatt. Es ist nicht die einzige Stimme Spaniens, die zorneserregt gegen deutsche Institute, Behörden und Politik wettert.

Es bedurfte nur vier simpler Salatgurken, um die Krise zwischen Madrid und Berlin auszulösen: Das Gemüse war mit den Darmkeim Ehec verseucht, fand das Hamburger Hygiene-Institut heraus. Und drei der vier Gurken stammten aus Spanien. Der Übeltäter, verantwortlich für 1500 Infizierte und 15 Tote, war gefasst. Zumindest für einige Tage. Bis Dienstagnachmittag Cornelia Prüfer-Storcks einräumen musste, dass die spanischen Gurken zwar mit Ehec befallen waren, allerdings nicht mit dem Stamm, der die schweren Durchfall- und Nierenerkrankungen auslöst.

Teurer Irrtum

Für die spanischen Gemüsebauern aber kam die Information leider zu spät. Tonnen und Abertonnen von Gemüse im Allgemeinen und Gurken im Besonderen waren plötzlich unverkäuflich und mussten vernichtet werden. Die Verluste der Bauern sollen rund 200 Millionen Euro pro Woche betragen, heißt es in Branchenkreisen - und alles nur wegen eines Fehlalarms. Die Spanier selbst sind deshalb ziemlich sauer auf den Umgang der deutschen Behörden mit ihrem Gemüse. In den Kommentaren der Internetseite von "El Mundo" lassen die Menschen ihren ganzen Frust raus: "Es reicht nicht, dass unsere Politiker inkompetent sind, jetzt müssen wir auch noch die Inkompetenz der ausländischen Politiker ertragen", schreibt etwa Leser "Fonseca". Der Nutzer "151055" wittert gar eine Art Verschwörung: "Angela Merkel, ich weiß nicht, ob sie uns so viele Reformen und Einsparungen aufdrängen, damit dieses Land vorankommt oder um uns im Elend untergehen zu lassen. Es reicht! Empört Euch über deutsche Politiker."

Spanien hofft auf Entschädigung

Der Gurken-GAU ist nur der neueste Nackenschlag, den die Spanier ertragen müssen. Das Land kämpft wie kaum ein anderes gegen die Schuldenkrise an, der strikte Sparkurs zwingt die Wirtschaft in die Knie, die Regierung verliert an Rückhalt. Die Arbeitslosigkeit dagegen steigt, vor allem bei den Jugendlichen. Diese ganze Perspektivlosigkeit der jungen Hoffnungslosen hatte sich jüngst in tagelangen Massenprotesten entladen .

"Der Schaden, den Deutschland angerichtet hat, ist da, die Verluste werden Millionen betragen. Was wir verlangen müssen, sind Entschädigungen der Verluste, die durch die deutschen Anschuldigungen entstanden sind." Diese Ansicht teilt "El Mundo"-Leser Airbone mit dem Großteil seiner Landleute. Auch die Regierung überlegt nun, die Deutschen in Regress zu nehmen. Agrarministerin Rosa Aguilar versucht nun, über die EU Entschädigungen für die spanischen Landwirte zu kommen. Brüssel hat ihr bereits Unterstützung signalisiert: EU-Gesundheitskommissar John Dalli will zusammen mit Agrarkommissar Dacian Ciolos nach Möglichkeiten suchen, die Gemüsebauern zu unterstützen, kündigte Dalli an. Genaue Angaben über die bisherigen Verluste der Landwirte konnte er bislang nicht machen.

Enttäuscht vom deutschen Krisenmanagement

Generell gab sich Agrarministerin Aguilar enttäuscht darüber, wie Deutschland mit dieser Krise umgegangen sei. "Niemand hat sich bei uns direkt mit Ehec infiziert. Das heißt, dass es diesen Keim hier nicht gibt. Und wenn es ihn hier nicht gibt, kann Ehec nicht aus Spanien kommen." Ähnlich denkt "El-Mundo"-Leser "Risingson": "Man musste schnell einen Sündenbock finden. Da sieht man, was für ein Gurken-Krisenmanagement unsere regierenden germanischen Freunde haben." Auch die Hamburger Senatorin Prüfer-Storcks bekommt ihr Fett weg: "Wenn ich sie wäre, würde ich eine Zeit lang von Mallorca fern bleiben. Das heißt, den Rest ihres Lebens", droht Kommentator "Sandmann" in der Onlineausgabe von "20 Minutos".

Die Gescholtene selbst aber will von der Kritik nichts wissen: "Nein, wir haben nicht zu früh gewarnt", sagte sie jetzt. "Wir hätten immer unseren Ehec-Befund melden müssen, in Deutschland an alle Behörden und an die EU." Und auch wenn die spanischen Gurken nicht den Erregertyp O104 aufweise, würden sie dennoch eine Gesundheitsgefahr darstellen und müssten aus dem Verkehr gezogen werden. "Also als spanische Agrarministerin würde ich schon jetzt der Frage nachgehen, wie kommen Ehec-Erreger auf spanische Gurken?" Joaquin, Nutzer von "El Periodico" hat dafür eine ganz eigene Erklärung und witzelt: "Vielleicht ist es ja auch so, dass die durch Chemikalien von Bayer und BASF sterilen Deutschen keine Abwehrkräfte haben und an der kleinsten Mikrobe, die sie erwischt, sterben."

Mitarbeit Katia Gicquel

Wissenscommunity