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Elektronische Patientenakte und E-Rezept Das deutsche Gesundheitswesen macht Schluss mit der Zettelwirtschaft

Eine Hand zeigt auf Eintragungen auf einem Computerbildschirm
Eine elektronische Patientenakte mit einem E-Rezept: Rund 50 Arztpraxen und 120 Apotheken testen bei einem Pilotversuch in Berlin und Brandenburg die neue IT für das Gesundheitswesen
In deutschen Arztpraxen und Klinken geht die Ära der rosafarbenen Rezepte und der Papp-Ordner zu Ende. Die elektronische Patientenakte und das E-Rezept sind auf dem Vormarsch – aus Sicht mancher Kritiker allerdings recht spät.

Die die elektronische Patientenakte (ePA), das große Digitalisierungsprojekt des deutschen Gesundheitswesens, hat einen wichtigen Meilenstein erreicht: Seit dem 1. Juli müssen alle Arztpraxen an die digitale Telematik-Infrastruktur des Gesundheitswesens (TI) angeschlossen sein. Nach Auskunft der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sind "nahezu alle Praxen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten" an die TI angeschlossen, die einen sicheren und schnellen Datenaustausch im Gesundheitswesen ermöglicht.

Der Teufel bei der ePA-Einführung steckt allerdings im Detail. Um die elektronische Gesundheitsakte nutzen zu können, brauchen die Praxen ein Update für ihren Konnektor. Das ist ein Stück Hardware, das sie mit der geschützten TI verbindet. "Am Markt gibt es drei Hersteller, einer davon bietet derzeit das notwendige, zertifizierte Update an", sagte KBV-Sprecher Roland Stahl der Nachrichtenagentur dpa. Bei den anderen beiden sei die Aktualisierung angekündigt. Hier sei es aber fraglich, ob es für die Praxen fristgerecht verfügbar sein werde.

Elektronische Patientenakte ist zum Start oftmals noch nicht einsatzfähig

So kann es noch einige Wochen dauern, bis tatsächlich alle Arztpraxen die elektronische Patientenakte befüllen können. Das können digitale Röntgenbilder oder andere Dokumente sein, Arztbriefe, Befunde oder Medikationspläne. Auch das geplante E-Rezept landet dann in der ePA-Cloud. Die rosafarbenen Rezepte, mit denen bislang Arzneimittel verschrieben werden, gehören dann bald der Vergangenheit an.

Dazu startete ebenfalls zum 1. Juli ein Pilotversuch in Berlin und Brandenburg: Rund 50 Arztpraxen und 120 Apotheken werden das neue digitale E-Rezept testen und bewerten. Zudem wurde am Donnerstag die offizielle App für das elektronische Rezept in den App-Stores von Apple und Google zum kostenlosen Download bereit gestellt.

Das App stammt von der Gematik GmbH, die mehrheitlich dem Bund gehört und für den Aufbau eines sicheren Gesundheitsdatennetzes verantwortlich ist. Das Bundesgesundheitsministerium und die Gematik versprechen sich vom E-Rezept eine höhere Arzneimittelsicherheit für die Patienten, wenn alle eingenommenen Arzneimittel mit Blick auf Neben- und Wechselwirkungen kontinuierlich geprüft werden. Außerdem soll der gesamte Ablauf von der Verschreibung in den Arztpraxen über die Abholung durch den Patienten bis hin zur Abrechnung bei den Krankenkassen viel effizienter gestaltet werden.

Das E-Rezept erleichtere in der Arztpraxis den Ablauf, sagt Gematik- Geschäftsführer Markus Leyck Dieken. "Wir wissen aus der Pilotphase, dass auch für die Arzthelferin das Management als E-Rezept eine Zeitersparnis bedeutet. Für den Patienten bedeutet es häufig, bestimmte Wege gar nicht gehen zu müssen."

