Geburten Deutschlands reife Mütter


Die Zahl der Frühgeborenen in Deutschland steigt und steigt. Einer der Hauptgründe für diesen besorgniserregenden Trend: Frauen entschließen sich immer später zu einer Schwangerschaft.

Die Berlinerin, die jüngst mit Mitte 50 auf natürlichem Wege schwanger wurde und ein gesundes Töchterchen zur Welt brachte, dürfte wohl die Ausnahme bleiben. Doch der Trend zur späten Geburt in Deutschland ist unübersehbar. Jede fünfte Frau ist hier mittlerweile bei der Geburt ihres Kindes älter als 35, in Berlin sogar fast jede vierte. Das hat Folgen: Die Zahl der Frühgeburten und Kaiserschnitte nimmt - trotz immer besserer Schwangerenvorsorge - deutlich zu. "Eins ist klar: Wir kaufen uns mit zunehmendem Alter auch Probleme ein", sagt Klaus Vetter, Professor am Vivantes Klinikum Neukölln.

Obwohl die Möglichkeiten größer sind als je zuvor, die die Medizin rund um die Geburt bietet, liegt im höheren Alter der Mütter - zumindest medizinisch gesehen - auch ein höheres Risiko. "Ältere Frauen werden schwerer schwanger, brauchen gegebenenfalls hormonelle Unterstützung oder gar künstliche Befruchtung und dadurch steigt die Zahl der Mehrlingsschwangerschaften", sagt Vetter. Zwillinge oder gar Drillinge werden aber häufig zu früh geboren. Mindestens ein Drittel aller Frühchen, also Kinder, die vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren werden, muss der Arzt vorzeitig auf die Welt holen, weil der Mutter oder dem Baby gesundheitliche Gefahren drohen.

Auch Ein-Pfund-Babys werden noch hochgepäppelt

Ein weiteres Problem: Nach wie vor rauchen und trinken viele Frauen während der Schwangerschaft. Joachim Dudenhausen, Leiter der Frauenheilkunde an der Berliner Charité, nennt die Zahlen "erschreckend": Seinen Angaben zufolge raucht in Berlin ein Viertel der Schwangeren und neun Prozent trinken regelmäßig Alkohol. Nach Schätzungen der Bundesärztekammer werden jährlich rund 35 Millionen Euro allein für Frühgeburten aufgewendet, die sich auf das Rauchen zurückführen lassen. Insgesamt werden die Kosten in Deutschland dafür auf jährlich 750 Millionen Euro geschätzt.

Die Mini-Babys passen manchmal in Größe 32, während ein 40-Wochen-Kind mindestens Größe 56 hat. Sie benötigen aufwendige medizinische Hilfe. "Auch hier liegt ein Grund für die steigende Anzahl der Frühgeburten - ihre Behandlung beginnt an einem ganz anderen Punkt. Wir zählen heute Kinder mit, die früher gar keine Chance gehabt hätten", sagt Vetter. So habe vor 25 Jahren die Gewichtsgrenze für ein Baby, dem Überlebenschancen eingeräumt wurden, bei 1000 bis 1200 Gramm gelegen. Mittlerweile werden auch kleine Ein-Pfund-Kerle hochgepäppelt.

So kommt es, dass die Frühgeburtsrate 2003 trotz besserer Vorsorge bei fast 9 Prozent lag, 1992 waren es 7,2 Prozent. Und auch die Zahl der Kaiserschnitte stieg - unter anderem aus diesem Grund - von knapp 150.000 im Jahr 1998 auf mehr als 175.000 in 2003, obwohl insgesamt weniger Kinder zur Welt kamen, nämlich nur rund 680.000.

Kaiserschnitt oft gar nicht nötig

Um die ganz Kleinen optimal zu betreuen, soll es nach Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses von Januar 2006 an eine neue Versorgungsstruktur geben. "Geburten der höchsten Risikostufe" werden dann nicht mehr flächendeckend, sonder konzentriert an bestimmten Zentren betreut. "In Deutschland wird es schätzungsweise 80 bis 100 solcher Zentren der höchsten Versorgungsstufe geben. Gut ein Prozent der Mütter ist davon betroffen", sagt Vetter. 80 bis 90 Prozent der werdenden Mütter hingegen seien in einer normalen Geburtsklinik rundum gut versorgt.

Einfühlsame Betreuung der Schwangeren ist für Vetter dabei ein zentraler Punkt. Auch viele Kaiserschnitte seien zu vermeiden, wenn die Frauen genügend aufgeklärt seien und Vertrauen zum Arzt haben. Die Bezeichnung "Wunschkaiserschnitt" möchte der Gynäkologe deshalb tunlichst vermeiden. "Es gibt nur Kaiserschnitte aus gutem Grund - zum Beispiel aus Angst oder wegen mangelnder Informationen", sagt er. "Wir müssen offen beraten und dabei erkennen, wie wichtig der Frau die Geburt als biografisches Ereignis ist." Für einige sei der Schnitt letztlich die bessere Lösung. Medizinisch gesehen gebe es für das eine wie für das andere gute Gründe.

Andrea Barthélémy/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker