Zusammen ist man weniger allein? Wenn sich Liebende nichts mehr zu sagen haben und nebeneinander statt miteinander durchs Leben gehen, kann auch in Beziehungen Einsamkeit aufkommen. Was bleibt von der Zuneigung, wenn der Mensch, der einem am nächsten war, zum Fremden geworden ist? Und ist eine Beziehung unweigerlich dem Ende geweiht, wenn sich das große Schweigen erst einmal im Alltag ausgebreitet hat? Paar- und Sexualtherapeutin Nancy Glisoni weiß, was Paare emotional entzweit und was sie tun können, um das große Wir wiederzubeleben.
Frau Glisoni, warum fühlen wir uns auch in Beziehungen einsam?
Meistens rührt das Einsamkeitsgefühl daher, dass sich einer weniger gehört, weniger verstanden fühlt. Ist die Kommunikation in der Beziehung schlecht, entsteht nach und nach eine Art emotionale Kluft. Ist die emotionale Verbindung verloren gegangen, kann der Partner neben einem auf der Couch sitzen und man fühlt sich trotzdem einsam. Ein Einsamkeitsgefühl kann also ein Warnsignal sein, dass in der Beziehung etwas nicht stimmt.
Ist ein Einsamkeitsgefühl nicht immer ein Warnsignal?
Ein Gefühl von Einsamkeit kann auch aufkommen, wenn in der partnerschaftlichen Beziehung eigentlich alles super läuft – und zwar dann, wenn die Partner unterschiedliche Nähe-Distanz-Bedürfnisse haben. Jemand, der viel Nähe benötigt, kann sich vernachlässigt fühlen, wenn der andere, der vielleicht mehr Raum für sich braucht, öfter weg ist. Nur weil man in diesem Moment dieses Einsamkeitsgefühl hat, heißt das aber nicht, dass man partout unglücklich ist.
In einer Studie zu Einsamkeit in Beziehungen wurde herausgefunden, dass in mehr als 14 Prozent der Fälle die Befragten dem Partner die Schuld daran geben. Ist immer der andere verantwortlich?
Natürlich nicht. Es kommt zu einer Entfremdung, wenn man sich nicht mehr miteinander verbunden fühlt. Das frustriert auf Dauer und führt dazu, dass man sich zurückzieht und sich irgendwann fragt, ob man überhaupt noch mit dem Partner zusammen sein will. Das ist der Moment, in dem man für die eigenen Bedürfnisse Verantwortung übernehmen und einstehen muss. Das heißt: offen mit dem anderen reden und bereit sein, gemeinsam eine Lösung zu finden. Die Veränderung, die ich mir wünsche, fängt bei mir an. Ich kann nicht erwarten, dass der andere das für mich übernimmt.