E-Rezept soll ab dem nächsten Jahr zur Pflicht werden

"Das digitale Rezept eröffnet zukünftig schon bald weit mehr Service rund ums Rezept wie eine Prüfung meines Medikamentenplans auf Verträglichkeit", so Dieken. Dazu gehöre auch die Funktion, dass alle erhaltenen Präparate dokumentiert werden, damit man beispielsweise dem Arzt auf Anhieb sagen kann, welche Medikamente man verschrieben bekommen hat. Möglich sei auch die Erinnerung an ein Folgerezept.

Das E-Rezept soll zum Januar 2022 verpflichtend für alle Praxen kommen. Bereits ein Quartal zuvor, zum Oktober 2021, ist die ist digitale Variante des "gelben Zettels", also die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), vorgeschrieben.

Die KBV bezweifelt, dass der Pilotversuch ausreicht, um das ambitionierte Digitalprojekt zum Erfolg zu führen. "Um den Start des E-Rezepts in ganz Deutschland zum Januar 2022 sicherzustellen, muss die Technik für alle verlässlich rechtzeitig verfügbar sein", sagt KBV-Sprecher Stahl. Die Praxen müssten sich darauf verlassen können, dass die Technik ausgereift sei. Dabei hätte sich die KBV einen größeren Pilotversuch gewünscht.

Prof. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité, dagegen hält die Einführung des digitalen Workflows für überfällig: "Das E-Rezept in Deutschland bedeutet sicherlich einen wesentlichen Fortschritt. Aber der Fortschritt wäre natürlich noch besser gewesen, wenn er 2011 gekommen wäre und nicht erst 2021", sagte er der dpa. "Wir müssen unbedingt das Bewusstsein dafür schaffen, dass eine umfassende Digitalisierung des Gesundheitswesens dringend notwendig ist."

Langsame Digitalisierung "kein Ruhmesblatt für unser Land"

Der Charité-Chef betonte, die Situation bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens sei "kein Ruhmesblatt für unser Land". "Dabei helfen keine einseitigen Schuldzuweisungen", es habe am Datenschutz gelegen oder Blockaden unterschiedlicher Parteien gegeben. "Viele Faktoren haben in der Summe dazu geführt, dass wir da sind, wo wir heute sind." Es müsse ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass eine umfassende Digitalisierung des Gesundheitswesens dringend notwendig sei. "Zum einen zwingt uns die demografische Entwicklung dazu: In den kommenden acht Jahren werden so viele Fachkräfte in der Medizin in den Ruhestand gehen, dass wir ohne eine konsequente Digitalisierung die Leistungen, die in Deutschland selbstverständlich sind, auf gar keinen Fall aufrechterhalten können. Wir können uns nicht mehr leisten, dauernd Doppeluntersuchungen zu machen."

Kliniken konkurrieren auch mit IT-Firmen

Kroemer verwies außerdem auf die "neue Konkurrenz, die über das Internet und Gesundheits-Gadgets virtuell mit am Tisch sitzt". "Eine Apple Watch zum Beispiel kann mit einer Art EKG feststellen, ob ein Patient Vorhofflimmern, eine häufige Herzrhythmusstörung, hat oder nicht. An so einer Diagnose hängen bislang drei Arbeitsplätze in einem Krankenhaus wie der Charité: ein Arzt, eine Pflegekraft und eine Verwaltungskraft." Man werde Apple nicht unmittelbar Konkurrenz machen können. "Aber schon wenn wir mit solchen Anbietern im Sinne einer Systempartnerschaft zusammenarbeiten wollen würden, dann funktioniert das natürlich nur, wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen können." Das setze voraus, dass die Krankenhäuser weitestgehend digitalisiert sind, was oft noch nicht der Fall sei.

Der Ausgangspunkt an der Charité sei allerdings nicht schlecht, sagte Kroemer. "Wir sollten unsere digitalen Anstrengungen stark verbessern. Player wie Amazon und Apple verfügen ausschließlich über den digitalen Teil und haben die Hardware – im Sinne personell und apparativ ausgestatteter Krankenhäuser – nicht, über die wir wiederum verfügen." Der Schlüssel für künftigen Erfolg werde darin liegen, beide Aspekte zu verknüpfen. "Das heißt, wir haben durchaus die Möglichkeit, langfristig wettbewerbsfähig zu sein."

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